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Welt ohne globale Führung

Ian Bremmer: "Macht-Vakuum: Gewinner und Verlierer in einer Welt ohne Führung", 224 Seiten, Carl Hanser Verlag

Die Ära, als eine kleine exklusive Gruppe demokratischer Staaten mit freier Marktwirtschaft die Weltwirtschaft am Laufen hielt und verwaltete, ist laut dem amerikanischen Politologen Ian Bremmer vorbei. Er warnt in seinem Buch "Macht-Vakuum" vor einer Weltordnung, in der keine Nation mehr Verantwortung tragen möchte.

Von Gregor Peter Schmitz

Neue wirtschaftspolitische Global Player sind zum Beispiel China und Indien. (dpa / picture alliance / He Dongping)
Neue wirtschaftspolitische Global Player sind zum Beispiel China und Indien. (dpa / picture alliance / He Dongping)
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Politiker und Politologen lieben knappe Abkürzungen, um eine komplizierte Welt zu erklären. Als Vertreter der sechs führenden Industriestaaten in den 1970er-Jahren über die Ölkrise und ihre Folgen berieten, nannten sie ihre Zusammenkunft G6-Treffen. Daraus wurden bald die G7-Gipfel, gefolgt von den G8-Versammlungen - bis die Weltfinanzkrise 2008 schon nur noch vom Treffen der G20 zu bewältigen schien. Man könnte also meinen, dass die globale Kooperation und Abstimmung immer besser wird. Diese Illusion zerstört Ian Bremmer, amerikanischer Politologe und Gründer der einflussreichen Beratungsfirma Eurasia Group, in seinem aktuellen Buch "Machtvakuum" gründlich. Er schreibt:

"Zum ersten Mal seit sieben Jahrzehnten leben wir in einer Welt ohne globale Führung. In den Vereinigten Staaten hat der endlose Parteienstreit in Kombination mit der großen Staatsverschuldung die Furcht geweckt, dass Amerikas beste Tage vorbei sein könnten. Jenseits des Atlantiks beeinträchtigt eine Schuldenkrise das Vertrauen in Europa, in seine Institutionen und in seine Zukunft. Japan fällt es offenbar leichter, sich von einem Erdbeben, einem Tsunami und einer atomaren Kernschmelze zu erholen, als seine 20-jährige politische und wirtschaftliche Malaise zu bewältigen. Noch vor einer Generation waren die genannten Regionen die Machtzentren der Welt."

Die Ära, als eine kleine exklusive Gruppe demokratischer Staaten mit freier Marktwirtschaft die Weltwirtschaft am Laufen hielt und verwaltete, ist laut Bremmer also endgültig vorbei. Demokratietheoretiker mögen diese Entwicklung loben - doch der erfahrene Analytiker Bremmer beobachtet sie im Gespräch mit "Foreign Affairs" mit Sorge:

"Wir haben sehr lange in einer G7-Welt gelebt, in der die Industriestaaten die internationale Weltordnung gestützt haben. Als im Jahr 2008 die globale Finanzkrise begann, brach diese Ordnung zusammen. Die Idee, stattdessen eine G20 zu gründen, war sehr ambitioniert - man hoffte, dass die 20 größten Nationen der Welt zusammenkommen würden, um gemeinsam das öffentliche Wohl zu verfolgen. Aber in der Realität haben wir diese Art von Führung nicht erlebt, also bleiben wir in der G-Null-Welt stecken."

Bremmer listet zahlreiche Beispiele auf, an denen sich der Stillstand einer solchen ungeordneten Welt ablesen lässt - ob es um den stockenden Kampf gegen den Klimawandel geht, die unzureichende Sicherung von Massenvernichtungswaffen, die mangelhafte Förderung des Welthandels oder den unkoordinierten Kampf gegen globale Krankheiten und Seuchen:

"Dies ist die Herausforderung der G-Null-Ära. Um Konflikte zu verhindern, das Wachstum der Weltwirtschaft zu gewährleisten, für die Deckung unseres Energiebedarfs zu sorgen, eine weitsichtige Handels- und Investitionspolitik durchzusetzen, transnationalen Gesundheitsgefahren zu begegnen und viele andere Herausforderungen zu bewältigen, braucht die Welt Führungsmächte, die willens und bereit sind, Lasten auf sich zu nehmen und Kompromisse durchzusetzen. Heute jedoch sind viele Staaten fraglos stark genug, um die internationale Gemeinschaft am Handeln zu hindern, aber keiner besitzt die politische und wirtschaftliche Stärke, um den Status quo neu zu gestalten."

