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StartseiteBüchermarktEin Straßenjunge in New York29.05.2019

Walt Whitman: "Leben und Abenteuer von Jack Engle"Ein Straßenjunge in New York

Walt Whitman gilt als einer der größten amerikanischen Autoren. Seine Lyrik prägte die amerikanische wie europäische Dichtung. Vor zwei Jahren, 125 Jahre nach seinem Tod, wurde ein bislang unbekannter Roman von ihm entdeckt. Eine neue Übersetzung wird nun allen Sprachebenen des Textes gerecht.

Von Matthias Kußmann

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Zu sehen ist der Autor Walt Whitman und sein Roman "Leben und Abenteuer von Jack Engle" (Autorenfoto: imago stock / StockTrek/ Cover: dtv Verlag)
Literarisches Fundstück in neuer Übersetzung: Walt Whitmans "Leben und Abenteuer von Jack Engle" (Autorenfoto: imago stock / StockTrek/ Cover: dtv Verlag)
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Walt Whitman war einer der größten US-ameri­kani­schen Autoren. Sein Hauptwerk, der Gedicht­band "Grasblätter", erschien 1855. Danach über­arbeitete und erweiterte er ihn mehrfach – ein Lebens­projekt. Der 1819 geborene Autor, der aus einfachen Verhält­nissen kam, sah sich als Stimme der jungen auf­strebenden USA. Als sozialkritischer Journalist und Schriftsteller pries er die Demo­kratie, kritisierte Ausbeutung und Rassismus, stritt für die Gleich­berech­ti­gung der Frau und setzte sich für Natur­schutz ein – Themen, die bis heute aktuell sind. Vor den "Gras­blättern" schrieb er auch Prosa, zu der er später teilweise auf Distanz ging.

"Er hat sogar gedroht, spätere Herausgeber erschie­ßen zu lassen, wenn sie sich um diese frühen Schrif­ten kümmern…"

… sagt der Whitman-Übersetzer Jürgen Brôcan. In seinem klischeehaften Debütroman "Franklin Evans" von 1842 kritisiert Whitman moralisierend Alkoholkonsum.

"Nicht alle frühen Prosaversuche sind im Grunde genommen gleich gut gelungen, sodass manches vielleicht ein bisschen zu Recht der Vergessenheit anheim gefallen ist."

Amerikanisten gingen davon aus, dass Whitman nach "Franklin Evans" keinen weiteren Roman pu­bli­zierte. Doch 2016 kam der amerikanische Doktorand Zachary Turpin auf die Spur eines zweiten Romans. Sein Thema: ein armer Straßenjunge, der sich um 1850 in New York durchschlägt. Den Roman hatte Whitman lediglich in Notizen skizziert und die Forscher dachten, er sei nie erschienen. Turpin durchforstete Biblio­­the­ken nach Texten, in denen Namen, Orte und Handlungen aus den Skiz­zen auftauchten – und wurde fündig. In einer längst ver­gesse­nen Zei­tung fand er den Fortsetzungs­roman "Life and Adventures of Jack Engle".

"Er ist im Jahr 1852 zuerst in dieser Zeitung heraus­gekommen, nicht unter Whitmans Namen, sondern anonym. Und das machte es schwierig, diesen Roman dann späterhin zu identifizieren."

Ein Roman - drei Übersetzungen

Der Roman erschien 2017 in den USA. Noch im selben Jahr kamen zwei deutsche Über­setzungen heraus. Eine im Verlag "Das kulturelle Ge­dächtnis" in eher wörtlicher Übertragung, die manchmal um­ständ­lich wirkt, und eine bei Manes­se, die sich um eine heutige Sprache bemüht. Jetzt hat dtv eine dritte Übersetzung vor­ge­legt, "Le­ben und Abenteuer von Jack Engle", ergänzt um Notizen und Texte aus dem Umfeld des Romans. Jürgen Brôcan, der schon die "Gras­blätter" übertrug, wird nun allen Sprach­­-Ebenen des Romans gerecht. Denn Whitman ver­bindet, auch ironisch, Hoch­- und All­tags­­sprache.

"Whitman hat es geschafft mit diesem Roman ein Kompendium der damals sprachlichen Möglichkeiten vorzulegen. Das ist ja durchaus kühn, finde ich, für die Zeit."

Im Roman erzählt der Protagonist Jack Engle rück­blickend von seiner Kindheit und Jugend in New York. Er wächst mit anderen Kindern auf der Straße auf – wie im Buch geschildert wird.

"Einige sind Waisen der ärmsten Schichten. Andere laufen vor der Brutalität ihrer Eltern fort, die schließ­lich bei Hoch und bei Niedrig reichlich vorhanden ist. (…) Das einzige Prinzip, das uns be­herrschte, war der Lebensinstinkt, ganz animalisch: zu essen (falls wir etwas bekommen konnten), wenn wir hungrig waren, und uns hinzulegen und zu schlafen, wo auch immer die Müdigkeit uns über­wältigte."

Jack hat Glück und wird im Alter von zehn Jahren von dem warm­herzigen Ehepaar Foster auf­genom­men, das einen kleinen Lebens­mittel-Laden hat. Sie lieben den Jungen wie einen eigenen Sohn. Er geht in die Schule, hilft im Laden und als er 20 ist, bringt ihn Foster zu dem Anwalt Covert, wo Jack eine Aus­bildung macht. In seiner Freizeit streift er mit wachen Sinnen durch die Stadt.

"Vielleicht ist New York ein bisschen der heimliche Protagonist dieses Romans. Whitman beschreibt das Zusammenleben der verschiedenen Berufe, der Religionen, der Gesellschaftsschichten."

Sagt Jürgen Brocan. Whitman zeichnet ein lebendiges Bild New Yorks Mitte des 19. Jahrhunderts. So wird "Leben und Aben­teuer von Jack Engle" zu einem frühen modernen Stadt­roman.

Solidarisch mit den Armen

Jack genießt es, Teil einer multi­­kulturellen fort­schritt­lichen Metropole zu sein. Doch als ehe­maliger Straßen­­junge blickt er auch solidari­sch auf die Not anderer Menschen.

"Ich kenne wenige Anblicke, die betrüblicher sind als diese alten Männer, die man heute in New York hier und da sieht; offenbar unbeweibt und kinderlos, äußerst ärmlich, die Lippen über zahnlosen Gaumen eingefallen, mit gammeligen, speckigen Lumpen bekleidet, beenden sie ihr Leben auf dem umstritte­nen Boden zwischen ehrenhaftem Hungertod und dem Armenhaus."

Whitman führt ein buntes Arsenal von Figuren ein, die alle in Beziehung stehen mit Jack und dem Anwalt Covert – etwa das Mädchen Martha, in das sich Jack verliebt. Covert ist ihr Vor­mund und will ihr Erbe an sich bringen. Jack und Martha machen sich mit Hilfe von Freunden daran, dem betrü­geri­schen Anwalt das Handwerk zu legen. Insgesamt wirken die Figuren allerdings ein­dimensional, die Guten sind gut und die Bösen böse.

"Das ist schon ein bisschen stereotyp gezeichnet. Ich denke, Whitman ging es da sicherlich zunächst erst mal darum, eine spannende Geschichte zu schreiben."

Was ihm auch gelingt, der Roman hat gegen Ende Züge eines Krimis. Der betrügerische Anwalt verlässt schließlich Hals über Kopf die Stadt. Jack und Martha heiraten und sie bekommt ihr Erbe – ein etwas ab­ruptes Happy End.

