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StartseiteKommentare und Themen der WocheEine Chance, den Stillstand zu überwinden01.04.2019

Wahl in der UkraineEine Chance, den Stillstand zu überwinden

Der Sieg des Komikers Wladimir Selenski beim ersten Wahlgang der Präsidentenwahl in der Ukraine sei auch ein Sieg der Demokratie, meint Florian Kellermann. Denn von Amtsinhaber Petro Poroschenko seien die Wähler bitter enttäuscht. Auch deshalb gelte Selenski nun als Favorit für die Stichwahl.

Von Florian Kellermann

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Der Schauspieler und Präsidentschaftskandidat Wolodymyr Selenskij bei seiner Stimmabgabe zur Präsidentschaftswahl in der Ukraine. (xStrx / Zuma / imago-images)
Der Schauspieler und Präsidentschaftskandidat Wladimir Selenski bei seiner Stimmabgabe zur Präsidentschaftswahl in der Ukraine. (xStrx / Zuma / imago-images)
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Die Präsidentenwahl in der Ukraine, der erste Wahlgang, hat zwei Sieger: Wladimir Selenski und die Demokratie. Ja, der Wahlkampf war mitunter schmutzig. Aber die Wahl lief alles in allem fair ab. Und das ist keinesfalls selbstverständlich in einem postsowjetischen Land, schauen wir nur nach Russland oder Weißrussland. Und erst recht nicht in einem Land, in dem de facto Krieg herrscht.

Bemerkenswert ist auch, woher die Wähler von Selenski kommen. In der Ukraine standen sich oft ein Kandidat des nach Europa orientierten Westens - und einer der nach Russland orientierten Ostukraine gegenüber.

Selenski nun hat Anhänger in allen Teilen der Ukraine. Er wurde nicht nur im russischsprachigen Osten und Süden gewählt, wo sein Humor am besten verstanden wird. Er liegt auch in Wolhynien im Nordwesten vorne - ebenso wie im südwestlichen Karpaten-Vorland. Er scheint die Menschen aus verschiedenen Regionen zu verbinden - und das ist wertvoll für ein geschundenes Land wie die Ukraine.

Selenski ist Favorit für die Stichwahl

Ein dritter positiver Aspekt dieser Wahl: Es ging im Wahlkampf nicht mehr um die globale Ausrichtung der Ukraine. Die Anbindung an den Westen ist beschlossene Sache. Die Zahl der Wähler, die nur Russland als Partner gelten lassen, ist deutlich geschrumpft.

Stattdessen ging es im Wahlkampf endlich um Fragen, die das Land weiterbringen - etwa um die umstrittene, aber dringend notwendige Gesundheitsreform. Um die sogenannte Dezentralisierung, durch die Kommunen mehr Spielräume bekommen.

Nun ist ein Kabarettist der Favorit für die Stichwahl, und das mag mancher lächerlich finden. In der Tat kann man sich den 41-jährigen Selenski, so ehrlich er auch wirkt, im Moment noch schwer in Verhandlungen zum Beispiel mit dem russischen Präsidenten Vladimir Putin vorstellen.

Poroschenko war eine bittere Enttäuschung

Aber einerseits gilt festzuhalten, dass die Ukrainer eine nachvollziehbare Entscheidung getroffen haben. Der Amtsinhaber Petro Poroschenko hat Verdienste. Genannt sei vor allem die Armee, die jetzt das Land verteidigen kann. Aber innenpolitisch, bei der Bekämpfung der Korruption, war er eine bittere Enttäuschung. Da wollen viele Ukrainer den Stab nicht einfach an den nächsten Routine-Politiker weiterreichen.

Und andererseits muss man auch einem Schauspieler zugestehen, dass er an seinen Aufgaben wachsen kann. Eines zumindest macht Selenski schon jetzt besser als alle seine Konkurrenten: Er wirkt volksnah - und das, obwohl er bisher nur selten als Politiker öffentlich aufgetreten ist.

Selenski ist für die Ukraine ein größeres Risiko als Poroschenko, dessen Politik inzwischen leidlich bekannt ist. Aber er verkörpert eben auch die Chance, den Stillstand, der sich in wichtigen Bereichen des Staates breitgemacht hat, zu überwinden.

Portrait von Florian Kellermann (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Florian Kellermann (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Florian Kellermann, Jahrgang 1973, hat sich als freier Autor seit Jahren auf Reportagen und Berichte aus den Ländern Mittel- und Osteuropas konzentriert. Grundlage für die Qualität seiner Berichte sind neben langjähriger journalistischer Erfahrung seine exzellenten Kenntnisse der Region, ihrer Kulturen und ihrer Sprachen sowie ein Studium der Philosophie und Slawistik an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Krakau. Er berichtet für Deutschlandradio seit 2008 mit Sitz in Warschau aus Polen, der Ukraine und – gemeinsam mit dem Moskau-Korrespondenten Thielko Grieß - auch aus den baltischen Staaten und Weißrussland.

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