Diese Erkenntnis ist die vielleicht wichtigste dieses Buches, das in anglo-amerikanischen Fachkreisen den Begriff der "G-Zero-World" zu einem geflügelten Begriff gemacht hat: Die Euphorie über den Aufstieg neuer Mächte in einer multipolaren Welt ist der Ernüchterung über die Grenzen dieser Weltordnung gewichen. Denn die "Aufsteiger" sind vor allem mit ihrem Aufstieg beschäftigt, um das Wohl und Wehe der Welt kümmern sie sich weit seltener:

"Kurz gesagt sind durch die Globalisierung ... zahlreiche im Aufstieg begriffene Alternativen zur amerikanischen Macht entstanden ... sie wollen einen besseren Status und haben das Gefühl, dass sie wegen ihrer wachsenden Volkswirtschaften mehr Respekt auf der internationalen Bühne genießen müssten. Doch die neuen Akteure scheuen davor zurück, die Risiken und Lasten auf sich zu nehmen, die mit einer Beteiligung an der globalen Führung verbunden sind, und konzentrieren sich stattdessen darauf, die schwierigen Stadien in der Wirtschaftsentwicklung ihrer Länder zu managen. Diese Verantwortungsscheu ist der Kern der G-Null."

Könnten internationale Institutionen wie die Vereinten Nationen, die EU oder die NATO dieses Machtvakuum füllen? Bremmer glaubt daran nicht, denn er sieht genau diese aus seiner Sicht überholten Institutionen im Niedergang begriffen:

"Die internationale Ordnung, die von den USA aufgebaut und gestützt wurde, hat sich aber nicht verändert, um diesen Wandel zu reflektieren. Und es war klar, dass diese Ungleichheit diese Ordnung zum Einsturz bringen würde, sobald es einen ausreichend großen Schock geben würde. Wir haben schon früher Schocks erlebt, etwa das Ende der Sowjetunion, die Anschläge vom 11. September 2001. Aber diese Schocks waren nicht stark genug - erst die Weltfinanzkrise 2008 war so stark, dass wir in der führungslosen Welt angekommen sind, in der wir uns nun befinden."

Bisweilen liest sich Bremmers Ritt durch die gefährliche neue Welt wie ein "Horrorfilm über einen Virusausbruch", wie das Magazin "The New Yorker" in einer Rezension mäkelte. Der Autor unterschätzt auch in einigen Kapiteln, wie stark die Vereinigten Staaten von Amerika noch über Jahrzehnte bleiben werden, dass Europa sich von seiner aktuellen Krise erholen könnte - und die Chinesen bald einsehen dürften, dass zu einer echten Weltmachtrolle mehr gehört als bloß Wirtschaftswachstum. Doch Bremmer, der als umtriebiger Autor und Berater Bücher beinahe im Jahrestakt veröffentlicht, beschränkt sich nicht auf pessimistische Szenarien. Am Ende seiner Analyse hebt er hervor, dass durchaus Wege aus dem globalen Dilemma existieren - wie gerade zu erleben, da Europa und Amerika sowie Teile der pazifischen Welt ihre Kooperation durch neue Freihandelsabkommen zu vertiefen suchen. Bremmer schreibt:

"Wenn die G-Null eine Ära der neuen Mauern und neuen Beschränkungen wird, sind die Amerikaner gezwungen, in einem Spiel anzutreten, das nicht das ihre ist. Aber wenn die Zukunft durch die Fähigkeit, Erfindungen zu machen und Innovationen durchzuführen, zu rationalisieren, Marken zu entwickeln und zu verkaufen, bestimmt wird, wird Amerika schwer zu schlagen sein."

Gilt dies nur für die USA? Nein, Bremmer liefert in seinem lesenswerten Buch Denkanstöße und Lösungsansätze für alle Nationen, die globalen Stillstand nicht akzeptieren wollen. Insofern passt der deutsche Titel "Machtvakuum" gut. Denn er beschreibt klarer als der englische Untertitel "G-Zero-World", dass unsere Welt sich in einer Übergangsphase befindet - mit noch ungewissem, aber nicht unbedingt verheerendem Ausgang.

Ian Bremmer: "Macht-Vakuum: Gewinner und Verlierer in einer Welt ohne Führung", 224 Seiten, Carl Hanser Verlag, 19,90 Euro

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