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StartseiteMusikjournalLive-Musik, Plüsch und musikalische Hausgeister08.02.2021

Waldhaus-Hotel in der SchweizLive-Musik, Plüsch und musikalische Hausgeister

Hesse, Visconti, Adorno: Sie alle waren zu Gast im Schweizer Hotel Waldhaus in Sils-Maria. Das Haus hat eine lange musikalische Tradition. Seit 1908 wird regelmäßig konzertiert – auch in Corona-Zeiten spielt zweimal täglich ein Trio. Und dann gibt es da noch das Welte-Mignon und einige Hausgeister.

Von Jörn Florian Fuchs

Das Waldhaus-Hotel in Sils-Maria im Kanton Grisons in der Schweiz hinter Baumwipfeln, dahinter Bergspitzen. (picture alliance / Gaetan Bally)
Sieht aus wie das "Overlook"-Hotel aus "The Shining" - aber die Hausgeister sind freundlicher. (picture alliance / Gaetan Bally)

Nachmittags geht es eher gemütlich zu, mit Kaffeehausmusik, während abends die Rhythmen und Farben kräftiger und jazziger werden. Urs Kienberger, einer der Waldhaus-Senior-Chefs beantwortet die Frage, wie sich solch eine Tradition über 100 Jahre lang gehalten hat und ob so etwas immer noch zeitgemäß ist:

"Das Exzentrische ist, dass es bei uns geblieben ist. Als wir Kinder waren haben wir gedacht, das ist doch alles vorbei und damit hören wir sicher auf. Aber wir haben es weiter gemacht. Und ich hätte wetten können, die nächste Generation, das erste was sie machen würde, wäre es, das aufzugeben. Aber die haben es nicht aufgegeben, sondern sogar besser gemacht."

Live-Musik bei Tee oder Cocktails 

Die Eigentümerfamilien Kienberger und Dietrich haben sehr gekämpft, damit auch in diesen Zeiten Live-Musik möglich ist. Ein spezielles Konzept, bestehend aus Abstandsregeln, regelmäßigem Lüften und sanft surrenden Luftreinigern wurde entwickelt, bisher gab es keine Corona-Fälle, dafür sicherlich unzählige glückliche Ohren. Und ebenso freudige Musiker, die das Privileg auftreten zu dürfen natürlich besonders schätzen.

"Mein Name ist Peter Gulas, ich bin Slowake, ich komme ins Waldhaus seit zehn Jahren. Ich finde es toll, dass die Besitzer so entschieden haben, dass die Musik kontinuierlich weitergeht. Soweit ich weiß, war die Musik immer da, auch während der Weltkriege."

Musiziert wird momentan in der großen Halle, man sitzt in alten Ohrensesseln oder auf dezent modernen Sofas, trinkt Tee oder Cocktails - ein besonders eleganter und hochprozentiger heisst "Nietzsches Traum". Der Denker wanderte und irrte gern durch und rund um Sils herum. Manche Musiknummer wird begleitet von Tassen- und Geschirrgeklirr, dann wieder fliegen Konversationsfetzen durch den Raum. Ist das für die Musiker nicht doch ein wenig störend? Peter Gulas:

"Wir spielen die Musik, die wir lieben. Wenn die Menschen zuhören wollen, dann hören sie zu. Wenn sie etwa reden, dann die gute Musik immer da. Uns stört das nicht, weil wir die Freude von der Musik selber haben."

Kein Gedudel vom Band – aber ein Welte-Mignon

Rund 200.000 Franken lässt sich das Waldhaus jährlich die Live-Musik kosten, fast völlig verzichtet wird auf Retortenklänge, in der Bar dudelt keine Tapetenmusik, im SPA fehlt blubberndes Wellnessgeklimper, nur im Fumoir wird nächtens ein wenig Jazz aus dem Internet gestreamt. Halt, doch, es gibt ja künstliche Klänge, nein, ganze Klangwelten! Das Waldhaus besitzt nämlich ein uraltes Welte-Mignon, ein mechanisches Klavier, das einst in jedes gute Hotel gehörte. Einst bedeutet, so ab 1905. Urs Kienberger erläutert die historischen Hintergründe des Waldhaus'schen Welte-Mignon:

