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StartseiteCorsoIch trage was, was du nicht hörst16.07.2016

WearablesIch trage was, was du nicht hörst

Corso-Reihe: Mensch-Maschine-Prototypen (2/5)

Seitdem Musik auf Tonträger gepresst wird, sind Menschen in der Lage, Klänge zu transportieren: Vinyl, Kompaktkassette, CDs und heute mp3s. Wir können Musik mit dem Smartphone überall mit hinnehmen. Die neue Technik erlaubt es uns aber auch, Musik neu zu erfahren und auch neu zu erschaffen. Kleine Geräte werden am Körper wie ein Kleidungsstück getragen. In unserer Rubrik "Mensch-Maschine-Prototypen" schaut sich Dennis Kastrup die "Wearables" genauer an.

Von Dennis Kastrup

Elektronikmessebesucher trägt einen Miniaturcomputer in Form einer Brille  (AFP PHOTO / Sam Yeh )
Die "smarte" Brille auf der Computex in Taipei 2015 (AFP PHOTO / Sam Yeh )
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Wenn Künstler ein außergewöhnliches Konzert gespielt haben, lässt sich die Kritik oft zu folgendem Satz hinreißen:

"Er ist eins geworden mit seinem Instrument!"

Ein großes Kompliment. Louis Armstrong zum Beispiel. Sein Körper und seine Trompete waren wohl miteinander verschmolzen.

Auch das Publikum kann die Schallwellen durch dezente Vibrationen auf der Haut spüren, "eins werden" auf dem Konzert. Unterwegs ist dieses Erlebnis aber auf die Wahrnehmung mit Kopfhörern beschränkt. "Wearables" wollen das ändern: Elektronische Geräte, die wie Kleidung am Körper getragen werden, so wie das "Basslet" von der Berliner Firma LoFelt. Entwickelt wurde es unter anderem von Daniel Büttner.

"Wenn du ein Instrument spielst, ein digitales Instrument wie ein MIDI-Keyboard und eine Taste drückst, dann ist das wirklich nur ein Stück Plastik, was du drückst, und da kommt keinerlei Schwingung von der Musik zurück. Wenn du allerdings ein echtes Instrument in der Hand hast, wie bei einem Kontrabass eine Saite zupfst, dann schwingt das ganze Instrument und gibt dir als Musiker extrem viel Energie und auch Kontrolle über das Instrument zurück."

Musik soll fühlbar gemacht werden

Das "Basslet" trägt man am Handgelenk. Es sieht aus wie eine Armbanduhr, nur ohne Ziffernblatt. Verbunden ist es per Bluetooth mit einem Endgerät. Die Musik wird wie gewohnt mit Kopfhörer gehört. Die Bässe werden über das "Wearable" auf die Haut übertragen.

Viele Geräte beschäftigen sich mit der Wahrnehmung von Musik. Sie soll fühlbar gemacht werden. Die Kopfhörer "Nervana" zum Beispiel stimulieren den Vagusnerv, den größten Nerv des Parasympathikus, beteiligt an der Regulation fast aller inneren Organe. Empfängt er musikalische Reize soll das beruhigend auf die Herztätigkeit und die Atmung wirken, aber auch die Verdauung fördern. Daniel Cartledge:

"Wir benutzen den Nerv als eine Art Medium, um ein Signal an das Gehirn zu schicken, das dann diese euphorisierenden chemischen Neurotransmitter ausschüttet."

Der Körper wird zum Instrument

Eine Technik, die der US-amerikanische Nervana-Erfinder Daniel Cartledge schon bei Patienten mit Depressionen angewandt hat. Ähnlich wie bei Prothesen, werden auch "Wearables" dafür eingesetzt, um Menschen mit Defiziten zu helfen. Die Jungen Hamburger Symphoniker haben gerade ein T-Shirt vorgestellt, das es Gehörlosen ermöglicht, Instrumente zu spüren. Befindet sich ein Musiker im Orchester rechts auf der Bühne, vibriert das Shirt im Takt der Musik am rechten Arm. Insgesamt acht Bereiche am Körper können stimuliert werden.

Andere nutzen "Wearables", um selber Musik zu machen. Oft in Form von Handschuhen, wie zum Beispiel bei der britischen Künstlerin Imogen Heap. Jede einzelne Bewegung ihrer Hand und Finger kann mit Hilfe von Sensoren Sounds steuern. Das sieht auf der Bühne wie eine einstudierte Tanzchoreografie aus. Mit dem Unterschied, dass Imogen Heap dirigiert und nicht bloß auf die Musik reagiert: Ihr Körper ist das Instrument.

Das Gehirn als Komponist

Auch das Gehirn kann Musik machen. Eine Art verkabeltes Stirnband misst dabei durch Elektroenzephalografie die Gehirnaktivitäten und sendet die Daten an den Computer.  Dieser wandelt sie in Klänge um.

Für experimentierfreudige Künstler ist das natürlich äußerst reizvoll. Der Engländer Arthur Brown zum Beispiel hat im vergangenen Jahr als erster Musiker ein ganzes Konzert so gespielt. Derzeit erklingen die Töne aber noch unkoordiniert. Das Gehirn ist zu komplex. Es bedarf großer Konzentration und Übung, bestimmte Regionen zu stimulieren

"Wearables" lassen sich also in vielen unterschiedlichen Bereichen einsetzen. Die meisten von ihnen sind bisher eher Spielereien. In Zukunft werden einige entweder wohl ganz verschwinden oder sich am Ende in einem einzigen Gerät bündeln. Schließlich haben wir vor Jahren noch Armbanduhr getragen, mit dem Handy telefoniert und den Fotoapparat in der Tasche gehabt. Heute kann ein Smartphone all das alleine.

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