Dienstag, 27. September 2022

Wassernotstand in Europa
Ein ähnlicher Weckruf wie die Gaskrise

Europa geht das Wasser aus, das bekommen momentan vor allem die Franzosen zu spüren. Auch in Deutschland sinkt der Grundwasserspiegel. Nun muss die Politik handeln und beispielsweise vorschreiben, dass Regenwasser aufgefangen wird, kommentiert Sandra Pfister. Trinkwasser sei zu schade für die Toilette und die Spülmaschine.

Ein Kommentar von Sandra Pfister | 11.08.2022

Ein Schiff auf dem Rhein, dessen Pegel niedrig ist
Binnenschiffe auf Flussrinnsalen können weniger Kohle für die Kohlekraftwerke liefern, weniger Rohstoffe für die Industrie und weniger Getreide, kommentiert Sandra Pfister (picture alliance / Eibner-Pressefoto)
Europa wird zum Wassernotstandsgebiet. Aber es kommt doch noch Wasser aus dem Hahn! So haben viele Franzosen noch bis vor kurzem gedacht. Jetzt stehen mehr als 100 Gemeinden ohne eigenes Trinkwasser da. In zwei Dritteln des Landes ist das Wasser so knapp, dass es mit wenigen Ausnahmen Hobbygärtnern, aber auch Landwirten verboten ist, ihre Felder zu bewässern.

Und auch bei uns sinkt der Grundwasserspiegel. Die Trockenheit bedroht tatsächlich nicht nur unseren grünen Rasen, sondern auch unsere Wirtschaftskraft. Binnenschiffe auf Flussrinnsalen, die können weniger Kohle liefern für die Kohlekraftwerke, weniger Rohstoffe für die Industrie und weniger Getreide.
Die Ernte verdorrt ohnehin häufiger auf dem Acker oder fällt niedriger aus: In den vergangenen beiden Jahren lag die Weizenernte in Deutschland wegen der Trockenheit 15 Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt.

Inflation durch Hitze

Viele französische Atomkraftwerke wurden abgeschaltet, weil die Flüsse zu wenig Wasser führen zum Kühlen. Eigentlich müssten noch mehr abgeschaltet werden. Aber am 10. August hat die französische Regierung  eine Ausnahmegenehmigung erteilt, dass AKWs das Wasser trotzdem noch aus Flüssen nehmen dürfen.
Sie dürfen es danach wärmer als sonst wieder in die Flüsse zurückleiten. Für viele Tiere und Pflanzen, ohnehin schon im Hitzestress, ist das der Todesstoß. Denn je wärmer das Wasser ist, desto weniger Sauerstoff ist drin. Tiere bezahlen mit ihrem Leben. Wir verlieren eine intakte Natur.
Und für alle, die es gerne handfester haben: Wenn die Trockenheit Ernten dezimiert und Lieferwege blockiert, wird auch sonst fast alles teurer. Die Angelsachsen haben dafür schon ein eigenes Wort: heatflation. Inflation durch Hitze. Selbst durch eine 180-Grad-Wende unseres Lebensstils werden wir das nicht mehr komplett zurückdrehen können.

Deutsche Politik muss schnell handeln

Dennoch könnte Deutschland einiges tun. Jahrelang wurden Landschaften nur trockengelegt und entwässert. Drainagen, Kanäle – hier ist alles darauf ausgelegt, dass das Wasser schnell in die Kanalisation verschwindet.

Das müssen wir umkehren. Es gibt gute Konzepte, wie Land wieder befeuchtet und Städte zu Schwammstädten umgebaut werden können. Die Politik muss Anreize dafür liefern, Dächer zu begrünen und muss vorschreiben, dass jeder Regentropfen aufgefangen wird. Trinkwasser ist zu schade für die Toilette und die Spülmaschine. Neubauten sollten nur genehmigt werden, wenn eine Brauchwasserzisterne vorhanden ist.

Die Politik wird sich auch mit Landwirten Und vor allem Viehhaltern auseinandersetzen müssen, die wertvolles Trinkwasser seit Jahren durch exzessive Landwirtschaft nahezu ungestört mit Nitrat verseuchen dürfen. Die Wasserkrise hat das Zeug, ein ähnlicher Weckruf zu sein wie die Gaskrise.
Sandra Pfister
Sandra Pfister, geboren 1975 im Saarland, ist Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft. Nach einem Geschichtsstudium in Freiburg, Düsseldorf, Aix-en-Provence und Brüssel hat sie in Düsseldorf die Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten absolviert. Im Anschluss an ihr Volontariat beim Deutschlandfunk hat sie regelmäßig Sendungen in Deutschlandfunk und WDR moderiert und zuletzt fünf Jahre als freie Autorin und Moderatorin in London gelebt.