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StartseiteKommentare und Themen der WocheOhrfeige für Co-Parteichef Jörg Meuthen 25.05.2021

Wahl des Spitzenduos der AfDOhrfeige für Co-Parteichef Jörg Meuthen

Die Mitgliederentscheidung über das Spitzenduo der AfD offenbart Gewinner, Verlierer und den zukünftigen Kurs der Partei, kommentiert Nadine Lindner. Co-Parteichef Meuthen sieht sie als klaren Verlierer, Weidel als Gewinnerin. Es spreche nun noch mehr dafür, dass die AfD weiter nach rechts rutscht.

Von Nadine Lindner

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Jörg Meuthen stützt seinen Kopf in die Hand und schaut nach unten (picture alliance/dpa | Kay Nietfeld)
Co-Parteichef Jörg Meuthen hatte sich für das andere Kandidatenteam aus Joana Cotar und Joachim Wundrak stark gemacht. (picture alliance/dpa | Kay Nietfeld)
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Diese Urwahl kennt klare Gewinner und Verlierer. Verloren hat Co-Parteichef Jörg Meuthen. Denn er hatte sich für das andere Kandidatenteam aus Joana Cotar und Joachim Wundrak stark gemacht. Sie konnten nicht einmal ein Drittel Zustimmung auf sich vereinigen – ihr Ziel mit gemäßigterem sympathischeren Auftreten auch bürgerlichere Wählerschichten ansprechen zu wollen, überzeugte die Basis offenbar nicht. 

Alice Weidel, Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag, und Tino Chrupalla, AfD-Bundesvorsitzender in einer Interviewszene (picture alliance/dpa | Kay Nietfeld) (picture alliance/dpa | Kay Nietfeld)Weidel und Chrupalla zum Spitzenduo der AfD gewählt
Alice Weidel und Tino Chrupalla bilden das neue Spitzenduo ihrer Partei. Beide stehen dem früheren, vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuften "Flügel" um Björn Höcke nahe.

Meuthen hat noch weitere Probleme: Ihm fehlen starke Verbündete, vielleicht auch ein Nachfolger oder Nachfolgerin, falls er im Herbst nicht wieder als Parteichef antritt. Meuthen könnte innerhalb der Partei noch weiter isoliert sein, als er dachte.  

Basis unterstützt Alice Weidel

Wie stark die Entfremdung an der Parteispitze ist, zeigte zwei kleine Nebenbemerkung auf der heutigen Pressekonferenz: Da wurden die Sieger Weidel und Chrupalla gefragt, ob sie schon mit Jörg Meuthen gesprochen hätten. Die Kälte in den Antworten war auffällig: Er habe die Pressemitteilung gelesen, da müsse man nicht mehr telefonieren, sagte Chrupalla. Sie habe so viele Glückwunschnachrichten bekommen, da werde sicherlich eine von Meuthen dabei gewesen sein, so Weidel. Ein Satz wie eine Ohrfeige für Meuthen. 

Die klare Gewinnerin ist Alice Weidel: Sie hatte lange gezögert und taktiert, sich nicht klar zu ihren Ambitionen geäußert. Seit heute kann sie sich sicher sein, dass sie viele an der Basis trotz Spendenaffäre, Führungsschwäche an der Fraktionsspitze und schlechtem Landtagswahlergebnis in Baden-Württemberg weiter unterstützen. Was heißt die Mitgliederentscheidung über die Spitzendkandidaten nun für den künftigen Kurs der Partei? 

Drei zentrale Elemente umfasst der AfD-Wahlkampf, zwei davon sind durch die radikaleren Parteikräfte geprägt. Das erste Element ist das Wahlprogramm. Auf dem Dresdner Parteitag im April wurde es unter tatkräftiger Mithilfe von Björn Höcke, den der Verfassungsschutz als Rechtsextremisten führt, noch einmal deutlich nachgeschärft – so soll der Familiennachzug bei Flüchtlingen komplett verboten werden, Deutschland soll aus der Europäischen Union austreten, es geht um den Dexit.  

Zukunft von Meuthen ungewiss

Das zweite Element ist die Wahlkampagne – die kommt betont harmlos daher. Mit dem Slogan "Deutschland, aber normal" will die Partei auch unpolitische Menschen ansprechen, helfen sollen Gute-Laune-Videos mit Hundewelpen. Niedliche Motive, die radikale Forderungen wie den EU-Austritt verkleistern.  

Die Delegierten zeigen in der Dresdener Messehalle beim Bundesparteitag der AfD in Dresden ihre Stimmkarten am 10.04.2021. (picture alliance / Revierfoto) (picture alliance / Revierfoto)Mit welchem Programm die AfD in die Bundestagswahl zieht
In vielen Punkten wurden die Positionen der Partei verschärft. Forderungen sind unter anderem ein EU-Austritt Deutschlands und eine vollständig andere Corona-Politik.

Das dritte Element sind seit heute die Spitzenkandidaten – mit Alice Weidel und Tino Chrupalla stehen nun zwei an der Spitze, die inhaltlich flexibel sind, sich gut mit dem radikalen Netzwerk rund um den Ex-Flügel und Höcke arrangiert haben und ihn nicht wie Meuthen attackieren werden. Ein gutes Landtagswahlergebnis in Sachsen-Anhalt Anfang Juni könnte als zusätzliche Stärkung des radikalen Lagers gesehen werden, dort sieht man sich klar auf Höcke-Linie. 

Seit heute spricht noch mehr dafür, dass die AfD in diesem Wahl-Jahr noch einmal weiter nach rechts rutscht. Endgültige Gewissheit wird der Parteitag im Herbst bringen, dann wird der Bundesvorstand turnusmäßig neu gewählt. Und es könnten einige Köpfe rollen. Das politische Schicksal von Jörg Meuthen ist heute noch einmal ungewisser geworden. 

Nadine Lindner, Deutschlandradio Hauptstadtstudio, Juli 2019 (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Nadine Lindner - Dlf-Korrespondentin im Hauptstadtstudio Berlin (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Nadine Lindner, Jahrgang 1980, studierte Politikwissenschaft, Afrikanistik und Journalistik in Leipzig und Lissabon. Nach Stationen beim Ausbildungssender der Universität Leipzig mephisto 97.6, der "FAZ" und dem MDR folgte ein Volontariat beim Deutschlandradio. Von 2013 bis 2015 war sie Landeskorrespondentin im Studio Sachsen. Heute arbeitet sie als freie Korrespondentin im Hauptstadtstudio und ist für die AfD sowie für die Verkehrspolitik zuständig.

 

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