Freitag, 24.05.2019
 
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Was ist Zeit?

Die Akademie der Wissenschaften Heidelberg über kulturelle Prägungen der Zeitwahrnehmung

Zu allen Zeiten hat das Phänomen Zeit die Menschen beschäftigt, unterschiedliche Kulturen sind bei ihren Überlegungen zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Mitglieder der Heidelberger Akademie der Wissenschaften haben sich zur Feier des 150. Geburtstages der Akademie mit diesem Thema beschäftigt.

Von Eva-Maria Götz

10 vor 11 (Stock.XCHNG / Steven Parry)
10 vor 11 (Stock.XCHNG / Steven Parry)

"Der Rosenkavalier", Monolog der Marschallin:

Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding,
wenn man so hinlebt,
ist sie rein gar nichts -
aber dann auf einmal spürt man nichts als sie


"Wenn etwas ewig dauert, dann brauchen wir keine Zeit, hingegen, wenn wir diese Dauer anfangen zu trennen, abzuschneiden, dann kriegen wir Zeiteinheiten, die ganz unterschiedlich lang oder kurz sein können. Das ist letztlich dann kulturell bedingt, wie wir diese Zeiten setzen, und auch wie wir sie benennen."

Sagt der Heidelberger Historiker Thomas Maissen und erklärt: Bereits der etymologische Ursprung des Wortes verweist darauf, dass Zeit etwas mit Struktur, mit Einteilung zu tun hat: das althochdeutsche Wort "zit" kann man auf seinen indogermanischen Stamm "teilen" zurückführen ebenso wie das lateinische "tempus" im griechischen Ursprung "teilen", "zerschneiden" bedeutete.

"Es ist letztlich eine Einheit, mit der wir Wandel erfassen können, Brüche erfassen können, letztlich das, was die Ewigkeit unterteilt, die Dauer unterteilt, einschneidet, auf Abtrennung hindeutet."

Seit der Einführung unseres Kalenders scheint es selbstverständlich: die Zeit fließt, sie bewegt sich nach vorn. Und die Zeitebenen heißen Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Doch dieses Denkmodell ist in der Menschheitsgeschichte noch relativ neu. Thomas Maissen:

"Es gibt in der europäischen Geschichte dann einen wichtigen Wandel in dem Moment, als das Christentum hineinkommt, die Koordination von christlichen Bedürfnissen, also Osterberechnung, die Frage: Wann ist die Welt geschaffen worden, wann ist Christi geboren, wie verhält sich die Geburt Christi zur Gründung von Rom oder zur Gründung von Konstantinopel, also wo weltliche Geschichte und Heilsgeschichte in Übereinstimmung gebracht werden, das führt zu einer Obsession mit Zeitrechnung in Europa, und da haben wir etwas, was die Europäer im globalen Kontext vermutlich unterscheidet von anderen Völkern, das hier eine lineare Zeitrechnung mit einem klaren Nullpunkt-Christi Geburt- oder eben die Schöpfung der Welt eine für viele Leute eine absolut dominante Bedeutung bekommt, die es in anderen Kulturen so nicht gegeben hat."

Fundamental anders als unser heutiges lineares Zeitverständnis war die Zeitvorstellung der Alten Ägypter, meint der Ägyptologe Jan Assmann von der Universität Konstanz.

"Für die alten Ägypter beginnt das Jahr mit dem Einsetzen der Nilüberschwemmung und das bedeutet, dass die Zeit wieder in ihren Ursprung zurückkehrt. Also für die Ägypter kommt diese Nilüberschwemmung nicht etwa aus Äthiopien, oder irgendwie aus dem Süden, sondern sie kommt aus der Unterwelt. Da gibt es in Elefantini, das ist an der Südgrenze Ägyptens, eine unterirdische Höhle, da sitzt der Gott der Nilüberschwemmung und gießt also nun seine Kannen aus, und da quillt es herauf. Und das, was da heraufquillt, ist das Urwasser, also ein Urelement. Die Welt entstand für die Ägypter nicht aus dem Nichts, sondern aus so einer Art Urmaterie, das Wasser. Das ist immer noch da und damit beginnt das Jahr. Das Jahr heißt auf Ägyptisch das 'sich verjüngende', also da erneuert sich die Zeit selbst jedes Jahr."

