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StartseiteInterview"Wir müssen ganz schnell in ein Niedrig-Inzidenz-Niveau"11.02.2021

Warnung vor dritter Corona-Welle"Wir müssen ganz schnell in ein Niedrig-Inzidenz-Niveau"

Dirk Brockmann, Experte für Modellrechnungen von Virusausbreitungen, hält das Corona-Infektionsgeschehen in Deutschland trotz sinkender Fallzahlen für besorgniserregend: Simulationen zeigten, dass sich die neue Virus-Variante B.1.1.7 durchsetzen könne, sagte er im Dlf - dann drohe eine dritte Corona-Welle.

Dirk Brockmann im Gespräch mit Silvia Engels

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Lockdown während der zweiten Welle der Corona Pandemie im Winter.  (dpa/picture alliance/Daniel Kubirski)
"Ich finde, das ist alles sehr besorgniserregend, obwohl die Fallzahlen runtergehen", meint der Physiker Dirk Brockmann (dpa/picture alliance/Daniel Kubirski)
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Die meisten Corona-Beschränkungen werden vorerst bis zum 7. März verlängert. Am Ende der Bund-Länder-Runde standen klassische Kompromisse: Das Kanzleramt hat durchgesetzt, dass weitere Öffnungen künftig an Inzidenz-Zahlen von 35 und weniger gekoppelt werden. Dafür setzten sich die Länder beim Bestreben durch, Schulen schrittweise zu öffnen.

Der Biologe und Physiker Dirk Brockmann von der HU Berlin beschäftigt sich mit Modellrechnungen für Virenausbreitungen. Er gehört auch zu der Gruppe von Experten, die eine No-Covid-Strategie für notwendig halten, also niedrige Inzidenz-Zahlen von um die zehn pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen, bevor in einer Region geöffnet werden sollte. 

"Alles, was Kontakte vermeidet ist gut", erklärt Brockmann. Man müsse den R-Wert deutlich senken, um in den Niedrig-Inzidenz-Bereich zu kommen. Dann könne man intelligent lokal schneller und früher handeln, besser Kontakte nachverfolgen, "so dass wir dann keine Infektionen mehr haben, von denen wir nicht wissen, woher sie kommen. Dann wird die Dynamik ganz anders und dann ist es auch möglich zu lockern. Wir müssen intelligent aus diesem Lockdown rauskommen." Vor allem die Ausbreitung der neuen, aus Großbritannien stammenden Virus-Variante B.1.1.7 beobachtet er mit Sorge. Diese setzte sich innerhalb des Infektionsgeschehens weiter durch.


Das Interview im Wortlaut: 

Silvia Engels: Sie gehören auch zu denen, die fürchten, dass frühe Lockerungen erneut zum schnellen Infektionsanstieg führen, weil dann die neuen, wohl ansteckenderen Mutationen sich schnell durchsetzen. Werden durch die gestrigen Beschlüsse Ihre ärgsten Befürchtungen wahr?

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"Alles was Kontakte vermeidet ist gut"

Engels: Können Sie bei diesen Modellierungen und Computer-Simulationen denn berücksichtigen, wie stark der Faktor der anstehenden Schulöffnungen hier hineinspielen wird?
 
Brockmann: Das ist sehr schwierig. Das ist sehr schwierig, im Detail zu berücksichtigen. Wir sehen, dass die Reproduktionszahl, die ja jetzt unter eins liegt, das Infektionsgeschehen runterdrückt, dass aber innerhalb dieses Infektionsgeschehens sich diese neuen Varianten durchsetzen. Deshalb müssen wir ganz schnell in ein Niedrig-Inzidenz-Niveau, wo man die Kontakte zurückverfolgen kann, so dass wir dann keine Infektionen mehr haben, von denen wir nicht wissen, woher sie kommen. Dann wird die Dynamik ganz anders und dann ist es auch möglich zu lockern. Wir müssen intelligent aus diesem Lockdown rauskommen.

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Engels: Das heißt, von der Öffnung der Friseure ab 1. 3. Halten Sie auch nicht viel?
 
Brockmann: Alles was Kontakte vermeidet ist gut, so dass wir tatsächlich diesen R-Wert deutlich noch senken, dass wir schnell in diesen Niedrig-Inzidenz-Bereich kommen – das ist der Inhalt der No-Covid-Initiative -, dass wir dann intelligent lokal schneller und früher handeln können. Dann kann man das in den Griff kriegen.

"Das ist klar, dass man die Testfrequenz erhöhen muss"

Engels: Dem entgegnen ja andere Experten wie zum Beispiel der Epidemiologe Klaus Stöhr, er setze nicht auf Modelle und Computer-Simulationen, sondern auf empirische Zahlen. Es sei noch viel zu früh, tatsächlich die Wirkung der Mutationen genau einzuordnen. Er nannte gestern in der ARD das Beispiel Frankreich. Dort gingen die Infektionszahlen trotz Mutationsausbreitung nicht durch die Decke, obwohl die Schulen die ganze Zeit offen seien. Was sagen Sie?
 
