Mittwoch, 16.10.2019
 
Seit 09:35 Uhr Tag für Tag
StartseiteForschung aktuellWeiterhin rätselhaft26.02.2009

Weiterhin rätselhaft

Gehäufte Fälle von Leukämie bei Kindern nahe deutschen Kernkraftwerken

Epidemiologie. - Rings um deutsche Kernkraftwerke werden auffällig viele Leukämieerkrankungen bei Kindern gezählt. Eine epidemiologische Studie hatte dies im vergangenen Jahr gründlich aufgearbeitet. Heute wurde sie in Bonn auf Einladung der Strahlenschutzkommission einer eingehenden Fachdiskussion unterzogen. Die Wissenschaftsjournalistin Dagmar Röhrlich berichtet im Gespräch mit Gerd Pasch.

Rings um das Kernkraftwerk Krümmel wurden rätselhafte Kinderleukämiefälle registriert. (AP Archiv)
Rings um das Kernkraftwerk Krümmel wurden rätselhafte Kinderleukämiefälle registriert. (AP Archiv)

Pasch: Dagmar Röhrlich saß heute im wissenschaftlichen Forum. Jetzt begrüße ich sie im Studio in Bonn. Was steht denn in der debattierten Studie genau drin?

Röhrlich: Ja, zusammenfassen lässt sich diese Studie, dass in einem Radius von fünf Kilometern um ein Kernkraftwerk herum, und zwar um alle deutschen Kernkraftwerke gemittelt, das ist nur etwas statistisch zu sehendes, dass dort die Kinder verstärkt an Leukämie erkrankten, und zwar Kinder unterhalb von fünf Jahren. Die Frage war, warum? Denn nur bei einem einzigen Kernkraftwerk ist wirklich etwas auch beim näheren Hinsehen sofort auffällig, nämlich bei Krümmel. Aber bei allen anderen ist das nur eine statistische Größe. Und man konnte sich auch nicht vorstellen, dass bei den Strahlenbelastungen, von denen man weiß, dass sie aus Kernkraftwerken herauskommen, so etwas passieren kann, wie halt, dass das Leukämie Risiko von Kindern erhöht wird. Und es wurde nur in Deutschland gefunden. Also, weder in Amerika, noch in Großbritannien, noch in Frankreich ist Ähnliches beobachtet worden bisher. Also hat dann das Ministerium beschlossen, dass man doch einmal nachschauen sollte, vielleicht gibt es irgendwelche systematischen Fehler. Und heute wurde halt erklärt: Nein, es war alles richtig, es gibt zwar Schwächen im Ansatz, aber es wurde richtig gerechnet. Und dieser Effekt ist wirklich da und nicht wegzudiskutieren.

Pasch: Formal korrekt. Wie ist denn die Studie zu bewerten und einzuordnen?

Röhrlich: Ja, heute war sozusagen zwei Parteien da. Wir haben zum einen die Leute, die Strahlenschutzkommission, die die Studie erarbeitet haben, die haben ihre Meinung vorgestellt. Und dazwischen bekamen dann auch Gegner die Gelegenheit sich zu äußern. Es ist so, dass man sich weitgehend einig war in dem ganzen Diskussionsforum, dass kindliche Leukämie nicht nur durch einen einzigen Faktor normalerweise verursacht wird, sondern dass viele Faktoren zusammenwirken. Und es können genetische Faktoren sein, es kann während der Schwangerschaft schon passieren, das ist ein ganz wichtiger Bereich, dass beispielsweise Vergiftungen von der Mutter, oder wenn sie Kontakt mit Insektiziden hat oder mit Chemikalien, oder erkrankt, oder auch geröntgt wird während der Schwangerschaft, dass das das Risiko, dass das Kind an Leukämie erkrankt, stark in die Höhe treibt. Es heißt aber nicht, selbst wenn die Kinder genetische Prädispositionen zeigen für eine Leukämieerkrankung zum Zeitpunkt der Geburt, dann heißt das noch lange nicht, dass sie auch wirklich erkranken. Es ist da der Faktor nur 1:100, so dass ganz klar ist, es muss noch mehr zusammenkommen. Aber während die eine Partei sagt, das hat keinen Zusammenhang mit der Strahlung, erklärt, was bei einem Kernkraftwerk herauskommt ist zu niedrig, um es hervorzurufen, sagt die andere Partei, wenn wir jetzt multifakturiell haben, dann kann es ja sein, dass das Kind schon die Disposition hat, und dass dann ein bisschen mehr Strahlung dazu kommen muss, so dass dann der Ausbruch kommen. Und das ist halt wahrscheinlich die Richtung, die künftig debattiert wird.

Pasch: Was passiert denn nun mit den Erkenntnissen?

Röhrlich: Ja eigentlich sollte heute der Abschluss sein, und die Strahlenschutzkommission hofft das ja auch sehr. Aber die Gegner, die dagegen sind, dass man das jetzt einfach hinnimmt und sagt, wir wissen es nicht, wir müssen Grundlagenforschung machen zur Entstehung von kindlicher Leukämie, weil wir den Zusammenhang mit der Strahlung nicht direkt nachweisen können, müssen wir breiter schauen - das ist der Standpunkt der Strahlenschutzkommission - sagen die anderen, es liegt an den Kernkraftwerken, wir müssen einfach noch mehr hinschauen. Und trotz allem wird es wahrscheinlich wieder eine neue Studie geben, und es ist die Frage, inwieweit man da jetzt im Moment weiterkommt. Das ist wirklich eine offene Frage, aber die Fälle sind ja da, es ist ja nicht so, dass man da diskutieren kann und sagen kann, das ist ja alles nichts, man muss einfach nachschauen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk