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StartseiteWirtschaft am MittagZwischen Optimismus und Existenzangst31.03.2015

Wegfall der MilchquoteZwischen Optimismus und Existenzangst

Ab morgen ist in der EU Schluss mit der Milchquote - ab dann können Milchproduzenten selbst entscheiden, wie viel Milch sie produzieren. Die Landwirte stehen dem mit gemischten Gefühlen gegenüber. Viele Betriebe begrüßen einerseits die neue Freiheit - fürchten aber auch einen möglichen Preisverfall.

Von Michael Watzke

Zwei Kühe (Jürgen Lecher)
Familienbetriebe mit nur wenig Kühen fürchten um ihre Existenz. (Jürgen Lecher)
Weiterführende Information

Brüssel - Bauern protestieren gegen Aus für Milchquote
(Deutschlandfunk, Informationen am Mittag, 31.03.2015)

Wegfall der Milchquote - Nachteilig für Umwelt und Tiere?
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 30.03.2015)

Ende der Milchquote - Kleinbauern vor dem Aus?
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 30.03.2015)

"Kommt her, hier gibt's Futter! Kommt her!"

Augustin Riedmiller, Milchbauer aus Burgkranzegg im Allgäu, füttert sein Vieh. In einem ganz neu errichteten, hellen Freilaufstall.

"Der Stall ist jetzt für 40 Kühe gebaut, und er ist mit 32, 33 Milchkühen belegt. Für einen Familienbetrieb wird das, denke ich, die unterste Grenze sein, dass man überhaupt weitermachen kann."

Denn wenn morgen die Milchquote fällt, befürchtet Riedmiller eine Milchmengen-Schlacht, die er mit seinem jahrhundertealten Hof auf fast 1.000 Metern Höhe nicht gewinnen kann.

"Die Größe ist begrenzt, gerade im Grünlandgürtel. Und die Arbeit hier ist immer mehr. Das ist eine schwierige Entwicklung, dass einfach der Grünlandgürtel im Nachteil ist."

Der bayerische Grünlandgürtel reicht von Lindau im Westen bis Berchtesgaden im Osten. Bergbauern-Land mit oft winzigen Höfen und kleinen Feldern. 100 Kilometer weiter nördlich, im niederbayerischen Landshut, sieht die Sache schon anders aus. Hier blickt Milchbauer Georg Steckenbiller mit 75 Kühen optimistisch in die Zukunft:

"Der Run auf Milchprodukte wird weiterhin vorhanden sein. Wir haben halt dann die Möglichkeit, im Rahmen von Betriebserweiterungen ohne hohe Kosten für Quoten die Milchproduktion auszudehnen."

Schweiz als Negativbeispiel

Zwei Milchbauern, zwei Meinungen. Und das gilt nicht nur für Bayern, sondern für ganz Deutschland, sagt Romuald Schaber, der Vorsitzende des Bundesverbands deutscher Milchviehhalter, BDM:

"Mein Gefühl ist, dass die Bauern unterschiedlich reagieren. Die einen haben einen Heidenrespekt vor der Zukunft, der neuen Zeit ohne Quote, die anderen sind hoffnungsvoll. Man weiß nicht so genau, was kommt. Aber die Erfahrungen in anderen Ländern sind nicht sehr positiv."

Schaber erwähnt die nahegelegene Schweiz. Dort ist die Milchquote bereits seit einigen Jahren Geschichte. In der Folge seien die Milchpreise im Alpenstaat gefallen, das Höfe-Sterben habe zugenommen. Die Situation in der Schweiz sei aber nicht so einfach auf Bayern zu übertragen, sagt Elisabeth Viechtl. Die Referatsleiterin im Bayerischen Landwirtschaftsministerium betont eher die Chancen des freien Marktes als die Risiken:

"Denn wir haben in Bayern einen wesentlich weniger starken Rückgang des Milchpreises als im Norden, wo die Molkereiwirtschaft wesentlich stärker auf Standardprodukte ausgerichtet ist. Wir haben Nischen, wir unterstützen Heumilch-Produktion, wir unterstützen regionale Spezialitäten und kleine Molkereien mit einem speziellen Förderprogramm."

Russland-Embargo: "Milchmarkt ist auch betroffen"

Doch wird das reichen? In Bayern hat seit der Einführung der Milchquote 1984 mehr als jeder zweite Bauernhof dicht gemacht. Im Allgäu ist die Zahl noch höher. Milchbauer Riedmiller in Burgkranzegg hat noch Glück. Der 58-Jährige übergibt den Hof im kommenden Jahr an seinen Sohn Martin. Allerdings mit Sorge.

"Die Produktion wird in andere Regionen abwandern, ist ja zum Teil schon abgewandert. Die Anderen haben ja schon gigantisch investiert. Die haben nicht 40 Kühe, nicht 400, sondern bis zu 4000. Wenn die dann zum gleichen Preis produzieren, hat der Grünlandgürtel einfach den Nachteil."

Größe allein muss allerdings kein Vorteil sein. Je nachdem, wie sich der Milchpreis entwickelt, besitzen kleine Betriebe mehr Flexibilität. Die Frage, wie der Weltmarkt für Milch in zehn Jahren aussieht. Ob die Chinesen wie bisher immer mehr Milch trinken. Und dann, so Elisabeth Viechtl vom Landwirtschafts-Ministerium, ist da noch: "Das Russland-Embargo. Das ist natürlich ein unvorhergesehenes Ereignis, das mit dem Milchmarkt zunächst gar nichts zu tun hat. Von dem aber der Milchmarkt - genau wie andere Märkte - betroffen ist."

Bisher hat der Markt es gut verkraftet. Wenn morgen die Milchquote wegfällt, könnte sich das ändern.

"Kommet, auf geht's! So..."

 

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