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StartseiteKultur heuteWege ins Paradies25.09.2007

Wege ins Paradies

Zum Freitod des französischen Sozialphilosophen und Publizisten André Gorz

Im Alter von 84 Jahren hat sich der Sozialphilosoph André Gorz gemeinsam mit seiner unheilbar kranken Ehefrau Dorine am Montag das Leben genommen. Gorz habe in seiner Kritik der Arbeitsgesellschaften und in der Formulierung einer politischen Ökologie Fragen, aber auch Antworten formuliert, die heute präsenter und auch dringender sind, als je zuvor, so der Leiter des Kulturwissentschaftlichen Instituts in Essen, Claus Leggewie.

Moderation: Beatrix Novy

Beatrix Novy: Einer, der es gar nicht mit Pauken und Trompeten hielt, aber mehr davon verdient hätte, war André Gorz, der sich zusammen mit seiner unheilbar kranken Ehefrau am Montag das Leben genommen hat. Ein großer europäischer Intellektueller, in seinem Leben bestimmt durch die ideologischen Kämpfe des frühen 20. Jahrhunderts, aber ein unabhängiger Denker und bedeutender Sozialtheoretiker - vor allem in grünen Debatten war Gorz immer präsent, aber heute, da die Veränderungen in der Arbeitswelt, überhaupt das Verhältnis von Kapital und Arbeit wieder Oberthema sind, müsste Gorz viel mehr in aller Munde sein - warum ist das nicht so, Claus Leggewie?

Claus Leggewie: Das kommt daher, dass er kein wirklicher Medienmensch war. Wenn Sie eine berechtigte oder auch steile These haben, dann müssen Sie heue in elektronischen oder Printmedien präsent sein, sich im Grunde genommen auch als Person exponieren. Gorz war eine außerordentlich schüchterne und scheue Person, medienscheu vor allen Dingen. Aber natürlich können wir heute sagen, dass André Gorz, der Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre den Sozialismus, den autoritären Staatssozialismus kritisiert hat und der dann Anfang der 70er Jahre die ökologische Frage für die Linke entdeckt hat, dass er in einem Maße Recht behalten hat, das geradezu Aufsehen erregend ist. Er ist ein wirklich unterschätzter Autor. Er ist ein Vertreter der neuen Linken. Auch das war vielleicht manchen zu weit links stehend. Aber er hat natürlich in seiner Kritik der Arbeitsgesellschaften in der Formulierung einer politischen Ökologie Fragen, aber auch Antworten formuliert, die heute präsenter und auch dringender sind, als je zuvor:

Novy: Bevor wir auf diese Antworten kommen, sagen Sie doch mal etwas zu seiner Lebensgeschichte. Wer war er?

Leggewie: Er ist geboren in Wien als Sohn eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter unter dem Namen Gerhard Hirsch. Als es in Wien immer antisemitischer zuging, hat die Mutter, die sehr resolut war, den Namen geändert in Gerhard Horst. Und aus diesem Gerhard Horst wurde dann, als er über die Schweiz nach Frankreich ging, die französische Übersetzung für Horst. Das kleine Wäldchen heißt im Französischen bosquet. Und so wurde da das publizistische Pseudonym Michel Bosquet und ebenso die Lautmalerei André Gorz. Es ist ein sehr schönes Spiel. Erstens mit wechselnden Identitäten, aber dann auch ein Sprachspiel, was der existenzialistische Sozialist André Gorz mit großer Freude betrieben hat.

Novy: Und wie ging dann seine Vita in die Themen hinein, die wir von ihm kennen?

Leggewie: Er hat im Grunde genommen Sartre in Anfang der 40er Jahre gelesen, als die Lektüre von Sartre noch viele wie ein Schock ergriff. Er ist dann eigentlich ein Jünger von Sartre geworden, hat aber dann auch immer sich sehr eigenständig in der Existenzphilosophie bewegt und ist dann gewissermaßen Sartre aus der Schweiz nach Paris gefolgt, hat dort das Leben eines armen Literaten an der Seite seiner Frau Dorine verbracht und ist dann im Jahr 1958 mit einem existenzialistischen Roman "Der Verräter - Le Traître" an die Öffentlichkeit getreten, eine existenzialistische Selbstanalyse. Da wir hier heute soviel über Konvertiten sprechen, das ist kein Buch über Konvertitentum, sondern das ist eine geschriebene Konversion.

Novy: Und auf wen bezieht sich der Verrat? Auf was?

Leggewie: Es ist im Grunde genommen ein großes Thema. Da jetzt zuletzt ein anderes Buch erschien, das Gorz noch einmal bekannt macht "Die Briefe an D." - das ist seine Frau Dorine, mit der er 58 Jahre zusammen war. Die Vermeidung einer Liebeserklärung, die er dann Jahre später in diesem Brief an D. dargelegt hat. Er hat eine Entwicklung eines Menschen von der Nichtigkeit, von dem Nichts zu einer Person beschrieben und das Scheitern dieser Personalisierung in diesem sehr komplizierten Buch "Le Traître". Und hat das dann im Grunde genommen heute, 2006/7, aufgeklärt in diesem Brief an D. und hat gesagt: Warum habe ich eigentlich so wenig über dich, Dorine, geschrieben, die du in meinem Leben so wichtig und bedeutend gewesen bist? Sie war eigentlich die Leerstelle, die in dem Roman nicht gefüllt wurde. Aber sie war sozusagen ständig präsent. Und wer dieses Paar erlebt hat, der hat eben auch wirklich ein nicht nur anrührendes, sondern auch überzeugendes Beispiel für Liebe und Treue bekommen. 58 Jahre haben sie miteinander gelebt. Sie haben alles geteilt bis in den Tod, den sie gemeinsam gewählt haben in Vosnon, wo sie sich seit 1983 mehr oder weniger zurückgezogen hatten.

Novy: In den Biographien linker Intellektueller kommt das Persönliche nicht vor, wenn es sich um die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts handelt, sondern eben immer nur das Politische. Also ist das eine späte Entdeckung?

Leggewie: Ja, das ist eine späte Entdeckung, die vermutlich auch etwas zu tun hat mit einer Selbstkritik. Wer ihn erlebt hat, hat einen ganz scheuen, schüchternen Menschen mit einer unglaublich leisen Stimme erlebt, der mit einer unglaublichen Bescheidenheit aufgetreten ist, aber dort die bestimmtesten Sätze gesagt hat. Gorz war sich seiner Sache so sicher, die Kritik der Arbeitsgesellschaft, die Kritik eines bestimmten dogmatischen Marxismus, die Überzeugungen, die ökologische Frage, die eigentlich entscheidend ist, also das Verhältnis der menschlichen Kultur und Gesellschaft zur Natur. Also alles Dinge, die wir heute unter den Auspizien des sogenannten Klimawandels uns auch wieder anschauen. Man muss sich einfach vorstellen, dass wir jetzt Jahrzehnte, eigentlich seit '73, '74 über Massenarbeitslosigkeit sprechen, und immer wieder die Konzepte, die Gorz und andere im Blick auf Grundeinkommen, Teilung der Arbeit usw. beschrieben haben, dass die immer wieder zurückgewiesen worden sind als utopisch. Also der Kapitalismus kann einfach seinen Mist jetzt mittlerweile über 30 Jahre lang bauen und diejenigen, die die Rezepte geboten haben, um aus der Krise der Arbeitsgesellschaft herauszukommen, die blieben ungehört. Und deswegen ist die Lektüre von Gorz umso dringlicher.

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