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StartseiteUmwelt und Verbraucher Weichmacher können Fettleibigkeit und Diabetes auslösen20.03.2012

Weichmacher können Fettleibigkeit und Diabetes auslösen

Schädliche Verdachtswirkungen bei hormonellen Stoffen

Nach einer britischen Studie wirken Weichmacher und andere allgegenwärtige Chemikalien nicht nur hormonell, sondern spielen auch eine Rolle bei der Entstehung von Fettleibigkeit und Diabetes. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland fordert eine strengere Regulierung dieser Stoffe.

Von Philip Banse

Darauf deutet vieles hin: Weichmacher und andere allgegenwärtige Chemikalien können Fettleibigkeit und vor allem Diabetes auslösen. Das ist Ergebnis einer Studie der britischen Umweltschutzorganisation ChemTrust, die der Bund für Umwelt und Naturschutz heute vorstellte. Diese Studie ist eine Literaturstudie, basiert also nicht auf eigenen Messungen, sondern fasst 240 Studien zusammen. Über was für Stoffe reden wir hier? Es geht um künstlich hergestellte Chemikalien wie Weichmacher und Flammschutzmittel. Diese Stoffe wirken im menschlichen Körper wie Hormone, können also in den Stoffwechsel eingreifen, blockieren andere Hormone oder ahmen sie nach. Bisphenol A etwa wirkt wie ein künstliches weibliches Sexualhormon; sogenannte Phthalat-Weichmacher können etwa dazu führen, dass Jungs weniger Spermien ausbilden. Jeder von uns kommt mit diesen hormonähnlichen Chemikalien jeden Tag in Berührung, sagt Sarah Häuser vom Bund für Umwelt und Naturschutz:

"Beispiele für Alltagsprodukte sind zum Beispiel Plastik, Produkte aus Plastik, Plastikspielzeug, Duschvorhänge, PVC-Böden, Elektrogeräte, Konservendosen und so weiter. Mit den Stoffen kommen wir täglich in Kontakt. Die Stoffe sind nicht fest in Plastik gebunden, die gasen mit der Zeit aus, wir können sie zum Beispiel einatmen. Sie kommen über den Hautkontakt in unseren Körper und wir nehmen sie eben auch über Nahrungsmittel auf."

Besonders gefährdet durch diese allgegenwärtigen Chemikalien sind Kinder und schwangere Frauen. Bisher – ich habe es gesagt – gingen alle davon aus, dass diese Stoffe vor allem als Sexual-Hormone wirken, sagt Sarah Häuser vom BUND.

"Die vorliegende Studie zeigt aber ganz deutlich, das eben auch ganz andere Krankheitsbilder, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten rapide angestiegen sind, wie Fettleibigkeit und Diabetes mit ihnen zusammen hängen oder eben von ihnen ausgelöst werden können."
Das ist neu. Man weiß, dass Fettleibigkeit und Diabetes mit verursacht werden durch falsche Ernährung, zu wenig Bewegung und auch genetische Voraussetzungen, sagt Professor Gilbert Schönfelder, Toxikologe an der Charité in Berlin. Die heute vorgelegte Studie weise auf eine weitere Ursache hin, zeige, dass auch diese Hormon-ähnlichen Chemikalien eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Fettleibigkeit und Diabetes spielen:

"Ich kann ihnen das nicht in Prozent ausdrücken, das ist immer so, man möchte wissen, 20, 30, 40 oder 50 Prozent, das ist es nicht, sondern es verändert die Einstellung des Körpers im Umgang mit Nährstoffen, es verändert die Insulinausschüttung, es verändert die Reifung von Zellen, Fettzellen, die Aufnahme von Fett, die Verarbeitung von Glukose, also von Zucker. Resistenzen entstehen, Autoantikörper werden gebildet, so wie wir sie auch von Typ 2 kennen. Sie haben sicherlich einen wesentlichen Anteil."

Allgegenwärtige Chemikalien wie Bisphenol A, Phthalate-Weichmacher und Flammschutzmittel sind also noch schädlicher als bisher bekannt. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland fordert daher, dass diese Chemikalien weiter minimiert werden und dass vor allem Kinder und schwangere Frauen besser vor diesen Stoffen geschützt werden. Die Bundesregierung müsse Bisphenol A in allen Materialien verbieten, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen. Auch in der EU müsse Deutschland aktiv werden.

Stoffe verbieten und durch harmlose ersetzen - diese Forderung wird unterstützt vom Umweltbundesamt, einer Behörde des Umweltministeriums. Auch das Umweltbundesamt hält es generell für erforderlich, hormonell wirkende Stoffe strenger zu regulieren. Die EU Chemikalienverordnung REACH mache dies möglich. Doch bisher werde dieses Instrument noch nicht genutzt, kritisiert das Umweltbundesamt.

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