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StartseiteForschung aktuellWie die Coronakrise den Kampf gegen das HI-Virus beeinflusst06.07.2020

Welt-Aids-KonferenzWie die Coronakrise den Kampf gegen das HI-Virus beeinflusst

Weltweit sind 38 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Ein Ende der Aids-Epidemie ist weit entfernt. Der Unterschied zur Corona-Pandemie: HIV ist behandelbar. Dennoch gibt es Folgen, die die aktuelle Krise für die HIV-Problematik hat. Daneben stehen Fortschritte bei den Medikamenten.

Von Martin Winkelheide

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ILLUSTRATION - Rote Aids Schleifen liegen am 18.07.2013 in Berlin auf einem Tisch. Foto: Jens Kalaene/dpa (dpa-Zentralbild)
Wegen der Coronapandemie kann der Welt-Aids-Kongress 2020 nur virtuell stattfinden (dpa-Zentralbild)
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Ursprünglich hatte die Weltgesundheitsbehörde (WHO) 2030 als Leitlinie ausgegeben, um die Krankheit zu besiegen. Wie sehen die Zahlen aus heute, zum Auftakt des virtuellen Welt-Aids-Kongresses? Wie erfolgreich ist der Kampf gegen Aids? In einigen Ländern – vor allem auf dem afrikanischen Kontinent – ist er sehr erfolgreich. Andere Länder – etwa in Osteuropa - machen immer noch nicht genug gegen HIV. Das Problem hat keine politische Priorität, dort breitet sich das Virus sehr schnell und sehr stark aus. Kurzum: Die selbst gesteckte Zielmarke der WHO, 2030, ist nicht mehr zu erreichen. Es haben sich im letzten Jahr zwei Millionen Menschen mit HIV angesteckt. Man ist weit von einem Ende der Aids-Epidemie entfernt.

Wie sehr beeinträchtigt die Coronakrise den Versuch, die Aids-Epidemie in den Griff zu bekommen?

Es gibt kurzfristige Folgen. Überall auf der Welt haben Menschen Besuche beim Arzt oder in der Klinik gemieden, aus Angst, sich mit Corona anzustecken. Es gibt Befürchtungen, dass auch die Betreuung von Menschen mit HIV gelitten haben könnte. Das sind im Moment aber vereinzelte Berichte. Wie groß die Folgeprobleme sein werden, das lässt sich jetzt noch nicht genau abschätzen. 

Sehr viel mehr Sorgen machen sich HIV-Experten über die langfristigen Folgen der Coronakrise: Die Behandlung von Corona-Patienten ist eine zusätzliche Belastung für viele ohnehin schwache Gesundheitssysteme im Süden des Globus. Hinzu kommen die wirtschaftlichen Folgen: Absatzeinbrüche, Arbeitslosigkeit. Diese Folgen abzumildern, bindet viel Geld – und die Frage ist: Bleibt genug, um die Behandlungs-Programme für Menschen mit HIV weiter wie geplant auszubauen und bestehende Programme weiter zu führen.

Und es gibt noch ein ganz praktisches Problem: Die Medikamentenproduktion in China, Thailand und Indien ist durch Corona zeitweise gestoppt worden, noch nicht in vollem Umfang wieder angelaufen. Lieferketten sind unterbrochen worden. Hilfsorganisationen berichten, dass ihre Lager mit HIV-Mitteln bald leer sind. Die Coronakrise wirkt dabei wie eine gewaltige Bremse – das ist ein Problem, da längst nicht jeder Mensch mit HIV, der Medikamente bräuchte, sie tatsächlich auch bekommt.

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Welche Fortschritte gibt es im Bereich der Medikamentenversorgung?

Schätzungen sagen, dass zurzeit an die 38 Millionen Menschen mit HIV leben, über acht Millionen, ohne es zu wissen. Etwa zwei von drei Infizierten haben Zugang zu Medikamenten, also knapp 25 Millionen. Das ist ein großer Fortschritt. Zum einen, weil Menschen mit HIV dank der Medikamente lange Zeit gut leben können, ohne krank zu werden. Mit Hilfe der Medikamente lässt sich das Virus in der Vermehrung gut unterdrücken. Auf der anderen Seite ist die Medikamentenbehandlung die wichtigste Methode geworden, um neue Ansteckungen zu verhindern. Wer Medikamente nimmt, die gut wirken, ist nicht mehr ansteckend.

Lange Jahre hat man ja vor allem die Kondombenutzung beworben. Kondome sind nach wie vor wichtig und richtig, weil sie vor einer Ansteckung schützen. Aber inzwischen hat man gelernt: Den größten Effekt haben die großen Medikamentenprogramme gehabt, wenn es darum geht, Neuansteckungen zu verhindern. So ist es gelungen, die Zahl der Neuansteckungen auf unter zwei Millionen im Jahr zu senken – also die Aids-Epidemie zu bremsen. Theoretisch könnte es gelingen, sie sogar zu stoppen.

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Wie weit ist man bei der Entwicklung eines Impfstoffes? 

An einer Impfung forscht man schon über 35 Jahre – bislang mit wenig Erfolg. Es hat wenige kleine Erfolge und viele Rückschläge gegeben. Anfang des Jahres ist noch ein Feldversuch im Südafrika abgebrochen worden, von dem man sich viel versprochen hatte. Der Impfstoff-Kandidat hatte keinerlei Schutzwirkung. Die Impfstoffforschung geht weiter. Aber man wäre schon froh etwas zu finden, das mit 50 oder 60-prozentiger Sicherheit vor einer Ansteckung mit HIV schützt. Das zeigt: Die Erwartungen sind nicht sehr hoch.  

Wie gelingt es, eine so große Konferenz ins Netz zu verlegen? Es geht dabei ja nicht nur um Fachvorträge.

Es gibt ein großes virtuelles Kongresszentrum, dort kann jeder Teilnehmer durchschlendern, Vorträge besuchen, es gibt – wie gewohnt - auch ein "Global Village", einen Ort, an dem gute Ideen und Projekte vorgestellt werden. Und es soll auch die Möglichkeit geben, andere Teilnehmer zu treffen und sich auszutauschen.

Nicht jeder kann die Welt-Aids-Konferenz besuchen, man muss sich anmelden. Das ist einerseits schade. Auf der anderen Seite ist die Konferenz immer auch ein geschützter Ort gewesen, wo Menschen frei über Ihr Leben mit dem Virus reden konnten, ohne befürchten zu müssen, angefeindet oder stigmatisiert zu werden. Genau das haben die Organisatoren versucht, in die virtuelle Welt herüber zu retten in Zeiten von Corona.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

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