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StartseiteForschung aktuellWarum in Bremen drei Frühchen starben03.11.2011

Warum in Bremen drei Frühchen starben

Hygiene-Expertin zum ESBL-Ausbruch in Klinik

Krankenhaushygiene. - In Bremen sind drei frühgeborene Kinder an Erregern gestorben, die gegen bestimmte Antibiotika resistent wurden. Was diese ESBL-Erreger sind und wie man gegen sie vorgeht, erklärte Professor Petra Gastmeier von der Berliner Charité, die Leiterin des Nationalen Referenzzentrums für Krankenhaushygiene, im Gespräch mit Ralf Krauter.

Petra Gastmeier im Gespräch mir Ralf Krauter

Frühchen auf der Intensivstation. (AP)
Frühchen auf der Intensivstation. (AP)

Krauter: Frau Professor Gastmeier, welche Keime sind ESBL-Erreger?

Gastmeier: Also EBSL selbst ist keine eigene Spezies nach der mikrobiologischen Nomenklatur, sondern diese Eigenschaft "extended spectrum beta-lactamase" zu haben, dieses Enzym zu haben, kann bei verschiedenen Erregern auftreten. Unter anderem bei Klebsiella-species-Erregern oder auch bei E.-coli-Erregern. Soviel ich weiß, handelt es sich in Bremen um Klebsiella-Erreger, die dort diese ESBL-Eigenschaft haben.

Krauter: Was sind das für Erreger? Erklären Sie es uns kurz! Woher kennt man die, wo tauchen die normalerweise auf?

Gastmeier: Das sind Erreger, die auch bei Erwachsenen auftreten können, und die beispielsweise Lungenentzündung hervorrufen können, aber auch Sepsis hervorrufen können und manchmal auch Harnwegsinfektionen.

Krauter: Das heißt, das sind also durchaus bekannte Erreger, die aber dort auf der Frühchen-Station sich besonders verheerend ausgewirkt haben. Woran liegt das? Weil das Immunsystem von Frühchen per se gar nicht in der Lage ist, mit diesen Erregern klar zu kommen?

Gastmeier: Das ist natürlich ein ganz wichtiger Grund, dass das Immunsystem der Neugeborenen sehr schwach ist. Der andere wichtige Grund ist, dass diese Neugeborenen unter 1500 Gramm natürlich hochgepäppelt werden müssen. Und dafür brauchen sie Infusionen, dafür brauchen sie periphere Venenkatheter oder sogar zentrale Venenkatheter und müssen über diese Gefäßkatheter ernährt werden. Und diese Katheter sind natürlich eine wunderbare Eintrittsschiene für solche Erreger. Erreger, die vielleicht auch nur in der Umgebung irgendwo zu finden waren, die dann eben auch auf den Patienten übergehen können.

Krauter: Nun ist ja aber so eine Frühchen-Station eine relativ sterile Umgebung. Wie konnten diese trotzdem dahin gelangen? Das ist jetzt auch die Frage, die sich die Ärzte in Bremen fieberhaft stellen und Antworten suchen.

Gastmeier: Also, es kann durchaus sein, dass zum Beispiel eine Mutter eines Kindes im Vaginalbereich infiziert war mit diesen Erregern, und dass das Kind während der Geburt eben dann diese Erreger dann auch aufgenommen hat. Und wahrscheinlich sind dann von diesem ersten Kind ausgehend eben weitere Kontaktinfektionen zustande gekommen.

Krauter: Wobei ja das Überraschende ist, dass sich das doch über mehrere Wochen schon hinzieht. Der erste Todesfall war ja schon im August. Man hat ja auch - heißt es aus Bremen - umfangreiche Hygienemaßnahmen ergriffen, sterilisiert nach allen Möglichkeiten der Kunst. Ist es nicht erstaunlich, dass der Erreger trotzdem immer noch dort ist?

Gastmeier: Das ist das besondere Problem bei neonatologischen Intensivstationen, dass die Patienten ja sehr lange auf der Station bleiben müssen, bis sie das Gewicht erreicht haben, mit dem sie dann verlegt werden können. Das kann manchmal über drei oder vier Monate oder sogar noch länger dauern. Das bedeutet, wenn ein Kind mit solchen multiresistenten Erregern kontaminiert, kolonisiert, infiziert ist, dann ist es eben sehr lange auf der Station und die Station muss dieses Infektionsrisiko über lange Zeit handlen, und damit ist das Übertragungsrisiko auf andere Kinder auch größer als in einer normalen Intensivstationen.

Krauter: Wie wichtig ist es denn jetzt überhaupt, die erste Quelle dingfest zu machen? Ist das noch entscheidend? Es sind ja derzeit auch Experten des Robert-Koch-Institutes in Bremen vor Ort, um zu gucken, wo könnte denn die erste Quelle gewesen sein.

Gastmeier: Also das ist nicht immer möglich, dass man wirklich die eigentliche Quelle von solchen Ausbrüchen findet. Wir haben vor einigen Jahren mal eine solche Untersuchung durchgeführt, und zwar haben wir alle Ausbrüche aus der Neonatologie, die veröffentlicht worden sind in der Literatur, untersucht, wie häufig eben die Quelle des Ausbruchs gefunden wurde. Und man muss sagen, in der Hälfte der Fälle wird diese Quelle nicht gefunden. Und man muss sich dann damit begnügen, dass man den Ausbruch zum Stoppen kriegt, so dass eben keine weiteren Übertragungen auftreten und keine weiteren Kinder betroffen sind.

Krauter: Was können die Experten jetzt in Bremen tun, um die Infektionswelle zu stoppen? Die neue Aufnahme von Patienten wurde ja schon gestoppt.

Gastmeier: Ja. Man muss natürlich die Übertragung von einem Patienten auf den anderen verhindern. Und das kann man am besten verhindern, indem man einen besonders hohen und besonders guten Schlüssel Pflegepersonal/Kind hat. Also wenn eine Pflegekraft nur für ein Kind zuständig ist, dann ist auch das Infektionsübertragungsrisiko natürlich extrem gering. Also wenn man das einrichten kann, das ist immer der beste Weg, um einen Ausbruch zu stoppen.

Krauter: Das ist aber auch oft sicher nicht der Fall, auch wegen Personalmangel und aus Einsparungsgründen!

Gastmeier: Ja, aber in solchen Ausbrüchen sollte man doch versuchen, das einhalten zu können.

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