Montag, 26. September 2022

Kommentar zu Fed-Zinserhöhung
Schmerzhafte, aber alternativlose Geldpolitik

Die US-Notenbank sei zur Taktgeberin im Kampf gegen die Inflation geworden, kommentiert Eva Bahner. In Europa sei die EZB nun unter Zugzwang und habe keine andere Wahl, als den brachialen Schritten der Fed zu folgen – auch um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.

Ein Kommentar von Eva Bahner | 22.09.2022

Der Chef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), Jerome Powell, auf einer Pressekonferenz in Washington
Der Chef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), Jerome Powell (IMAGO / Xinhua / Alexander Norton)
Die Fed ist die mächtigste Notenbank der Welt, nun nimmt sie die Rolle ein als Taktgeberin im Kampf gegen die Inflation. In einem Affenzahn haben die amerikanischen Währungshüter den Leitzins, der vor einem halben Jahr noch bei nahe Null lag, auf über 3 Prozent gehievt, auf den höchsten Stand seit 14 Jahren – und damit nicht genug, weitere deutliche Zinssprünge dürften bis 2024 folgen.
Nicht nur die Fed, auch die europäischen Notenbanken, seit Juli auch die EZB sind im Kampfmodus. In Großbritannien, in Norwegen und sogar in der Schweiz wurden nun die Zinsschrauben angezogen - in der Hoffnung, die stark steigenden Preise in den Griff zu bekommen und im vollen Risiko, die in der Energiekrise geschwächte Konjunktur zusätzlich auszubremsen.
Ein zweischneidiges Schwert, mit dem die Notenbanken derzeit hantieren, und dennoch bleibt ihnen keine andere Wahl. Denn ein Ende der Inflation ist nicht in Sicht. Energie wird ohne Russland absehbar teuer bleiben, und die Lieferketten, die Material- und Produktionskosten in die Höhe treiben, sind noch immer gestört. Das gilt besonders für den Euroraum, und für Deutschland, wo Unternehmen und Haushalte die Folgen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine durch höhere Gas, Öl- und Strompreise direkt zu spüren bekommen, die Erzeugerpreise derzeit durch die Decke schießen und die Kaufkraft schon jetzt spürbar nachlässt. Auch weil Entlastungspakete der Politik auf sich warten lassen.
Im vollen Vertrauen in ihre eigenen Prognosen hat die EZB zu lange tatenlos zugesehen, wie die Preise steigen. Nun ist sie unter Zugzwang und hat keine andere Wahl, als dem brachialen Zinserhöhungszyklus der Fed zu folgen. Nicht nur weil der immer stärker werdende Dollar Rohstoffe zusätzlich im Euroraum verteuert, sondern auch um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen als Hüterin der Preisstabilität.
Ein dauerhaftes Inflationsproblem werde sie nicht zulassen, versprach die EZB-Präsidentin in dieser Woche, in vollem Bewusstsein, dass ihr radikales Zinsmanöver in Gefolgschaft der Fed Wachstum kosten kann. Und auch wenn es keine rasche Erfolgsgarantie gibt, weil Geldpolitik ja mit erheblichem Zeitverzug wirkt und auch die EZB das eigentliche Problem, den Energie- und Materialmangel, nicht beseitigen kann, ist diese Entschlossenheit überfällig.
Schon allein um die Hoheit über die Inflationserwartungen der Bürger und Bürgerinnen in Europa zurückzugewinnen. Nur so lässt sich verhindern, dass Inflationsängste eine Eigendynamik entwickeln, die am Ende der Wirtschaft dauerhaft schadet.
Eva Bahner, Wirtschaftsredaktion, Funkhaus Köln, 27.06.2019
Eva Bahner wurde 1973 in Baden-Württemberg geboren. Sie studierte Volkswirtschaft in Tübingen und Boston, danach Volontariat in der n-tv-Wirtschaftsredaktion und an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Heute arbeitet sie in der Deutschlandfunk-Wirtschaftsredaktion.