Das Werden, das Vergehen und das Wiederkehren - um diesen Ablauf der Zeit zu verstehen, brauchten die Menschen im Alten Ägypten nicht wie wir heute drei Zeiten - sie brauchten nur zwei: Nechet und Djet. Jan Assmann:

"Nechet steht für die Zeit, wie sie sich am Himmel manifestiert in den Sternläufen oder in allen beobachtbaren Zyklen. Vor allen der scheinbare Verlauf der Sonne um die Erde, oder die Bahnen der Planeten, es ist aber auch der Zyklus der Vegetation, der Nilüberschwemmung, die jedes Jahr im Juli anfängt, die Zeit, wie sie sich in diesen zyklischen Bewegungen manifestiert."

Nechet - das ist die Zeit, die in Sonnen- und Mondkalendern gemessen wird und in der nur das als sinnvoll erachtet wird, was sich wiederholt. Und dann gibt es noch eine andere Zeit: Djet.

"Djet ist das Fortdauern des Gewordenen. Die Dinge ereignen sich und Werden in der Nechet-Zeit, und wenn sie sich vollendet haben, dann dauern sie. Und dieses Dauern das nennt der Ägypter Djet. Das ist also eine Zeit, die sich nicht bewegt. Eher so eine Art zeitlicher Raum, in dem das Gewordene bleibt."

"Schauen wir uns die Zeitbegriffe des Alten Orients an, so können wir sehen, dass die Begriffe, die die Vergangenheit bezeichnen, von einer Wurzel gebildet sind, die Vorderseite oder auch: Gesicht bedeutet. Wenn wir uns die Begriffe anschauen, die für das Zukünftige stehen, so sind sie von einem Wort gebildet, dass "Rückseite" bedeutet. Wenn man das Ernst nimmt, so offenbart das eine Sicht auf Zeit im Alten Orient, die besagt, dass die Vergangenheit angesichtig ist und die Zukunft im Rücken liegt."

Sagt der Assyriologe der Ruprechts-Karls-Universität Heidelberg, Stefan Maul. "Panum" war die Vorderseite, das Gesicht- "Pana" hieß die Vergangenheit. "Warka" nannte man die Zukunft und "Warkatum" die Rückseite- auch den Menschen im Alten Orient reichten zwei Zeiten, um ihre Welt zu beschreiben und deren Lauf zu messen. Doch anders als wir blickten sie nicht mit der Vergangenheit im Rücken nach vorne in die Zukunft. Ihr Verständnis von Zeit war genau umgekehrt. Stefan Maul:

"Diese Sichtweise, wenn man sich dran gewöhnt, erscheint einem als sehr klug. Denn das Neue kann nicht einfach unverbunden mit dem Vergangenen implantiert werden. Das Neue muss eine Form suchen, die letztlich eine Alte ist, und das zwingt diejenigen, die letztlich eine Veränderung herbeiführen wollen oder müssen zu einem Aushandlungsprozess, der das Neue an das Bestehende anschließen muss."

Die Menschen, die vor circa 11.000 bis 3.000 Jahren vor Christus in Mesopotamien lebten, waren alles andere als rückständig. Im Gegenteil: Hier entstand mit dem "Gilgamesch" das erste bekannte Epos, hier entwickelten sich die Natur-Wissenschaften, so wie wir sie heute noch verstehen. Eisen, Bronze, Glas und Keramik wurden erstmals verarbeitet. Aber die Entwicklung vom kleinen Stadtstaat zum mächtigen Weltreich wäre ohne die Hochachtung für die eigene Geschichte und Vergangenheit nicht möglich gewesen, meint Stefan Maul.

"Wir haben es mit einer Kultur zu tun, die nun wirklich eine tausendejahre alte Kultur entfaltet hat und sich ihres hohen Alters sehr sehr bewusst ist. Und die die Ansicht entwickelt hat, dass alles was neu ist "in ovu", also in der Anlage, in der Schöpfung schon vorhanden ist und man darauf immer wieder zurückgreifen muss. Dahinter stehen Erfahrungen ganz praktischer Art: Man hat mit Lehmziegeln gebaut, die haben eine kurze Lebensdauer, man wird Zeuge eines steten Verfalls. Und statt eine Idee eines Fortschritt im Sinne von weiter- höher- schöner- länger zu entwickeln, hat diese Kultur erkannt, dass sie investieren muss, um auf dem Stand zu bleiben. Um Stabilität zu sichern, muss sie investieren."

