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StartseiteWirtschaft und Gesellschaft"Kinderarmut ist immer abgeleitete Armut der Erwachsenen"22.12.2014

Weihnachten in armen Familien"Kinderarmut ist immer abgeleitete Armut der Erwachsenen"

Wie gestaltet sich Weihnachten angesichts akuter Geldsorgen? Jeder zehnte Haushalt in Deutschland ist von Hartz-IV-Leistungen abhängig, unterstreicht der Sozialwissenschaftler Stefan Sell. Und: Trotz sehr guter Arbeitsmarktlage sei die Kinderarmut gestiegen. Sell forderte im DLF, zuerst einmal durch verbesserte staatliche Beschäftigungsmaßnahmen die Armut der Eltern zu mindern.

Stefan Sell im Gespräch mit Birgid Becker

Der Begriff Hartz IV, gelegt aus einer Buchstabensuppe, auf einem Holzlöffel. (picture alliance / dpa)
Mehr als 1,6 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland leben in Hartz-IV-Familien leben oder in sogenannten Bedarfsgemeinschaften. (picture alliance / dpa)
Weiterführende Information

Unicef-Bericht - Arme Kinder in reichen Ländern
(Deutschlandfunk, Aktuell, 28.10.2014)

Appell - Kinderhilfswerk fordert Programm gegen Kinderarmut
(Deutschlandradio Kultur, Ortszeit, 14.01.2014)

Jedes siebte Kind ist arm
(Deutschlandfunk, Wirtschaft und Gesellschaft, 25.09.2012)

Die Zahlen könnten noch besser aussehen
(Deutschlandfunk, Kommentar, 26.01.2012)

Wie gestaltet sich Weihnachten angesichts akuter Geldsorgen? Jeder zehnte Haushalt in Deutschland ist von Hartz-IV-Leistungen abhängig, unterstreicht der Sozialwissenschaftler Stefan Sell. Und: Trotz guter Arbeitsmarklage sei die Kinderarmut gestiegen. Sell forderte im DLF, durch staatliche Beschäftigungsmaßnahmen die Armut der Eltern zu mindern.

Birgid Becker: Das Vor-Weihnachtsgeschäft jetzt, kurz vor Toreschluss, und Kontrastprogramm: Wie läuft Weihnachten unter dem Eindruck von akuten Geldsorgen? Wie viel an Weihnachtswünschen kann erfüllt werden für etwa 1,6 Millionen Kinder, die jünger sind als 15 Jahre und in Hartz-IV-Familien leben? Damit begrüße ich den Koblenzer Sozialwissenschaftler Stefan Sell. Guten Tag!

Stefan Sell: Guten Tag!

Becker: Ein bisschen Statistik zum Start, mehr als 1,6 Millionen Kinder und Jugendliche, die in Hartz-IV-Familien leben oder in sogenannten Bedarfsgemeinschaften – 15,5 Prozent oder jedes sechste Kind ist da gemeint. Stefan Sell, die Tendenz im vergangenen Jahr war wohl trotz guter Lage auf dem Arbeitsmarkt steigend, nicht wahr?

Sell: Ja, leider. Also insgesamt kann man zu den Zahlen Folgendes sagen: Jeder zehnte Haushalt in Deutschland ist von Hartz-IV-Leistungen abhängig. Bei den Kindern, die hier interessieren, also den Unter-15-Jährigen, sind es 15,5 Prozent, ein deutlich höherer Anteil, und der ist leider seit 2012 gestiegen. Also wir hatten ja in den letzten Jahren eigentlich eine gute, eine sehr gute Arbeitsmarktlage, und trotzdem ist der Anteil der Kinder in registrierter Armut, wenn ich das mal so sagen darf, gestiegen. Wir dürfen ja nicht vergessen: Dazu kommen noch die Kinder, die in Haushalten leben, die knapp oberhalb von Hartz IV sich befinden und die da gar nicht drin sind.

Becker: Wobei aber bundesweit die Situation sehr unterschiedlich ist, nicht wahr? In Berlin ist etwa jedes dritte Kind betroffen, in Bayern nur eine Minderheit.

Sell: Ja. Es gibt eine große Spannweite. Sie haben die beiden Extreme genannt, Berlin und Bayern. Dahinter verbirgt sich natürlich ein, ja, soziologisches Problem. Es gibt ja nicht die Kinderarmut als solches, sondern Kinderarmut ist immer eine abgeleitete Armut der Erwachsenen. Und wenn wir da mal genauer hinschauen, aus welchen Gruppen setzen sich eigentlich die betroffenen Haushalte zusammen, dann sind es vor allem zwei Gruppen. Zum einen, ganz wichtig: Fast die Hälfte der in Armut lebenden Kinder lebt bei Alleinerziehenden und bezieht Hartz-IV-Leistungen. Das ist die eine große Gruppe. Und die andere große Gruppe sind die Langzeitarbeitslosen. Die Quote der Langzeitarbeitslosen ist sehr stark abhängig von der regionalen Struktur. Da gibt es schlichtweg in Bayern aufgrund der besseren Arbeitsmarktsituation Gott sei Dank deutlich weniger Langzeitarbeitslosigkeit, und das macht sich auch an den Zahlen bemerkbar.

Bündelung staatlicher Maßnahmen nötig

Becker: Also Kinderarmut, Sie sagten – den Begriff als abgeleitete Armut – kann dann nur gelindert werden dadurch, dass es den Eltern besser geht. Dabei gibt es aber auch die Idee einer Kindergrundsicherung als eigenständige Leistung. Wie würde das aussehen?

