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Donnerstag, 12.12.2019
 
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Wehmütiger Abgesang

Peter Scholl-Latour: "Die Angst des weißen Mannes. Ein Abgesang". Propyläen Verlag

Der große alte Mann unter den deutschen Kriegs- und Krisenreportern unternahm in den beiden vergangenen Jahren noch einmal recht ausgedehnte und wohl auch anstrengende Reisen zu meist schon früher von ihm besuchten Plätzen, um das ehedem Erlebte und Erfahrene mit den neuen Eindrücken zu vergleichen.

Von Dietrich Möller

Der Journalist Peter Scholl-Latour (AP)
Der Journalist Peter Scholl-Latour (AP)

Herr, benutze mich als Werkzeug Deines Friedens, damit ich die Wahrheit verkünde, wo der Irrtum vorherrscht, dass ich Dein Licht in der Finsternis scheinen lasse, dass ich Freude stifte, wo Traurigkeit herrscht; denn indem wir uns selbst vergessen, finden wir zu uns selbst, und im Tode werden wir zum ewigen Leben auferstehen.

Nein, hier wird nicht von einem eher dem christlichen Glauben gewidmeten denn einem politischen Buch die Rede sein. Mit diesem Zitat endet Peter Scholl-Latours jüngstes Werk unter dem Titel "Die Angst des weißen Mannes – ein Abgesang".

Der große alte Mann unter den deutschen Kriegs- und Krisenreportern – seinen 85. Geburtstag hat er mittlerweile hinter sich – unternahm in den beiden vergangenen Jahren noch einmal recht ausgedehnte und wohl auch anstrengende Reisen zu meist schon früher von ihm besuchten Plätzen, um das ehedem Erlebte und Erfahrene mit den neuen Eindrücken zu vergleichen. So jedenfalls erklärt es sich der Leser, wenn er sieht, wie Scholl-Latour neben die Reportagen aus den Jahren 2007 bis 2009 oft weit zurückliegend Erlebtes stellt. Das ist nicht immer in sich schlüssig und zuweilen führt es zu Wiederholungen.

Ein Beispiel dafür sind die Reportagen aus der ehemaligen Sowjetrepublik Kasachstan. Die erste stammt aus dem Juli 2009, die nächste aus dem Sommer 1980, die beiden folgenden vom Dezember 1992 – wobei man sich fragt, warum sie überhaupt geteilt wurden - , die fünfte vom Herbst '95 und die letzte wieder vom Juli 2009.
Neben Kasachstan hat Scholl-Latour das benachbarte und auch ehemals sowjetische Kyrgistan besucht, dazu China und Tibet. Sein Buch beginnt er aber in dem einst portugiesischen Ost-Timor, heute Timor-Leste genannt, und dann geht es über Bali, Neuseeland, Java, die Philippinen bis eben nach Ost- und Zentralasien. Brasilien ist dem Epilog vorbehalten, und dort auch, in San Francisco, trug es sich zu, dass Scholl-Latour ...

... beim Verlassen der Kirche ein dunkelhäutiger Mönch einen Zettel in die Hand drückte, auf dem das Gebet seines heiligen Ordensgründers abgedruckt war.

Nämlich jenes eingangs zitierte mit der Bitte, des Herrn Werkzeug sein zu dürfen, um die Wahrheit zu verkünden.

Man glaube nicht, ich sei einem Anfall von Frömmelei erlegen, aber ich empfand es als seltsames Omen...

... lesen wir und – können uns des Eindrucks nicht erwehren, Scholl-Latour sehe sich tatsächlich als gleichsam Berufener, die letzten Wahrheiten kundzutun. Manche von ihnen sind freilich schon öfter und lange vor ihm entdeckt worden, so etwa die, dass es ein Ding war, dass großrussischer Chauvinismus zu der Annahme führte, den Kaukasus oder Zentralasien beherrschen zu können, ein ganz anderes aber, dass die kaukasischen und zentralasiatischen Völker sich tatsächlich nicht auf Dauer beherrschen lassen.

Diesem Beispiel können ähnliche beigefügt werden, etwa die Entwicklung Indiens von einer Kolonie zur Großmacht und ebenso die Chinas. Der von Scholl-Latour in vielfältiger Weise geschilderte Herrschaftsverlust der ehemaligen europäischen Kolonialmächte – "des weißen Mannes" mithin – war für einigermaßen Geschichtskundige schon voraussehbar, bevor dieser Prozess so recht begonnen hatte. Denn keinem Großreich war je die ewige Existenz vergönnt, die Emanzipation von Stämmen und Nationen hat noch jedes Imperium zerbröseln lassen.
Scholl-Latours "Abgesang" geht allerdings noch darüber hinaus:

Dem 'weißen Mann' ist ja nicht nur das Monopol industrieller und militärischer Überlegenheit abhanden gekommen. Ihm fehlen heute vor allem das Sendungsbewusstsein, die Lust am Abenteuer sowie die Bereitschaft zur Selbstaufopferung, auf die sich sein imperialer Anspruch gründete.