Die Idee einer sich linear nach vorne bewegenden Zeit, wie wir sie seit dem Alten Testament kennen, wo die Schöpfung der Welt den Beginn der Zeit markiert, entwickelte man auch im Hinduistischen Glauben Indiens. In der dortigen Vorstellung schuf Gott Brahma eine Welt, die eine festgeschriebene Dauer hat: ein Weltenalter. Und dieses unterteilt sich in vier Zeitalter, "Yuga" genannt. Das erste von ihnen war das Zeitalter der Glückseligkeit. Der Heidelberger Indologe Axel Michaels:

"Das erste Yuga ist Kreta, das ist das sogenannte 'Goldene Zeitalter', in Indien hat es die Farbe weiß, das ist auch die Farbe der Wahrheit, und das beläuft sich auf 1.728.000 Jahre oder 4800 Götterjahre. Ich vermute, dass das von hinten her gedacht ist, es ist eine Dekadenzlehre, wonach das Glück auf Erden immer mehr abnimmt, die Welt immer schlechter wird, und da hat man zunächst einmal gedacht, als die Welt perfekt war, war sie im Ganzen, und dann wurden daraus Teile und diese Teile wurden in Viertel eingeteilt, das heißt, dass das jetzige gegenwärtige, schlechteste Zeitalter ein Viertel dessen ist, was das ursprüngliche Zeitalter mal war."

Im Zeitalter "Kreta" waren die Menschen mit sich im Reinen, sie wurden 100 Jahre alt, sie hatten an nichts zu darben, und mussten keine Opfer darbringen. Doch schon im zweiten Zeitalter ging es rapide bergab. Professor Axel Michaels:

"Im Treta-Zeitalter fing das ja schon an, dass da die ersten Probleme aufkamen, auch geopfert werden musste, das auch das Lebensalter abnahm, es die ersten Naturkatastrophen gab und das nahm dann alles immer weiter ab bis es auf unser Zeitalter zuläuft, die Herrscher orientieren sich nur nach Macht, und man heiratet nur aus sexueller Lust heraus, und Dreistigkeit und Lügen herrschen vor."

In der hinduistischen Vorstellungswelt leben wir heute in der "Kali"-Zeit, dem Zeitalter, dem die Farbe schwarz zugeordnet ist und von dem sich nur eine gute Eigenschaft berichten lässt: Es ist das kürzeste der vier Zeitalter und nach Kali folgen die Zerstörung der Welt und dann eine Zeit der Ruhe, in der Brahma ruht. Doch das Zeitverständnis im Hinduismus ist nicht nur linear, es ist auch zyklisch, denn nach der Ruhenacht, die mehr als vier Millionen Menschenjahre dauert, schöpft Brahma eine neue Welt und alles beginnt von vorne.

Auch in Richard Wagners Opernwerk "Der Rings des Nibelungen" baut sich ein Gott eine Welt. Wotan heißt er. Doch dieser Gott verfängt sich in seinen weltlichen Geschäften, in Verträgen, die er schließt und bricht. Dass dadurch seine Macht vergehen wird, weiß er an dieser Stelle noch nicht- anders als der aufmerksame Zuhörer: der erhält diese Information mithilfe der Richard Wagnerschen Kompositionstechnik der Leitmotivik. Die Direktorin des musikwissenschaftlichen Seminars der Universität Heidelberg Silke Leopold:

"Wagner hat ein ganzes Geflecht von Erinnerungsmotiven geschaffen, mit denen er auf unterschiedliche Zeitschichten verweist. Das heißt, wenn ein Sänger singt, dann klingen im Orchester drei verschiedene Erinnerungsmotive noch einmal, die darauf verweisen, dass etwa in der Generation vorher oder vielleicht sogar in der kommenden Generation etwas passiert ist oder passieren wird, was mit dem Ereignis, das da grade auf der Bühne passiert, zusammenhängt."

In keiner anderen Kunst spielt Zeit eine so große Rolle wie in der Musik. Sie ist ohne Zeitmaß nicht denkbar, sie verläuft in der Zeit, hat einen Anfang und ein Ende, sie ist "Dienerin der Zeit", aber:

"Aber anders herum kann Musik auch Zeitverläufe selber strukturieren. Und in diesem Sinne ist sie dann Herrin über die Zeit."