Sell: Ja, es gibt ein sogenanntes Bündnis Kindergrundsicherung, da sind Verbände, aber auch Wissenschaftler drin vertreten. Die fordern einen völligen Umbau der vielen, also ich möchte schon sagen, des Dschungels an familienbezogenen Leistungen, nicht nur Kindergeld, Elterngeld und so weiter, die fordern also eine Kindergrundsicherung zurzeit in Höhe von 536 Euro pro Monat, die also dann jedes Kind erst mal bekommt. Natürlich bekommen das praktisch die Eltern. Und das wird auch verrechnet mit deren Besteuerung. Das heißt, die Eltern, die heute keine Steuern zahlen, weil sie wenig Geld haben, bekommen den gesamten Betrag für ihre Kinder ausgezahlt, und Familien mit hohen Einkommen, die bekommen zwar genau dasselbe wie heute übers Kindergeld, Kinderfreibeträge, aber nicht mehr. Und dieses Modell ersetzt dann zahlreiche andere Leistungen. Dahinter steht der Gedanke, dass man das Kind selber zum Subjekt dieser Geldansprüche macht. Man muss allerdings fairerweise dazu sagen: Auch, wenn man Einsparungen gegenrechnet, bleibt natürlich ein eher kläglicher Betrag an Mehrausgaben durch eine solche Leistung, die sich etwa um die zehn Milliarden Euro bewegt. Deswegen, na ja, ist es wahrscheinlich relativ unwahrscheinlich, dass es einen solchen Reformschritt geben wird.

Becker: Und trotzdem aber noch nachgefragt: Was würde denn in der Praxis tatsächlich verändert? Also würden in der Praxis tatsächlich die Kinder zielgerichteter adressiert?

Sell: Ja, es gäbe jetzt natürlich sofort Kritiker, die einwenden: Na ja, das Geld kommt ja nicht unbedingt bei den Kindern an. Wir hatten ja mal diese Diskussion, wo teilweise wirklich groteskerweise sämtliche Hartz-IV-Eltern in Kollektivhaftung gestellt wurden. Das Problem lässt sich natürlich grundsätzlich nicht vermeiden immer dann, wenn die Eltern auch über dieses Einkommen treuhändlerisch verfügen und es auch missbrauchen können. Wir wissen aber aus der Forschung mittlerweile, dass gerade in diesen unteren Einkommensbereichen die Eltern eher auf eigene substanzielle Leistungen verzichten, um den Kindern dieses oder jenes zu ermöglichen. Das ist mittlerweile relativ gut belegt. Aber das Missbrauchsrisiko bleibt natürlich.

Becker: Und wenn man Mitnahmeeffekte vermeiden will – auf welche politischen Lösungen man dann verfällt, das sind zum Beispiel die Bildungsgutscheine der damaligen Bundesarbeitsministerin von der Leyen, die aber, ich frage, ob Sie mir zustimmen, die aber dann doch nicht die Kinder so erreichen, wie man sich das gewünscht hat?

Sell: Nein, also wenn ich das zusammenfassend bilanzieren muss, die sogenannten Bildungs- und Teilhabeleistungen, diese zehn Euro hier und da: Wenn Sie einmal schauen, wie hoch allein die Verwaltungskosten für diese dann unterm Strich wirklich peinlich niedrigen Leistungen sind, dass über ein Viertel in die Administration fließt, dann kann man das nur als gescheitert betrachten. Ich glaube, ein zentraler Ansatzpunkt muss sein, dass man die Elternarmut versucht, zu reduzieren. Und wenn wir zum Beispiel wissen – wir haben selber eine Studie vor wenigen Wochen veröffentlicht über die verhärtete Langzeitarbeitslosigkeit in Deutschland –, das sind 480.000 Menschen, die seit mehr als drei Jahren keinen Job hatten, die aber auch mehrere Vermittlungshemmnisse, wie das immer so genannt wird, haben, und da leben 340.000 Kinder. Und wenn man diesen Menschen zum Beispiel durch eine sinnvolle, öffentlich geförderte Beschäftigung wieder Beschäftigungsperspektiven gibt, dann hat das nicht nur materiell Auswirkung, sondern denken Sie bitte ganz stark auch an die pädagogischen Auswirkungen für die Kinder, auf die Kinder, die ansonsten in Haushalten aufwachsen müssen, wo die Eltern teilweise nie gearbeitet haben oder nie mehr werden arbeiten können.

"Ganze Straßenzüge, wo morgen nur die Kinder aufstehen müssen"

Becker: Und da ist wohl das kleinste Problem, dass diese Kinder keine teuren Weihnachtsgeschenke bekommen – nein, die bekommen schlicht kein angemessenes Lebensmodell.

Sell: Die bekommen ein ganz bestimmtes Lebensmodell, und das ist ja auch noch sozialräumlich häufig konzentriert. Es gibt in Städten ganze Straßenzüge, wo die Einzigen, die morgens aufstehen müssen, die Kinder sind, wenn sie zur Schule gehen. Und es muss uns gelingen, durch einen konzertierten Ansatz hier im Interesse der Kinder vor allem sozusagen dieses Verhältnis zu drehen, dass also die anderen in die Minderheit kommen.

Becker: Der Koblenzer Sozialwissenschaftler Stefan Sell war das, danke und einen guten Abend!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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