Dienstag, 22.01.2019
 
Seit 09:10 Uhr Europa heute
StartseiteKommentare und Themen der WocheEine kleine Gewerkschaft nimmt die halbe Republik in Geiselhaft10.12.2018

Warnstreik bei der BahnEine kleine Gewerkschaft nimmt die halbe Republik in Geiselhaft

Im Bahnverkehr fehle ein echter Wettbewerb, meint Klemens Kindermann. Den nahezu unkündbaren Beschäftigten im öffentlichen Monopol der Bahn seien die Folgen ihres Warnstreiks egal. Eine vollständige Privatisierung sei nicht notwendig - das Chaos bei der Bahn sollte aber zur politischen Chefsache werden.

Von Klemens Kindermann

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Reisende stehen im Berliner Hauptbahnhof und werden über den Streik informiert. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) hat nach abgebrochenen Tarifgesprächen zu einem bundesweiten Warnstreik aufgerufen. Die Deutsche Bahn stellte deswegen bundesweit den Fernverkehr ein.  (dpa / picture alliance / Kay Nietfeld)
Der Warnstreik am Montag sorgte für Chaos im morgendlichen Berufsverkehr (dpa / picture alliance / Kay Nietfeld)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Warnstreiks bei der Bahn Fernverkehr bundesweit komplett eingestellt

Neue Strecken, höhere Preise Deutsche Bahn ändert den Fahrplan

Pünktlichkeit, Personal und Kapazität Was muss die Bahn ändern?

Die Deutsche Bahn stellt im ganzen Land den Fernverkehr ein. Was ist passiert? Ein Terroranschlag? Eine atomare Bedrohung? Nein, es ist bloß ein Warnstreik. Eine kleine Gewerkschaft nimmt die halbe Republik in Geiselhaft: Beschäftigte, die zur Arbeit müssen, Schüler, sogar Autofahrer: denn verzweifelte Pendler haben heute Morgen versucht, auf die Straße auszuweichen. Vergeblich. Nordrhein-Westfalen etwa war mit 440 Kilometern Stau lahmgelegt - weiter als die Umlaufbahn, auf deren Höhe die Raumstation ISS die Erde umrundet.

Öffentliches Monopol

Zu besichtigen war heute, was dabei herauskommt, wenn ein öffentliches Monopol von nahezu unkündbaren Beschäftigten bestreikt wird. Die Folgen können beiden Parteien eigentlich egal sein. Während sich in privatwirtschaftlichen Betrieben Gewerkschaften fragen lassen müssen, ob sie mit Streiks nicht den Markenkern des Unternehmens beschädigen – hier: Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit -, wissen die Eisenbahner: Es gibt nur eine Deutsche Bahn und die Kunden können sowieso nicht ausweichen. Und auch die Bahn kann die finanziellen Verluste des heutigen und möglicher weiterer Streiks gelassen verbuchen; zahlt den Schuldenberg des Unternehmens – inzwischen rund 20 Milliarden Euro – doch am Ende der Steuerzahler ab. Die Bahn gehört ja dem Bund.

Bei allem Respekt für das gesetzlich garantierte Streikrecht und einem öffentlichen Interesse an Infrastruktur-Unternehmen: In diesem Tarifkonflikt sind die Leidtragenden nur Dritte. Nicht nur die Bahn-Reisenden, sondern auch die Wirtschaft, die heute auf ihre Beschäftigten oder auf Lieferungen per Schiene oder Straße warten musste.

Fehlender Wettbewerb

Dass die Bahn wieder nicht mit ihrer Informationspolitik geglänzt hat, ist ein weiterer Beleg dafür, dass ihr der echte Wettbewerb fehlt. Das Einmaleins der Marktwirtschaft: Monopole werden mit der Zeit faul und behäbig. Und die Bahn ist schon ganz schön lange ein öffentliches Monopol. An dem Eigentümer, dem Bund, wäre es, hier mehr Leistung zu fordern und vor allem Sanktionen zu verhängen, wenn Ziele nicht erreicht werden. Man muss die Bahn nicht gleich komplett privatisieren. Aber in einem Unternehmen, das erst enorme Pünktlichkeitsdefizite feststellt und unmittelbar danach die Preise erhöht, kann irgendetwas nicht stimmen. In der Bundesregierung ist ja so vieles Chefsache. Manches davon kommt einem nicht ganz so dringend vor. Aber es wäre schön, wenn solch ein Chaos wie heute, das halb Deutschland betroffen hat, einmal das Zeug hätte, zur Chefsache zu werden.    

Klemens Kindermann (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Klemens Kindermann (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Klemens Kindermann ist seit 2009 Abteilungsleiter Wirtschaft und Gesellschaft beim Deutschlandfunk. Von 1991 bis 1997 war er Redakteur und Korrespondent der Deutsche Presse-Agentur (dpa). Danach wechselte er 1997 zur Wirtschafts- und Finanzzeitung "Handelsblatt", wo er als Fachredakteur, Desk-Chef im neu geschaffenen Newsroom und ab 2004 als stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft & Politik tätig war.

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk