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StartseiteKommentare und Themen der WochePolitischer Streit verhindert Krisenbekämpfung06.08.2021

Waldbrände in der TürkeiPolitischer Streit verhindert Krisenbekämpfung

Die Waldbrände werden durch das vergiftete innenpolitische Klima in der Türkei zum Wahlkampfthema, kommentiert Thomas Seibert im Dlf. Der türkische Präsident Erdogan rückt die Systemfrage in den Vordergrund. Dadurch werden nüchterne Debatten über Brandursachen und Vorsorgemaßnahmen verhindert.

Ein Kommentar von Thomas Seibert

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Waldbrände in der Türkei (picture alliance / AA | Ali Riza Akkir)
Aufgrund eines innenpolitisch vergifteten Klimas werden Vorsorgemaßnahmen für Waldbrände wohl ausbleiben, meint Thomas Seibert (picture alliance / AA | Ali Riza Akkir)
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Waldbrände gibt es in der Türkei jeden Sommer. Diesmal brachen wegen einer Hitzewelle und einer langen Trockenperiode allerdings mehr und größere Feuer aus als gewöhnlich. Insofern hat die Regierung von Präsident Erdogan recht, wenn sie auf das historische Ausmaß der Brände hinweist. Doch Fehler der Regierung haben aus einem Unglück eine Katastrophe gemacht.

ANTALYA, TURKEY - AUGUST 03: Works to extinguish the fire near Cardak neighbourhood of Manavgat district of Antalya, Turkey continue on August 03, 2021. Ground and air support works to extinguish the fire are underway. Mustafa Ciftci / Anadolu Agency (Mustafa Ciftci / Anadolu Agency) (Mustafa Ciftci / Anadolu Agency)Feuerökologe: Nicht nur Klimawandel begünstigt Wald- und Buschbrände
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So hat die Türkei trotz der ständigen Waldbrandgefahr keine einsatzfähigen Löschflugzeuge – das Land ist auf Maschinen aus dem Ausland angewiesen. Zu den Fehlern gehört auch die rücksichtslose Bebauung der Küstenregionen, wo schon in normalen Zeiten das Wasser knapp wird. Außerdem stellt die Regierung selbst mitten in der Krise die Parteipolitik an die oberste Stelle.

Minister und Gouverneure trafen sich in den Unglücksgebieten zu Besprechungen, luden die Bürgermeister der betroffenen Städte aber nicht zu den Sitzungen ein, weil sie der Opposition angehören. Erdogan schob die Schuld an den Bränden gleich ganz den oppositionsregierten Kommunen an den Küsten zu.

Vergiftetes innenpolitisches Klima

Das vergiftete innenpolitische Klima erschwert nicht nur die Soforthilfe, sondern macht auch dringend notwendige Sachdiskussionen unmöglich. So redet niemand darüber, wie die Türkei mehr für den Klimaschutz tun könnte. Stattdessen rückt die Systemfrage in den Mittelpunkt.

Erdogans extrem zentralisiertes Präsidialsystem mit ihm selbst an der Spitze hat nach Ansicht der Opposition in der Waldbrandkrise versagt. Erdogans Gegner wollen bei den nächsten Wahlen in zwei Jahren zum parlamentarischen System zurückkehren. Die Waldbrände werden damit zum Wahlkampfthema. Nüchterne Debatten über Brandursachen und Vorsorgemaßnahmen für den nächsten Sommer wird es nicht geben. Neuen Riesenfeuern im nächsten Jahr wird nicht vorgebeugt.

Ein Aufkleber mit der Aufschrift "Stoppt Erdogans Staats-Terrorismus". (dpa / picture alliance / Wolfram Steinberg) (dpa / picture alliance / Wolfram Steinberg)Wie die Türkei weltweit auf Dissidentenjagd geht 
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Trotz aller Probleme setzt Erdogan darauf, seine Anhänger mit Parolen von einer – so wörtlich – "Starken Türkei" bei der Stange zu halten. Er will in Rekordzeit 250 Millionen neue Bäume pflanzen lassen. Doch es werden Jahre vergehen, bis der Waldbestand wiederhergestellt ist.

Millionen Türken sind überzeugt, dass die Behörden bei der Brandbekämpfung versagt haben. Schon vor den Waldbränden klagten viele Wähler über Inflation, Arbeitslosigkeit, Korruption und Umweltzerstörung – die Brände verstärken bei ihnen das Gefühl, dass ihr Land auf dem falschen Weg ist.

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