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StartseiteKommentare und Themen der WocheVon der Regenbogen-Nation weit entfernt10.05.2019

Wahl in SüdafrikaVon der Regenbogen-Nation weit entfernt

Auch wenn der ANC die absolute Mehrheit noch einmal verteidigen konnte, bröckelt der Rückhalt der Anti-Apartheidspartei, kommentiert ARD-Johannesburg-Korrespondentin Jana Genth. Angesichts von Ungleichheit, Korruption und Kriminalität wird Hoffnungsträger Ramaphosa eine Zeitenwende liefern müssen.

Von Jana Genth

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In einer Schule in Durban beginnen Wahlhelfer mit der Auszählung der Stimmzettel.  (AFP / Rajesh Jantilal)
Stimmauszählung in einer Schule in Durban (AFP / Rajesh Jantilal)

Als Nelson Mandela abgedankt hat, da hatte er den Traum von der Regenbogen-Nation. 20 Jahre ist es her, seit er auf eine erneute Kandidatur als Präsident Südafrikas verzichtet hat. Seine Partei, der ANC, hat weiter regiert, aber seitdem ist es stetig bergab gegangen mit einem Land, das nicht nur landschaftliche Schönheit hat, sondern auch jede Menge Bodenschätze.

Ja, der ANC ist der Wahlsieger – mit absoluter Mehrheit kann die Partei auch fortan allein regieren. Aber: sie wurde abgestraft. Zum einen hat sie weniger Prozente bekommen, zum anderen war die Wahlbeteiligung so niedrig wie noch nie. Die Demokratie wird erwachsen, könnte man meinen. Wenn man aber mit den Nichtwählern spricht, dann spürt man förmlich, wie enttäuscht und frustriert sie sind. Sie wollten protestieren mit den Nichtwählen.

Es herrscht immer noch verkappte Apartheid

Denn Südafrika ist tatsächlich getrieben. Für die Weltbank ist es das ungleichste Land der Welt. Immer noch herrscht verkappt Apartheid, für die meisten Weißen hat sich nicht viel geändert seit Beginn der Demokratie. Sie wohnen in guten Häusern, schicken ihre Kinder auf gute Schulen, und sie haben Land. Die meisten Schwarzen leben zwar inzwischen in Häusern, sie haben zumindest meist auch Strom und Wasser, aber sie sind arm.

Jeder Vierte hat keine Arbeit, bei den unter-30-Jährigen ist es sogar jeder Zweite. Da überrascht es im Grunde gar nicht, dass die Kriminalität hoch ist. Das größte Problem, das Südafrika aber hat, ist die Korruption. Staatliche Konzerne sind von ihr durchzogen, selbst die Regierungspartei ANC ist von Flügelkämpfen geplagt, die auf korrupten Machenschaften beruhen. Vetternwirtschaft hat geblüht unter Jacob Zuma, der neun Jahre lang Präsident war.

Cyril Ramaphosa steht vor einem Balance-Akt

Vor mehr als einem Jahr wurde er abgelöst von Cyril Ramaphosa, der nun Rückenwind hat. Denn er ist wirklich ein Hoffnungsträger, eine Figur, die viele Menschen dazu bewogen hat, eine Partei zu wählen, von der sie eigentlich genug haben. Ramaphosa hat eine Zeitenwende versprochen, einen Reformkurs in Aussicht gestellt. Er wird liefern müssen, und das will er auch. Aber es wird ein Balance-Akt werden, denn auch als Parteichef muss er mit den Parteimitgliedern klarkommen, die Dreck am Stecken haben. Er muss eine tief gespaltene Partei und einen Staat führen.

Die Wahl in Südafrika zeigt aber auch, dass populistische Parteien punkten konnten. Die linksradikale EFF hat die 10-Prozent-Marke geknackt – sie ruft immer wieder nach Landenteignung ohne Entschädigung. Aber auch die Freiheitfront plus wird Abgeordnete ins Parlament schicken. Das ist eine betont konservative Partei, die sich für die Selbstbestimmung von Minderheiten stark macht. Das Wahlergebnis zeigt, wie zerklüftet die südafrikanische Gesellschaft im Grunde ist. Immer wieder sehe ich, wie junge Menschen bemerkenswert entspannt mit Hautfarben umgehen, und dennoch ist eines klar: Von der Regenbogen-Nation ist Südafrika weit entfernt.

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