Sendungsbewusstsein? Aus welchen Quellen sollte es sich heute wohl speisen? Aus der Religion? Aus politischer und gesellschaftspolitischer Ideologie? Aus der Kultur?
Und dann "Selbstaufopferung": Wozu? Zur gewaltsamen Unterdrückung Nichtweißer?
Welche Vorstellungen mögen da Scholl-Latours Hand geführt haben?
Und bei dieser Passage:

Man mag mir entgegenhalten, die 'Angst des weißen Mannes' sei ein Produkt meiner Phantasie, und es lebe sich doch weiterhin recht bequem in dieser 'Brave New World', die sich dem Multikulturalismus und der Multiethnizität ergeben hat. Ich bin so alt, dass ich die Stunde einer akuten Bedrohung wohl nicht mehr erleben werde. Doch schon die kommende Generation wird sich mit der schmerzlichen Anpassung an eine inferiore Rolle im globalen Kräftespiel, an geschwundenes Prestige abfinden müssen und mit dem tragischen Fatum leben, dass den weißen Herren von gestern das sachte Abgleiten in Resignation und Bedeutungslosigkeit bevorsteht.

Scholl-Latours düstere Betrachtung auf den ersten Seiten des Buches verliert sich merkwürdigerweise für einen Moment auf den letzten, in Brasilien geschriebenen.

Hier sind wir nicht nur in der 'Neuen Welt' angekommen, hier begegnen wir einer neuen Menschheit, und die Vermutung stellt sich ein, dieses könnte die Menschheit der Zukunft sein. Mit seiner vielfältigen Harmonie der Rassen nimmt Brasilien eine ethnische Vermengung vorweg, die für den ganzen Globus Gültigkeit gewinnen könnte. Noch ist die Verschmelzung sehr unterschiedlich vorangeschritten, spart gewisse Regionen vollends aus. Niemand kann so recht erklären, wie dieses bunte Sammelsurium funktioniert, wie trotz aller Diskrepanzen eine brasilianische Einheitlichkeit und ein wachsendes nationales Selbstbewusstsein entstanden.

Doch er wolle nichts verharmlosen und schönreden, schreibt er und verfällt wieder in Pessimismus:

Es kann einen sogar ein Schauer überkommen bei der Perspektive auf eine globale Entwicklung, an deren Ende das biologische Ende des 'weißen Mannes' stünde. .. aufgrund der Kommunikationsmöglichkeiten, ... aufgrund einer subkutanen kulturellen Anpassung und Osmose, ... aufgrund einer technischen und elektronischen Beschleunigung der menschlichen Geistesentwicklung ... wäre auch eine Beschleunigung der Evolution, ja das jähe Auftreten von Mutationen nicht auszuschließen, die das Bild des 'homo sapiens' erheblich verändern könnten.

Gleichsam mahnende Zeichen sind für Scholl-Latour unter anderem Fettleibigkeit, der "androgyne Wuchs vieler Frauen", die geringe seelische Belastbarkeit junger Soldaten und die Langlebigkeit der Menschen bei gleichzeitiger Zunahme von Demenz-Erkrankungen. Nun ja, wir lesen ja auch in einem "Abgesang".

Und dem entsprechend überschreibt Scholl-Latour die einzelnen Kapitel als "canto"; mithin haben wir zwischen "Präludium" und "Epilog" acht "Gesänge" – das sind eben jene Stücke überwiegend aus dem pazifischen und asiatischen Raum, aktuelle und aus früher Notiertem entstandene. Nein, reine Reportagen sind es nicht; wie gesagt: Was Scholl-Latour gerade sieht und erlebt, mischt er gern mit Erinnerungen aus 60 Jahren und mit Reflexionen, und obwohl das Verfahren seinen Reiz hat, lässt es den Text zuweilen auch wuchern, wo ein fester Rahmen eindrucksvoller wäre.

Peter Scholl-Latour hat sein Licht nie unter den Scheffel gestellt, und er tut's auch hier nicht, er teilt nur allzu gern mit, welch Mächtige ihm Rede und Antwort standen; er betont seine Sprachkenntnisse, indem er mal im Original zitiert, ohne immer die Übersetzung mitzuliefern, und natürlich belehrt er seine Leser ganz besonders gern über den Islam, allerdings penetrant oft Begriffe nutzend statt Erklärungen zu geben.

Das Fazit? Ja, es ist ein "Abgesang" auf eine Zeit und eine Welt, die dem Reporter Peter Scholl-Latour wohl vertrauter und angenehmer waren als das Heute. Ein wehmütiges Buch.

Peter Scholl-Latour: Die Angst des weißen Mannes. Ein Abgesang. Propyläen Verlag, Berlin 2009, 458 Seiten

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