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StartseiteForschung aktuellSatellitendaten erleichtern die Feuerbekämpfung 11.08.2021

Waldbrände im MittelmeerraumSatellitendaten erleichtern die Feuerbekämpfung

Waldbrände und Buschfeuer werden heute meist früh erkannt - dank Infrarotkameras im Orbit, die selbst ein kleines Lagerfeuer aufspüren können. Die Einsatzkräfte in Italien, Spanien, Griechenland und der Türkei waren vorgewarnt. Doch bei der Vielzahl an Brandherden half das diesmal nicht viel.

Von Volker Mrasek

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Feuerwehrleute bekämpfen einen Waldbrand in einem Waldgebiet nördlich von Athen.  (dpa / picture alliance / Angelos Tzortzinis)
Feuerwehrleute in Griechenland bekämpfen einen Waldbrand nördlich von Athen. (dpa / picture alliance / Angelos Tzortzinis)
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Bei extremen Feuern brauchen die Brandbekämpfer am Boden einen guten Draht ins All. Dort sind Satelliten unterwegs, bestückt mit Infrarotkameras. Sie decken jenen Spektralbereich ab, in dem Feuer ihre immense Wärmestrahlung abgeben. Darunter sind auch immer mehr Nanosatelliten. In Europa fließen diese Daten in ein Waldbrand-Informationssystem, zu dem alle EU-Staaten Zugang haben. Es existiert schon so lange, wie sich auch Alexander Held aus dem Europäischen Forstinstitut in Bonn mit der Materie beschäftigt – über 20 Jahre:

"Wenn man sieht, was wir heute machen können mit deutlich mehr Satelliten, auch kleinen Satelliten, die gar nicht arg viel größer sind als ein Schuhkarton, die aber in größerer Dichte jetzt dort oben sind und mit besserer Sensorik! Ich kann in einer total chaotischen Situation wie jetzt in der Türkei und Griechenland von oben den Überblick bewahren und auch sehen: Welche Feuer sind besonders intensiv? Welche Brände sind in besonders kritischer Landschaft? Wie viele Feuer hab‘ ich überhaupt? Wo entstehen neue Feuer? Und so weiter."

Der Blick von oben - "ein konkreter taktischer Vorteil"

Die Daten fließen automatisch in die Lagezentren der Krisenregionen und helfen bei der Planung der Löscheinsätze. Laut dem Bonner Forstwissenschaftler nutzt die Satellitenüberwachung auch Feuerwehrkräften und Brandexperten, die mitten im Geschehen stecken: "Also, ich hab‘ Kollegen aus England zum Beispiel, mit denen bin ich in Kontakt. Die sind also irgendwo in Griechenland. Und es ist totales Chaos und es ist Rauch und so weiter. Orientierungslosigkeit will ich es noch nicht nennen, aber Orientierungsschwierigkeiten. Und wenn man dann sagen kann: Pass auf, schick‘ mir ’mal ein Pin, wo du bist! Man kann das dann über Fernerkundungsdaten sagen: O.k., du bist auf der linken Seite eines großes Brandes, linke Flanke, rechte Flanke. Und man kann diese Information weitergeben. Das ist ein ganz, ganz konkreter taktischer Vorteil!" 

Wertvolle Daten aus der Vergangenheit

Das Europäische Waldbrand-Informationssystem verfügt auch über eine Datenbank mit allen Feuern der Vergangenheit. Sie enthält um die zwei Millionen Einträge aus mehr als 20 Ländern. Diese Daten lieferten den Einsatzzentralen weitere nützliche Informationen zur Lage vor Ort, sagt Alexander Held:"Seit wann hat diese Fläche nicht mehr gebrannt? Oder wann war das letzte Feuer? Daraus kann ich ableiten, welche Brennmaterial-Menge drauf ist. Da kann ich also schon, wenn man all diese Daten zusammenführt, sehr viel taktische Informationen rausholen."

Die Löschtrupps wissen dadurch, auf welchen Flächen es nicht so brenzlig wird, weil dort bereits Feuer gewütet haben und seither nur wenig brennbares Holz nachgewachsen ist. Unerlässlich waren Erdbeobachtungs- und Wettersatelliten auch im Vorfeld der verheerenden Brände im östlichen Mittelmeer-Raum, so Alexander Held: "Die Vorhersage war eigentlich einwandfrei. Wir haben sehr gute Frühwarnsysteme, die also den Feuerwetter-Index produzieren. Da spielt hauptsächlich die Wettersituation mit rein, also Wetterdaten, aber auch der Zustand der Vegetation. Und da ist sehr, sehr deutlich mit mehreren Tagen Vorlauf zu sehen, wann wo die Feuergefahr auch extrem steigt."

Die Einsatzkräfte waren vorgewarnt

Schon vor Ausbruch der Megabrände seien Feuerwehrleute und Piloten von Löschflugzeugen deshalb in Alarmbereitschaft gewesen, sagt der Bonner Waldbrandexperte: "Das ist in Ländern wie Griechenland und Türkei eigentlich selbstverständlich: Wenn dieser Gefahrenindex hoch geht auf Gelb, Orange und Rot, dann sitzen im Extremfall die Piloten eben schon in der fertig getankten Maschine, die Bodentruppen sitzen bereits auf ihren Fahrzeugen oder fahren Patrouille, um diese Zeitspanne zwischen Detektion des Feuers und Erstangriff möglichst gering zu halten. Denn immer nur der Erstangriff entscheidet eigentlich unter solchen Wetterbedingungen zwischen harmlos oder dann gleich bald Katastrophenfeuer."

Diesmal aber konnte die satellitengestützte Vorwarnung und Koordination der Löscheinsätze die Katastrophe nicht verhindern: "Es waren jetzt zu extreme Bedingungen, zu viele Feuer gleichzeitig, die innerhalb kürzester Zeit Intensitäten entwickeln und Energie freisetzen. Auch wenn Sie dann mehr Flugzeuge haben oder mehr Feuerwehrautos – da kommt Energie raus, da kommen sie gar nicht mehr hin."

Feinstaub und Giftpartikel gefährden die Gesundheit

Diese Energie drückte sich auch in der starken Rauchentwicklung der Feuer aus. Mark Parrington hat sie verfolgt, ebenfalls mit Hilfe von Satelliten. Der britische Atmosphärenphysiker arbeitet für das europäische Erdbeobachtungsprogramm Copernicus:

"Es gab Feuer nördlich von Athen, und der Wind trieb den Rauch in die Stadt, wo die Luftverschmutzung durch den Verkehr eh schon hoch ist. Der Rauch enthält nicht nur Feinstaub-Partikel, sondern auch Giftstoffe, die der menschlichen Gesundheit schaden. Zum Beispiel Cyanide oder unverbrannte Kohlenwasserstoffe wie Benzol."                                                                               

In den letzten Jahrzehnten sind Wald- und Buschbrände zwar tendenziell stärker geworden, ihre Zahl ging aber leicht zurück. Diese Saison mit Großfeuern auf vielen Kontinenten könnte den Trend aber brechen.

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