"Hier ist es in den 1920 Jahren außer Betrieb geraten. Es ist sehr komplex und funktioniert schnell mal nicht richtig. Aber man hat es nie weggeworfen. Mein Vater hat immer gesagt, vielleicht kommt mal einer der weiß was damit zu tun ist. Und dieser Eine ist dann gekommen, vor 43 Jahren. Da haben wir einen neuen Haustechniker gekriegt, ein genialer Mann. Und der hat Jahre lang daran rumprobiert und hat es wieder zum Gehen gekriegt. Denn die Klaviermechanik, die versteht ein Klaviertechniker, aber die Mechanik, die den Pianisten ersetzt, das ist wieder eine andere Geschichte. Und so haben wir das noch. Aber wir können es im Winter nicht brauchen, mit dieser trockenen Luft ist die Sache nicht dicht genug, das funktioniert mit Unterdruck, mit einem annähernden Vakuum. Es besteht aus Holz, aus Karton, aus Leder."

Guido Schmidt mit dem selbstspielenden Piano im Waldhaus Hotel in Sils Maria. (picture alliance / Udo Bernhart)Der langjährige Haustechniker Guido Schmidt am Welte-Mignon (picture alliance / Udo Bernhart)

Da wir also den wundersamen Kasten im Winter nicht zum Spielen überreden können, hören wir uns die hauseigene CD an, auf der einige Stücke zu finden sind. Da spielt etwa ein gewisser Artur Schnabel Carl Maria von Webers "Aufforderung zum Tanz".

Ja, das ist wirklich Artur Schnabel, der seine Künste auf einer Lochkarten-Rolle verewigt hat. Noch ein Beispiel gefällig? Hören wir Ferruccio Busoni, er spielt "La Campanella" von Franz Liszt.

Musikalische Geister und eine Mondlandungs-Reportage

Wenden wir uns nun weiteren musikalischen Waldhaus-Geistern zu. Dort, wo früher eine eigene Hotelbäckerei war, tief unter den Etagen mit Gästezimmern, Restaurant, Bar, Bibliothek befindet sich nun ein Museum, das die Geschichte des Hotels auf eigenwillige Weise erzählt. Manches erinnert an den Theaterzauberer Christoph Marthaler, ach ja, er hat bereits zweimal ein Stück mit und im Waldhaus inszeniert! Im Museum sehen wir etwa eine alte Badewanne, in der Ski gefahren wird. Klitzekleine Film-Figuren rutschen da herum. Weiter geht es, vorbei an alten Radios und einem Grammophon, von überall her umwehen einen Musik, Geräusche, Seltsamkeiten. Ein Topf öffnet quietschend sein 'Oberteil', dann hört man eine Live-Reportage der Mondlandung.

Blick von oben auf die Ortschaften Surlej und Silvaplana und die Oberengadiner Seen Champferersee, Silvaplanersee und Silsersee (imago / Imagebroker) (imago / Imagebroker) Nietzsche und der Zauber von Sils Maria
 Im Schweizer Oberengadin entdeckte der Philosoph Friedrich Nietzsche "6000 Fuß jenseits von Mensch und Zeit" seine Ideallandschaft. Hier lag die Geburtsstätte seines "Zarathustra". 

Wieder oben angekommen, erzählt uns Urs Kienberger noch eine nette Geschichte über den offenbar gar nicht so netten Otto Klemperer. Den hatten wir bisher als wichtigen Dirigenten abgespeichert, aber:

"Ich weiß von meinem Vater, der Otto Klemperer war fast sein Leben lang Waldhaus-Gast. Ein schwieriger und kantiger Mann. Und der hatte mal etwas komponiert für unser Trio. Und dann sollten sie das aufführen, irgendwann in den 50er Jahren. Aber die haben das nicht so gemacht, wie er das wollte und es gab einen Riesenkrach. Ich glaube, am Schluss ist es gar nicht zur Aufführung gekommen."

Langsam endet unsere Reise durch das musikalische Hotel, wir gehen noch einmal in die große Halle, vorbei an zwei Kabinen mit uralten Telefonen, die immer noch funktionieren, und zwei Kabinen mit nichts als schummrigem Licht. Dort kann und soll man sich mit seinem eigenen Handy zurückziehen, um ungestört und niemanden störend zu sprechen! Das Trio rund um den virtuosen Pianisten Peter Gulas hat sich inzwischen entschieden, wirklich alles zu geben. Und das ist vollauf gelungen.

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