"(…) mit einem Segen für meine Leute und jene, die meine Freunde geblieben sind, als ich sie am nötig­sten brauchte; mit guter Laune aller Welt gegenüber, einem zufriedenen Herzen und Taschen, die nicht flattern vor Leichtigkeit – beendet Jack Engle hier den Bericht seines Lebens und seiner Abenteuer."

Natür­lich verblüfft es, dass nach 125 Jahren ein zweiter Roman von Whitman auftaucht, mit Themen, die auch seine Lyrik prägen: Sozialkritik, Solidari­tät, nicht zu verges­sen New York. Doch eine literari­sche "Sensation", wie ihn manche Feuille­tons priesen, ist er nicht. "Jack Engle" ist ein gut lesbarer Unterhal­tungs­roman mit moralischem Mehrwert. Mehr sollte er wohl auch nicht sein. Große Literatur schrieb Whitman dagegen mit seinen Ge­dich­ten, den "Gras­blättern" und ihrem Lob der Natur:

"Ich glaube, ein Grasblatt ist nicht geringer als das Tagwerk der Sterne, / (…) Und eine Maus ist Wunders genug, Sextillionen von Ungläubigen wankend zu machen."

Seine langen, un­gereim­ten, frei rhyth­misierten Verse prägten die moderne Lyrik. Neu und um­stritten war auch, dass er unver­stellt von sich selbst sprach, Körper und Sexualität feierte, und zwar von Mann und Frau.

"Ich feiere mich selbst und singe mich selbst, / Und was ich mir anmaße, sollst du dir anmaßen, / Denn jedes Atom, das mir gehört, gehört genauso gut dir."

"Inhaltlich neu ist sicherlich auch, dass Whitman die Erscheinungen der Natur und der modernen Welt in einem Buch zusam­men­bringt. Das sind keine Gegensätze mehr, Natur und Urbanität, sondern für ihn sind das zwei Aspekte der sehr vielfältigen Welt, die er beschreibt."

"Der Donnerer von Manhattan"

Whitmans Modernität kam für viele zu früh. Die Kritiken der "Grasblätter" waren durch­wachsen, das Buch verkaufte sich schlecht. 1861, der Autor war Anfang 30, begann ein Bürgerkrieg, der die USA spaltete. Die Süd­staaten waren für die Sklaverei, die im Norden da­gegen. Whitman verabscheute Sklaverei, sprach sich aber anfangs für den Krieg aus. Er meinte, dass der wie ein reini­gendes Gewitter wirke und die Menschen danach zur Humanität fänden. Dazu wollte er mit Gedichten beitragen, in denen er Brüderlichkeit und die Einheit der USA feierte – er ging auch in Lazarette und half Verletzten. Als der Krieg 1865 endete, wurde die Sklaverei weit­gehend ab­geschafft, doch die schreck­lichen Kriegsbilder prägten den Autor tief. Nun nannte er Politiker, die den ­Krieg voran­getrieben hatten,

"… Zuhälter, Mörder, Terroristen!"

Erst in seinen späten, von Krankheit überschatteten Jahren erhielt Whitman mehr Zuspruch für seine Lyrik. Kurz vor seinem Tod machte er sich an eine letzte Fassung der "Gras­blätter" und stellte eine Werk­ausgabe zusammen, die auch Prosa und Essays enthält. Whitman starb am 26. März 1892, mit 72 Jahren. Bald wurde sein Werk in den ganzen USA be­kannt und strahlte bis nach Europa aus. Thomas Mann nannte ihn den "Donnerer von Manhattan", Expressionisten übernahmen seine Form der Langverse. Kurz vor seinem Tod sagte Whitman über die "Gras­blätter":

"Im Laufe der Zeit wird die Welt mit dem Buch anstellen, was ihr gefällt. Ich bin entschlossen, die Welt wissen zu lassen, was mir gefallen hat."

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Walt Whitman: "Leben und Abenteuer von Jack Engle". 
Herausgegeben und aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Jürgen Brôcan.
Dtv, München.
224 S., 22 Euro

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