Brockmann: Na ja. Ich würde da nach Großbritannien gucken und nach Irland, und es gibt auch viele andere Beispiele, wo sich die B.1.1.7-Variante sehr schnell durchgesetzt hat. Diese Computer-Modelle – das wird weltweit in verschiedenen Arbeitsgruppen entwickelt und die muss man immer im Zusammenschluss sehen. Wenn all diese Modelle in etwa das gleiche sagen, zu den gleichen Vorhersagen kommen, dann ist das so ähnlich wie Klimamodelle. Die werden auch immer angefochten von vereinzelten Gruppen, aber im Konsens sagen die das gleiche und das ist auch hier so. Das ist nicht so schwierig zu verstehen und dafür sind die Modelle, diese Prognosen abzugeben, damit man nicht immer nur auf die Ist-Situation reagieren kann, sondern damit man weise, proaktiv und prognostisch unterwegs ist.

Ein Schulkind sitzt an einem Tisch und macht Hausaufgaben im Homeschooling, im Hintergrund sitzt die Mutter des Kindes an einem Laptop und macht Homeoffice. Auf dem Tisch liegen Schulutensilien und ein weiterer aufgeklappter Laptop. (www.imago-images.de / Fotostand / K.Schmitt) (www.imago-images.de / Fotostand / K.Schmitt)Die Pandemie, ein Brennglas für Probleme, die es vorher schon gab
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Engels: Aber bleiben wir noch kurz beim Thema Frankreich. Das Land testet derzeit mehr als in Deutschland, auch mehr an den Schulen. Kann man sich dann vielleicht höhere Inzidenz-Zahlen leisten, wenn man mehr testet und dann konsequent bei positiven Fällen ganze Klassen nachhause schickt, wie das in Frankreich der Fall ist?
 
Brockmann: Das Testen ist natürlich eine ganz wesentliche Komponente der No-Covid-Initiative. Das ist erwiesen. Dazu gibt es verschiedene Studien. Wenn man die Testfrequenz erhöht, dann kann man sehr viel früher Menschen identifizieren, die noch asymptomatisch sind, noch keine Symptome haben, aber schon ansteckend sind. Das ist klar, dass man die Testfrequenz erhöhen muss und damit auch sehr wirksam handeln kann. Aber das ist eine Komponente und das funktioniert besonders gut, wenn wir in einem niedrigen Inzidenz-Niveau sind - dann als Teil der Gesamtstrategie. Wir müssen dafür sorgen, dass die Inzidenz ganz klein wird, weil wir dann wirklich auch uns sehr frei bewegen können, und das gibt es ja auch in anderen Ländern. Da wurde das ja schon umgesetzt.

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"Richtiger Schritt, sich an den Inzidenz-Zahlen zu orientieren"

Engels: Haben Sie denn dann eine Terminempfehlung, wann Schulen wieder gelockert werden könnten?
 
Brockmann: Terminempfehlung – das habe ich auch immer schon sehr früh gesagt – ist nicht so gut. Man sollte sich eher an den Zahlen orientieren. Wir haben ja jetzt eine fallende Inzidenz. Wir müssen jetzt noch, wenn man das ein bisschen extrapoliert, noch einige Wochen warten, dass wir dann die Inzidenz auch lokal runterkriegen. Wir haben einige Landkreise, die deutlich unter 50 liegen. Wir müssen das noch drücken, damit wir dann diese Methoden implementieren können, und dann kann man sich auch wieder frei bewegen und gegebenenfalls auch einer dritten Welle aus dem Weg gehen. Das wird aber sehr schwer.
 
Engels: Gehen wir mal weg von den Schulen. Generell sollen ja künftig Inzidenz-Zahlen bei weiteren Lockerungsschritten eine größere Rolle spielen, wenn man der Runde gestern folgt. Geschäfte, Gastronomie, Sport, Kultur – das soll beispielsweise stärker an Inzidenz-Zahlen gekoppelt werden. Da ist die Rede von Inzidenz-Zahlen von 35 oder darunter. Ein richtiger Schritt?
 
Brockmann: Ja, das ist auf jeden Fall ein richtiger Schritt, sich an den Inzidenz-Zahlen zu orientieren. Eins ist ganz wichtig, dass wir schneller und früher und gezielter reagieren. Das heißt, dass wir unterscheiden zwischen Landkreisen zum Beispiel, wo die Inzidenz zehn ist, und einem, wo die Inzidenz 300 ist. Da muss man anders agieren. Das ist die gezielte Komponente. Schneller müssen wir reagieren. Das heißt, sowie Fallzahlen hochgehen, dass wir dann sofort reagieren und nicht erst lange diskutieren, ob jetzt eine dritte Welle kommt oder nicht. Also früher und schneller.
 
Engels: Kritiker halten dem entgegen, zum Beispiel Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, diese neue Zahl sei verstörend. Das sei für Innenstadtgeschäfte verheerend. Die betroffenen Wirtschaftsverbände sehen das ähnlich. Lässt sich so etwas durchhalten?
 
Brockmann: Ja. Dass es eine schwierige Aufgabe ist, ist völlig klar. Wir haben alle es satt, in diesem Lockdown zu leben, und gerade deshalb brauchen wir aber eine proaktive Strategie, wie wir da erstens schnell jetzt rauskommen und dann auch dieses Niveau halten, dass wir es vermeiden, eine dritte Welle zu bekommen. Keiner würde das aushalten. Mit den neuen Virus-Varianten steht das vor der Tür. Wir müssen da proaktiv handeln.
 
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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