Nur in der Musik gelingt es dem Menschen, Zeit zu dehnen oder zu komprimieren, Zeitebenen zu verschieben und mit ihnen zu spielen. Ein Meister dieser Kunst war Wolfgang Amadeus Mozart. Im Finale seiner Oper "Cosi fan tutte" lässt er die Zeit still stehen- und plötzlich blicken die Protagonisten auf der Bühne in die Abgründe ihrer Seele.

"Das ist eigentlich ein kleines Trinklied vom Text her, aber Mozart war nicht interessiert, diese Hochzeit mit einem Trinklied noch zu schmücken, sondern er wollte in dieser Situation darauf hinweisen, dass die Personen erschrecken und sich bewusst werden, dass sie ihre Vergangenheit zerstört haben, dass sie keine Zukunft haben werden und das sie in der Gegenwart jetzt grade gezwungen sind, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Und das tut Mozart, in dem er einen Kanon schreibt, wo sich die Kanonmelodie immer wieder wiederholt. Wo eine kreisende Musik entsteht, die nicht vorankommt, und ein Moment entsteht, als ob ein Vorhang aufgerissen würde, plötzlich ein Blick auf das Innere, auf die Gefühle der Personen preisgibt. Und das tut Mozart, in dem er die Zeit anhält. Und wir sind für einen Zeitraum von 2 Minuten in einer emotional völlig anderen Welt."

Das Metronom ist ja eine völlig verrückte Idee, also das man Musik mathematisch messen kann, das war zwar immer ein Diskussionspunkt, aber die Interpreten haben sich da immer relativ wenig drum geschert, weil sie wussten dass Musik nur dann zum Leben erweckt werden kann, wenn es diese kleinen Irregularitäten gibt, diese kleinen Abweichungen von dem Metrum, das vorgeschrieben ist.

Und nun hat man Anfang des 19. Jahrhunderts und ich sehe da Parallitäten zur Erfindung der Dampfmaschine, mal versucht, ein Instrument zu konstruieren, das einem Spieler vorgibt, in welchem Takt er zu spielen hat, indem es regelmäßig Klackklack macht.

Sowie die Musik heute durch das Metronom, wird der moderne Alltag durch die Uhr bestimmt. Auch das ist ein relativ junges Phänomen. Historiker Thomas Maissen:

"Weil diese Räderuhren regelmäßig laufen, werden die Tage in 24 Stunden eingeteilt. und wenn man anfängt, Arbeitstage in Stunden zu messen und nicht im Produkt, zwei Paar Schuhe fertig stellt, dann werden alle Arbeiten vergleichbar und das ist das was im Prinzip zur Lohnarbeit führt. Das ist einerseits eine kulturelle Errungenschaft und andererseits werden wir dadurch diszipliniert und können andere Leute disziplinieren."

"Rosenkavalier", 1. Akt, Monolog der Marschallin:

Manchmal stehe ich auf, mitten in der Nacht
Und lass die Uhren alle stille stehen ...


Doch wie wir unseren kleinen Anteil an der Zeit gestalten, ob sie uns lang wird oder kurz, ob wir nach vorne in die Zukunft sehen oder in der Vergangenheit verhaftet bleiben- das ist eine Entscheidung, die jeder Einzelne selbst treffen muss. Der Gerontologe und Alternsforscher Andreas Kruse meint dazu:

"Ein ganz zentrales Moment ist, das Menschen in der Lage sind, die Zeit auszufüllen, mit Plänen, mit Vorhaben, mit Absichten, und das ist speziell im hohen Alter besonders wichtig, weil ja im hohen Alter im Horizont mehr und mehr die dunklen Punkte erscheinen und wenn es uns gelingt, in der Gegenwart oder in der nahen Zukunft viele Pläne und Vorhaben aufzustellen, beziehungsweise auch zu verwirklichen, dann gelingt es uns auch sehr viel mehr und besser, mit diesen 'dunklen Punkten' zu leben. Für den Menschen ist der Umgang mit Gegenwart und Zukunft, ist sie gefüllt mit Plänen, außerordentlich wichtig."

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