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StartseiteKultur heuteWedekind als Musical02.01.2007

Wedekind als Musical

"Spring Awakening" am New Yorker Broadway

Frank Wedekinds 1891 erschienenes Drama mit dem optimistischen Titel "Frühlings Erwachen" trägt den düsteren Untertitel "Eine Kindertragödie". Wedekinds Stück damals war Anklage: Was wird aus jenen Halbwüchsigen, denen die Gesellschaft jede Aufklärung vorenthält? Kaum zu glauben, dass diese Botschaft heute noch so aktuell scheint wie damals. Ausgerechnet am Broadway ist Wedekinds "Frühlings Erwachen" als Musical enorm populär.

Von Andreas Robertz

Freiheitsstatue mit Blick auf Manhattan (dradio.de)
Freiheitsstatue mit Blick auf Manhattan (dradio.de)

Wedekinds "Spring Awakening" als Musical am Broadway sprengt jede Erwartung.

Wer kennt sie nicht bei uns: die Geschichte der Teenager Wendla, Martha, Hänschen, Moritz und Melchior wie sie uns Frank Wedekind in seinem "Frühlings Erwachen" vor über hundert Jahren erzählt hat? Eine Geschichte von Lateinschule und Freundschaft, von erwachender Sexualität und Pubertät, von Scheinheiligkeit, innerer Rebellion und jugendlicher Verzweiflung. Unter der Regie von Michael Mayer, der Musik von Duncan Sheik und mit einem jungen Schauspielensemble, das anscheinend aus lauter Rockstars besteht, spielt die Musicalversion "Spring Awakening" jetzt im Eugene O´Neil Theater am Broadway. Schon jetzt ist klar, dass sie sich wohl zum Liebling des Broadways 2007 entwickeln wird - zumindest in den Augen der ungewohnt euphorischen New Yorker Presse. So redet die New York Times "von purem Sex" und "der Neuerfindung des Musicals", Time Out attestiert dem Abend, dass er "endgültig das Genre Musical ins Jetzt zerren würde" und der Observer schreibt: "dass man so etwas überhaupt noch nie auf einer Broadwaybühne gehört geschweige denn gesehen habe". Dabei ist die Rede nicht einfach nur von der Musik, die es schafft, die Themen der jugendlichen Helden in poetischen-rebellischen Rockballaden in die Sprach- und Ausdruckswelt heutiger Jugendkultur zu übersetzen, sondern vor allem von der Kraft der Geschichte selbst mit ihren mutigen Themen - dieselben, die das Stück in seiner 100 jährigen Geschichte immer wieder auf die Verbotslisten moralischer Zensur gebracht haben (in England war es bis 1964 verboten): der offen Umgang mit Sexualität, Masturbation und Homosexualität und das Infragestellen bürgerlicher Moralvorstellungen. Die Regie findet hier einen direkten und offenen Umgang, der durch die Unschuld seiner Darsteller nie pornographisch wirkt, eher oft eine komödiantische Wirkung hat - zum Beispiel, wenn sich Hänschen auf der Toilette nicht mehr bremsen kann, alle weiblichen Mitglieder des Ensembles singend um ihn herum tanzen, während sein Vater vor der Tür klopft und schreit, als gälte es, seinen Sohn vor dem Ertrinken zu retten. Die Geschichte, wie auch Bühne und Kostüme spielen in Originalzeit und doch ziehen die Schauspieler immer wieder Konzertmikrofone aus ihren Wolljacketts, um uns ihr Innenleben zu offenbaren:

Die Adaption von Steven Sater, der auch die Songtexte geschrieben hat, zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich ganz auf die jugendlichen Charaktere konzentriert. Alle Erwachsenen werden von zwei Schauspielern gespielt - wie schön, wenn Namen wie Knochenbruch und Sonnenstich hier am Broadway ihre komödiantische Wirkung nicht verfehlen. Die Songs selber, die wie eine Brücke zum Heute fungieren, zeugen von großem Verständnis für die inneren Konflikte der einzelnen Charaktere. So singt die geprügelte Martha in "The Dark I Know" von Missbrauch und Angst, Moritz in "The Bitch Of Living" und "Don´t Do Sadness" von seiner Wut und der Unfähigkeit, der Welt etwas Positives entgegenzusetzen, Hänschen in "My Junk" von seiner Einsamkeit, Wendla in "The Word Of Your Body" und "I Believe" von Sehnsucht und Schuldgefühlen und Melchior mit "Touch Me" und "Totally Fucked" von Neugier und Aufbegehren.

Der Abend, der sich atmosphärisch zwischen dem "Club der toten Dichter" und Pink Floyds "The Wall" bewegt, mündet zum Schluss in "The Song Of The Purple Spring", in dem das gesamte Ensemble an der Rampe steht und von der Hoffnung singt, dass jede Generation in sich die Kraft hat, die erstarrten Muster der Vergangenheit aufzulösen - nicht gerade ein typisches Broadway Happy End. Mehr als sieben Jahre haben die Macher dieses Abends an ihm gefeilt - diese Sorgsamkeit hat sich ausgezahlt.

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