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Weiter hohe Corona-InfektionszahlenIst die Orientierung am Inzidenzwert 50 richtig?

Die leere Fussgängerzone in Bielefeld. (picture alliance / Robert B. Fishman)
Fussgängerzone in Bielefeld, leergefegt. Das ist ein Bild aus dem März 2020 - könnte es sich wiederholen? (picture alliance / Robert B. Fishman)

Die Zahl der bestätigten Neuinfektionen in Deutschland bleibt trotz des Lockdowns hoch. Ab welcher Sieben-Tage-Inzidenz sind Lockerungen sinnvoll oder überhaupt denkbar? Bundeskanzlerin Merkel betonte Anfang Januar erneut, dass es Ziel bleibe, den Wert unter 50 zu drücken. Führende Wissenschaftler und Ärzte raten dazu, die bisherige Zielmarke der Bundesregierung zu überdenken - in die eine oder andere Richtung.

Der SPD-Gesundheitspolitiker Lauterbach fordert, die Zielmarke für ein Ende des Lockdowns auf bundesweit 25 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen zu verschärfen. Als Grund verwies Lauterbach auf neue Varianten des Coronavirus. Die Virologin Melanie Brinkmann geht sogar einen Schritt weiter: Sie sprach sich dafür aus, eine Lockerung von Corona-Maßnahmen erst bei einer Inzidenzzahl von 10 durchzuführen. Nur so seien die Kontaktnachverfolgung möglich und die Testkapazitäten ausreichend, sagte sie im Deutschlandfunk. Eine Inzidenzzahl von 50 sei das Maximum, das erreicht werden dürfe. Wenn der Reproduktionswert vier Wochen lang bei 0,7 liege, könne die Pandemie erfolgreich bekämpft werden.

50 im Winter "illusorisch"

Der Epidemiologe Klaus Stöhr hält das Ziel einer Inzidenz von 50 oder sogar niedriger im Winter schlicht für "illusorisch". Er sagte bei n-tv, in unserer Klimazone sei das Ziel einer 50er-Inzidenz nicht machbar. Bei einer so hohen Infektiosität und weil noch mehr als 90 Prozent der Bevölkerung keine Immunität gegen das Virus entwickelt hätten, "können selbst drastische Einschränkungen die dauernde Viruszirkulation nur in einem begrenzten Umfang und dann nur über einen kurzen Zeitraum reduzieren". Erfahrungen aus anderen Ländern wie Irland, Israel oder Belgien zeigten, dass die Zahlen nach einem harten Lockdown schnell wieder steigen können und dann wiederholt Verschärfungen der Maßnahmen nötig seien.

Auch der Medizinstatistiker Gerd Antes hält das Festhalten an dem Inzidenzwert 50 für nicht richtig. Anstatt auf die tägliche Zahl der Neuinfizierten zu achten, müssten die Daten viel differenzierter betrachtet werden. Ein Indikator könnte seiner Ansicht nach die Auslastung der Intensivkapazitäten in Krankenhäusern sei. Insgesamt sei man jetzt nicht wirklich schlauer als zu Beginn der Pandemie, kritisierte er im Deutschlandfunk.

In Deutschland liegt die Sieben-Tages-Inzidenz derzeit bei 139,4. 67 Landkreise weisen einen Wert von mehr als 200 auf. Die interaktive Karte des Robert Koch-Instituts, auf dem der Inzidenzwert nach Landkreisen aufgeschlüsselt dargestellt wird, zeigt sich fast flächendeckend im dunkelroten Bereich. (Stand 5.1.21)

Fixwert aus dem Frühjahr 2020

Die Bundesregierung peilt weiterhin eine Inzidenz von 50 an. Die Zahl stammt aus dem Frühjahr 2020, als die sogenannte erste Infektionswelle Deutschland erfasste. Bundeskanzlerin Merkel begründete damals die Festlegung auf den Inzidenzwert 50 mit der personellen Ausrüstung in den Gesundheitsämtern. Bei den Behörden sei ein Team von fünf Leuten pro 20.000 Einwohner eingeteilt, das die Infektionsketten zurückverfolgen und Kontaktpersonen informieren müsse. Das sei bei einem Inzidenzwert von 50 noch zu leisten. Dieser Wert wird von Landkreis zu Landkreis betrachtet; und sobald er über 50 steigt, werden die Coronaschutzmaßnahmen seitdem verschärft. Unter anderem wird die sogenannte Infektionsbremse aktiviert.

Mit Blick auf die in Großbritannien aufgetretene Virus-Mutation sagte Bundeskanzlerin Merkel, dass die Zahl 50 nochmals an Bedeutung gewonnen habe. Hier müsse man besonders vorsichtig sein. Es gebe eine "neue und besondere Lage".

Trotzdem stellt sich die Situation nach Einschätzung vieler Experten anders dar. Der leitende Epidemiologe am Helmholtz-Zentrum für Intektionsforschung, Gérard Krause, etwa betonte im "Spiegel": "Die Belastungsgrenze der Gesundheitsämter ist ja nicht in Stein gemeißelt. Gerade in Bezug auf das Kontaktpersonenmanagement gibt es mehrere Möglichkeiten, diese Belastungsgrenze positiv zu beeinflussen: mehr geschultes Personal und Einsatz digitaler Systeme sind nur zwei davon."

(Stand: 5.1.)

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