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StartseiteKommentare und Themen der WocheImamoglu - mehr als nur ein Bürgermeisterkandidat07.05.2019

Wahlannullierung in der TürkeiImamoglu - mehr als nur ein Bürgermeisterkandidat

Bei der Annullierung der Bürgermeisterwahl von Istanbul gehe es um mehr als einen Posten – zumindest für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, kommentiert Karin Senz. Der Bürgermeisterkandidat der Opposition, Ekrem Imamoglu, könnte Erdogan auch auf Landesebene gefährlich werden.

Von Karin Senz

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Ekrem Imamoglu während einer Rede auf einer Protestveranstaltung gegen die Annullierung der Bürgermeisterwahl in Instanbul (AFP/Bulent Kilic)
Ekrem Imamoglu gleicht bei seinem Auftritten Präsident Recep Tayyip Erdogan, meint Karin Senz (AFP/Bulent Kilic)
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Es ist schon erstaunlich: Plötzlich interessiert man sich in Deutschland für eine Bürgermeisterwahl in der Türkei. Aber es ist eben auch nicht irgendeine Wahl. Es ist die Bürgermeisterwahl in Istanbul, in der Millionenmetropole am Bosporus - wo viele schon mal waren.

25 Jahre lang wurde die Stadt von islamisch-konservativen Parteien regiert, vor allem von Erdogans AKP. Dazu kommt, der türkische Präsident polarisiert in Deutschland ungemein. Es geht also gegen Erdogan, der bis vor Kurzem unbesiegbar schien. Das hatte die türkische Opposition regelrecht in eine Depression gestürzt.

Imamoglu - vom Noname zum Erdogan-Konkurrenten

Vor den landesweiten Kommunalwahlen Ende März schielten viele auf die schlechte wirtschaftliche Lage. Die könnte ihn in die Knie zwischen, hofften Kritiker. Dabei stand Erdogan gar nicht selbst auf dem Wahlzettel. Egal, er hat den Wahlkampf dominiert, die Wahl zu einer Überlebensfrage der Nation gemacht. Der eigentliche AKP-Kandidat ging damals schon unter, obwohl er einen Namen hat, den man durchaus auch in Deutschland kennt. Binali Yildirim war schließlich früher mal türkischer Ministerpräsident, bis er selbst mitgeholfen hat, das Amt abzuschaffen. Er hat nur die Statistenrolle inne, neben Erdogan als Hauptdarsteller.

Nur der kriegt Konkurrenz von Ekrem Imamoglu. Den Namen kannte nicht nur in Deutschland bis vor Kurzem kaum einer. Auch in der Türkei war er wohl nur den Menschen im Istanbuler Stadtteil Beylikdüzü ein Begriff, wo er fünf Jahre lang ein unscheinbarer Bezirksbürgermeister war. Ein Noname also, der sich für die oppositionelle CHP als Kandidat für die Bürgermeisterwahl aufstellen ließ. Ab da scheint er alles richtig zu machen: Er wirkt freundlich, konservativ, hört seinen Bürgern zu. Ab seinem Wahlsieg scheint er nur noch draußen zu sein - bei den Menschen.

Dass er auch die Show beherrscht, hat er gestern Abend wieder gezeigt. Erst ein Video auf Twitter mit einer muslimischen Familie beim Fastenbrechen - ganz bescheiden. Dann der große Auftritt auf der Bühne in einem Heimatsstadtteil. Tausende Anhänger warten da auf ihn. Er lässt sich Zeit, zieht erst sein Jackett in aller Ruhe aus, krempelt sich die Ärmel vom weißen Hemd hoch, als würde er sich vom biederen Bürgermeister zum Superhelden verwandeln. Das ist ganz großes Kino.

Erdogan kann Imamoglu nicht als Bürgermeister akzeptieren

Bei den ersten Worten breitet er die Arme aus. Dann spricht er und klingt – fast wie Erdogan bei seinen Reden. Es scheint, als hätte er sich viel von ihm abgeschaut. Der türkische Präsident beherrscht es perfekt, fürsorglich jedem Mütterchen zuzuhören und andererseits auf der Bühne tausende Anhänger mitzureißen. Dass Imamoglu ihm in dem Punkt so ähnlich ist, könnte dem Newcomer gefährlich werden. Viele sehen ihn ihm nicht nur den neuen Bürgermeister von Istanbul, sondern den Mann, der Erdogan vom Sockel stoßen könnte. Da kann sich der Kommunalpolitiker noch so sehr bemühen, nicht den Hauch von irgendwelchen Ambitionen erkennen zu lassen.

Erdogan kann Imamoglu jetzt nicht mehr als Istanbuler Bürgermeister akzeptieren. Er sieht ihn ihm möglicherweise den jungen Recep Tayyip Erdogan am Anfang seiner Karriere. Schließlich hat auch er mal als Istanbuler Bürgermeister angefangen.

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