Kommentare und Themen der Woche 14.12.2019

Wahlsieg der ToriesLabour-Partei am Tiefpunkt ihrer GeschichteVon Friedbert Meurer

Beitrag hören Labour-Chef Jeremy Corbyn (imago / ZUMA Press)Der interne Machtkampf, wer Jeremy Corbyn als Parteichef bei Labour beerben soll, habe dem Wahlkampf geschadet (imago / ZUMA Press)

Der Hauptgrund für die historische Wahlschlappe der Labour-Partei sei die Abgehobenheit der Parteiführung von den Wählern, kommentiert Friedbert Meurer. Der Corbynismus sei ein Projekt für Groß- und Universitätsstädte, mit dem Labour–Anhänger in den traditionellen Hochburgen nichts anfangen könnten.

Die Tage nach der Wahl bieten die Gelegenheit zum Trübsal blasen für die einen, während die anderen noch von Siegesgefühlen erfüllt sind. Boris Johnson tourt als erstes durch die ehemaligen Labour-Hochburgen in Nord-England, um Danke schön zu sagen. Gleichzeitig legt er damit den Finger in die Wunde, warum Labour die Wahl krachend verloren hat, mit dem schlechtesten Ergebnis seit 1935.

Labour zerfleischte sich gegenseitig

Johnson war von der Basis seiner Partei im Sommer als Parteichef gewählt worden, weil sich die Tories von ihm am ehesten versprachen, Wahlen zu gewinnen. Das Kalkül ging bestens auf. Bei Labour ist das anders. Was jetzt in den Stunden und Tagen nach dem Debakel zum Vorschein kommt, lässt jedenfalls an den Motiven der Wahlkämpfer zweifeln.

Mitarbeiter aus der Labour-Wahlzentrale berichten von Ranküne, internen Machtkämpfen und der großen Auseinandersetzung, wer Jeremy Corbyn als Parteichef beerben soll. Dieser Kampf um die Nachfolge begann schon spätestens im September vor dem Parteitag – und torpedierte dann die Planung und Konzeption des Wahlkampfs. Das Toppersonal von Labour zerfleischte sich gegenseitig.

Parteiführung zu abgehoben

Corbyn selbst behauptete unmittelbar nach der Wahl, das Wahlmanifest sei doch hervorragend gewesen. Laura Parker, die Koordinatorin der Labour-nahen Bewegung Momentum, verkündet, die Niederlage habe nur mit dem Brexit zu tun – nichts mit dem Wahlangebot oder der Ausrichtung Labours. Der Gedanke dahinter lautet: Uns gebührt eigentlich der Wahlerfolg, "We are the many, not the few." Aber das Wahlergebnis zeigt, wer die vielen und wer die wenigen sind.

Der Hauptgrund für die historische Wahlschlappe ist aber die Abgehobenheit der Führung von den Wählerinnen und Wählern. Der Corbynismus ist ein Projekt der Groß- und Universitätsstädte. Die Labour–Anhänger in den traditionellen Hochburgen können damit nichts anfangen. In Wahlkreisen, in den Menschen besonders niedrig qualifiziert sind, ist Labour um 14 Prozent abgestürzt. Für den Norden hat sich bei Labour in einer Mischung aus Arroganz und Ignoranz niemand interessiert. Die Working Class wählt jetzt konservativ.

Der Brexit dient auch nicht als Ausrede, dass doch ansonsten alles perfekt gewesen sei. Linke EU-Gegner wie Jeremy Corbyn selbst haben verhindert, dass Labour sich beim Brexit als Alternative präsentieren konnte.  Wer den Brexit wollte, wählte die Konservativen. Labours Spagat hat der Partei geschadet.

Labour nicht so bald wieder in Downing Street

Vermutlich wird es jetzt an den Gewerkschaften liegen, wer Corbyns Nachfolger wird. Sie haben entscheidenden Einfluss bei Labour. Wollen sie die Partei auf Dauer von Corbyns Gläubigen zu einer sektiererischen Partei degradieren lassen?  Hunderttausende haben bei Wind und Regen Wahlkampf gegen Boris Johnson gemacht, nicht um sich hinterher selbst auf die Schulter zu klopfen, sondern um eine Wahl zu gewinnen und um den Kurs des Landes zu bestimmen.

Labour ist am Tiefpunkt seiner Geschichte angelangt – von Leuten angeführt, die für sich reklamieren, sie in lichte Höhen führen zu wollen. Und genau diese Leute werden alles daran setzen, dafür zu sorgen, dass niemand von der stolzen und traditionsreichen britischen Partei so schnell wieder in die Downing Street einziehen kann.

Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer, Jahrgang 1959, studierte Germanistik und Geschichte in Mainz und Bielefeld mit dem Abschluss Lehramt für Gymnasien. 1986/87 gehörte er zum Gründungsteam des Privatradios RPR in Koblenz und volontierte dann 1988/89 beim Deutschlandfunk. 1995 bis 1999 arbeitete Meurer als Parlamentsreporter in Bonn mit dem Schwerpunkt Außenpolitik. Bis 2015 war er Ressortleiter Zeitfunk und moderierte u. a. "Informationen am Morgen". Seit August 2015 ist er Korrespondent von Deutschlandradio in London.

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