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StartseiteTag für TagFrüher deutscher Exportschlager 24.12.2015

WeihnachtsliederFrüher deutscher Exportschlager

Das Weihnachtslied hat im deutschen Sprachraum eine lange Geschichte. Es spiegelt den jahrhundertelangen Streit zwischen Protestanten und Katholiken, aber auch überraschende Koalitionen zwischen den Konfessionen. Das Deutsche Gesangbucharchiv in Mainz dokumentiert diese Geschichte.

Von Ulrich Pick

Das älteste im Original erhaltene Gesangbuch im Archiv von 1545 zeigt im Gesangbucharchiv der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz das Jahrhunderte alte Weihnachtslied "Gelobet seist du, Jesu Christ", von Martin Luther (1524). (Picture Alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)
"Gelobet seist du, Jesu Christ": Martin Luthers Weihnachtslied von 1524 ist das älteste im Original erhaltene (Picture Alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)
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"Es ist dieses Kindlichkeits-Motiv, das sich in einer Vielzahl von Liedern spiegelt."

Seit Jahren bereits forscht Hermann Kurzke die Geschichte der deutschen Weihnachtslieder.

"Und darüber hinaus ist es eine Ansammlung von Geschichten, die meistens auf das zweite Kapitel des Lukas-Evangeliums zurückgehen. Also, die ganzen Geschehnisse rund um Maria, die vor der Geburt liegen. Dann die Geburt selbst."

Nirgendwo auf der Welt, sagt der emeritierte Mainzer Germanistikprofessor, gebe es eine so reichhaltige Tradition wie hierzulande. Ihren Ausgang nehme sie im Spätmittelalter mit Liedern wie "In dulci jubilo", "Nun sei uns willkommen, Herre Christ" und "Es kommt ein Schiff geladen". Ihren ersten Höhepunkt habe sie dann zur Zeit der Reformation, denn vor allem Martin Luther habe das Weihnachtslied ausgesprochen populär gemacht:

"Das deutsche protestantische Kirchenlied ist ein Exportschlager gewesen. Ich denke, das ist weltweit führend, soweit ich das überblicken kann und ist bis heute. Wenn man internationale Gesangbücher anschaut und schaut sich die Quellenangaben an, da wird man entdecken: Der Kernbestand, der kommt aus der deutschen Reformation."

Scharfe Konfessionsgrenze über Jahrhunderte

Über lange Zeit war hin das weihnachtliche Liedgut deutlich getrennt nach Konfessionen. Denn die schweren Glaubenskämpfe des sechzehnten Jahrhunderts schlugen sich auch in den Gesangbüchern nieder. Diese scharfe Konfessionsgrenze, sagt Kurzke, verwischte sich erst in Laufe des neunzehnten, frühen zwanzigsten Jahrhunderts:

"Wo wir so seltsame Effekte haben wie, dass die meistens evangelische Jugendbewegung sich für Marienlieder interessiert und dann das katholische Liedgut langsam einspeist. Man kann das an einem Lied wie ‚Stille Nacht' auch sehr gut sehen. Es ist ursprünglich natürlich katholisch. Es ist im Salzburger Land entstanden und hat seinen Siegeszug dann ausgehend von evangelischen Chören, von Leipzig aus, die es weltweit verbreiten."

Auch heute gibt es noch Lieder, die – je nach Konfession – einen unterschiedlichen Text aufweisen. Hierzu gehört beispielsweise "Es ist ein Ros entsprungen".

"Das ist ja im Grunde ein Rätsellied: Was ist das eigentlich für eine Rose? Und die katholische Antwort ist: Die Rose ist Maria. Die Antwort wird in der zweiten Strophe gegeben. Und in der evangelischen Antwort wird das umgebogen auf Jesus. Da heißt es dann: 'Das Röslein, das ich meine, hat uns gebracht alleine'. Katholisch heißt es 'ist Maria, die Reine'."

Welch verschlungene Traditionswege Weihnachtslieder aufgrund der konfessionellen Streitigkeiten genommen haben, lässt sich an Martin Luthers "Vom Himmel hoch da komm' ich her" verfolgen. Das Lied verfasste der Reformator im Jahr 1535. Zwanzig Jahre später, im Jahr 1555, schrieb Valentin Thriller aus Breslau unter Nutzung derselben Melodie das Lied "Es kam ein Engel hell und klar". Obgleich Thriller protestantischer Pfarrer war, wurde seine Version vom katholischen Bistums-Administrator Johann Leisentritt aus Bautzen übernommen. Und zwar aus kirchenpolitischen Gründen, wie Christiane Schäfer erläutert. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Gesangbucharchiv:

"Der deutschsprachige Kirchengesang war halt eben durch Luther sehr populär geworden. Katholischerseits musste man darauf eben auch reagieren. Also sucht er Lieder, die aber keine Luther-Lieder sein dürfen, die man aber übernehmen kann. Und Johann Leisentritt nimmt das in sein katholisches Gesangbuch auf 1567: ‚Es kam ein Engel hell und klar'. Und von da aus geht es durch die katholische Tradition. Es gibt katholischerseits ‚Es kam ein Engel hell und klar' und evangelischerseits gab es ‚Vom Himmel hoch da komm' ich her'."

Luther im katholischen Liedbuch

Bis Luthers Original ebenfalls Eingang in katholische Liederbücher fand, vergingen beinahe 400 Jahre. Erstmals erwähnt wird "Vom Himmel hoch da komm" ich her' in der 1938 von Georg Thurmair, Josef Diewald und Adolf Lohmann herausgegebenen, sehr populären katholischen Sammlung "Kirchenlied", in der auch ökumenische Impulse Niederschlag fanden:

"Im Falle von diesem Luther-Lied haben sie dann einen ganz besonderen Kniff sich ausgedacht. Sie haben die erste Strophe dieses katholisch tradierten Liedes 'Es kam ein Engel hell und klar' genommen und haben dann ab Strophe zwei 'Vom Himmel hoch da komm' ich her', also Luther-Strophen unten angefügt. Und in dieser Form ist es dann auch ins 'Gotteslob 1' von 1975 gekommen. Und jetzt fürs 'Gotteslob 2' hat man dann aber 'Vom Himmel hoch da komm' ich her" jetzt ohne diese erste Strophe als Lutherlied in das Gesangbuch aufgenommen. Erstmals."

Auch wenn die Pflege des Weihnachtsliedes verglichen mit früheren Zeiten nachgelassen hat, sehen die Mitarbeiter des Deutschen Gesangbucharchivs in Mainz keineswegs pessimistisch in Zukunft. Wahrscheinlich müsse ein Teil der angestammten Weihnachts- und Liedtradition absterben, sagt Hermann Kurzke. Aber das bedeute keines Falls ihren kompletten Untergang. Im Gegenteil:

"Es begegnet einem schon heute, wenn man Seminare hält als Germanist, und da sind Studenten drin, dass die eigentlich fasziniert sind, wenn man ihnen eine solche Welt erschließt. Und zwar, weil sie völlig unvorbelastet sind. Sie haben nicht die Last der Tradition in den Knochen, sondern denen kann man ein Barock-Lied zeigen wie etwas absolut Neues. Und sie sind fasziniert, wenn man es ihnen richtig zeigt."

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