Sonntag, 21.04.2019
 
Seit 10:05 Uhr Gottesdienst
StartseiteKommentare und Themen der WocheMit der Angst lässt sich keine Zukunft gestalten15.04.2019

Wahlen in FinnlandMit der Angst lässt sich keine Zukunft gestalten

Mit nur einem Sitz mehr gehen die Sozialdemokraten als Sieger aus der Parlamentswahl in Finnland hervor. Knapp dahinter die Rechtspopulisten von "Die Finnen". Es konkurrieren hier zwei völlig unterschiedliche politische Konzepte, meint Carsten Schmiester - von denen aber nur eines eine Zukunft hat.

Von Carsten Schmiester

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Plakate einiger Kandidaten für die finnische Parlamentswahl in der Innenstadt. (Emmi Korhonen/Lehtikuva/dpa)
Die Sozialdemokraten haben die Parlamentswahl knapp gewonnen - die Suche nach einem Koalitionspartner wird schwierig. (Emmi Korhonen/Lehtikuva/dpa)
Mehr zum Thema

Finnland-Wahl Hauchdünner Wahlsieg für finnische Sozialdemokraten

Politologe zur Finnland-Wahl "Die Nation ist wahrscheinlich heterogener geworden"

Parlamentswahl Enges Rennen in Finnland

Sechs Prozent der Finnen, nur sechs Prozent, sind keine "wahren Finnen" im Sinne ihrer Herkunft, sondern sie haben ausländische Wurzeln. Damit gelten die Finnen als eines der homogensten Völker in Europa und wählen trotzdem eine Partei zur zweitstärksten politischen Macht, die sich für ein deutlich verschärftes Asylrecht einsetzt, die Angst vor Überfremdung schürt?

Seltsam, dass das scheinbar überall dort am besten funktioniert, wo vergleichsweise wenig Flüchtlinge anzutreffen sind. Oder "Asylshopper", wie der wegen islamfeindlicher Äußerungen in einem Blog rechtskräftig verurteilte "Finnen"-Chef Jussi Halla-aho diese Menschen nennt und damit den Eindruck erweckt, als seien sie alle nur darauf aus, großzügige Gesellschaften und ihre Sozialsysteme auszunutzen.

Strategie gegeh Populisten ging nicht auf

In Finnland finden sich dafür mangels Masse allerdings nur schwer Beweise. Egal, mehr als 17 Prozent der Finnen haben die gleichnamige Partei gewählt, damit auch jede Menge EU-Skepsis und allgemeine Ablehnung des politischen Establishments, das ganze Populistenpaket eben. Kennen wir aus vielen anderen Ländern, teils sogar deutlich ausgeprägter. Was den "Finnen"-Fall besonders macht, ist die Tatsache, dass sich die Partei in den vergangenen zwei Jahren buchstäblich radikal gewandelt hat.

Ein gemäßigter Flügel von Halla-aho-Kritikern hatte sich unter dem Namen "Blaue Zukunft" abgespalten, war in der Mitte-Rechts-Koalition geblieben und musste jetzt sein "blaues Wunder" erleben: Nur ein Prozent der Stimmen bei der Wahl, aber 17,5 für Halla-ahos Ultra-Hardliner.

Damit hatte außer ihnen selbst wohl kaum jemand wirklich gerechnet und damit ist auch die Theorie widerlegt, oder nennen wir es Hoffnung, dass es genügt, Populisten in Koalitionen einzubinden, sie zu Kompromissen zu zwingen und sich dann daran aufreiben zu lassen. Klappt nicht, jedenfalls nicht in Finnland. Soweit, so schlecht. Besser schon das Abschneiden der Sozialdemokraten, die nach 20 Jahren wieder eine Wahl in Finnland gewonnen haben.

Sozialdemokraten können noch Wahlen gewinnen

Es gibt sie also noch und ihre Vision vom Wohlfahrtsstaat. Da müssen nur genug Leute genug haben vom Sparen und Sozialabbau, und schon bekommen sie wieder mehr Stimmen. Glaubwürdige Politiker vorausgesetzt, ein ebenso modernes wie pragmatisches Programm mit dem Schwerpunkt "Bildung" zum Beispiel, und eine Parteiführung, die – wieder – auf die Basis hört und sie einbindet.

Diese Wahl hatte also zwei Gewinner, Sozialdemokraten und auch die Populisten mit zwei klaren Strategien für den Wahlkampf, zwei wenn auch ganz unterschiedliche Konzepte: Das eine "Angst", das andere "Hoffnung". Beide haben in Finnland funktioniert und würden das wohl auch anderswo tun. Aber nur eines blickt nach vorn und hat deshalb Zukunft! 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk