Donnerstag, 24.10.2019
 
Seit 06:30 Uhr Nachrichten
StartseiteKultur heute"Wir werden da sicher kein Heimatmuseum reinmachen"23.08.2015

"Welt.Stadt.Berlin" im Humboldt-Forum"Wir werden da sicher kein Heimatmuseum reinmachen"

Ein wichtiges Thema, das von Berlin ausgehe, sei "der Wahn, Ideen zu entwickeln, die Welt besser zu machen, aber auch zur Hölle zu machen", sagte der Kulturstaatssekretär der Hauptstadt, Timm Renner, im DLF. Diesem Thema wolle man mit der Ausstellung unter dem Arbeitstitel "Welt.Stadt.Berlin" unter anderem auf den Grund gehen.

Tim Renner im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske

Porträtfoto von Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner. Er verfolgt am 18.02.2015 in Berlin die Veranstaltung "Wie kann Olympia zu einer positiven Stadtentwicklung beitragen". (dpa / picture alliance / Paul Zinken)
Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner (dpa / picture alliance / Paul Zinken)
Mehr zum Thema

Humboldt-Forum Attraktivität anderer Museen im Umfeld wird steigen

Zeitgenössische Kunst "Wir müssen die Welt als Ganzes im Auge haben"

Kinder im Humboldt-Forum "Dinge zum Anfassen und Ausprobieren"

Humboldt-Forum "Die Geschichte der Objekte ist absolut wichtig"

Doris Schäfer-Noske: In unserer Reihe zum Humboldt-Forum geht es heute um die Ausstellung "Welt.Stadt.Berlin", die in den ersten Stock des nachgebauten Schlosses kommen soll. Eigentlich war geplant, dass die Berliner Zentral- und Landesbibliothek diese Fläche bespielt mit einer Ausstellung namens "Welt der Sprachen". Im März hat Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller dann aber überraschend anders entschieden, und zwar, dass es dort um Berlin gehen soll und die globalen Einflüsse der Stadt. Im Berliner Abgeordnetenhaus gab es für diese Pläne viel Zustimmung, sogar aus den Reihen der Opposition. In der öffentlichen Debatte kam dann aber auch viel Kritik. Dass Müller Berlin als "Rom der Zeitgeschichte" bezeichnet hat, wurde als großspurig kritisiert. Außerdem führten manche an, dass es echte Weltstädte wie London oder New York gar nicht nötig hätten, sich selbst zu feiern. - Frage an Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner: Herr Renner, was entgegnen Sie denn denen, die sagen, Berlin ist gar keine Weltstadt?

Tim Renner: Denen würde ich entgegnen, dass wir gar nicht behauptet haben, dass Berlin eine Weltstadt ist. Sie haben es ja richtig betont. Sie haben ja gesagt, "Welt.Stadt.Berlin". Das heißt, wir haben die entscheidenden Pausen gelassen respektive die Punkte und Striche, die ja dazwischengesetzt sind bei diesem, ich betone, Arbeitstitel. Das sagt nicht aus, dass Berlin eine Weltstadt ist, sondern es sagt aus, dass wir an einem Konzept arbeiten, was zeigen soll, wie die Welt Berlin verändert hat, aber Berlin auch zeitgeschichtlich die Welt, was Gutes und Schlechtes von dieser Stadt ausgegangen ist, was in diese Stadt reingekommen ist, wie sie geprägt wurde maßgeblich ja von draußen, gerade Berlin eine Stadt der Zuwanderung.

Eine Sache, die würde ich ganz gerne korrigieren. Die "Welt.Stadt.Berlin" hat nicht die "Welt der Sprachen" verdrängt. Sie hat eine Bibliothek verdrängt, die dort geplant war, denn die "Welt der Sprachen" war eine Ausarbeitung der ZRB, aber die war noch nicht mal in der Bauumsatzplanung drin. Das heißt, die hätte gar nicht realisiert werden können. Die Alternative war: Zeigen wir, was Berlin mit der Welt gemacht hat und die Welt mit Berlin, oder haben wir eine Bibliothek. Und da finde ich das einen sehr guten spannenden Weg, den wir eingeschlagen haben.

Schäfer-Noske: Inwieweit gibt es denn Vorbilder für eine solche Ausstellung, in anderen Metropolen zum Beispiel?

Renner: Es gibt Erzählweisen, die vielleicht einen Hinweis geben. Es gibt eine sehr schöne Erzählung auch unter dem, was Amsterdam gemacht hat. Das nennt sich dort "DNA der Stadt", was ich sehr inspirierend fand. Es gibt eine Geschichte aber auch, die Neil MacGregor erzählt hat mit der Geschichte der Deutschen, die ja auch immer sich sehr querverschränkt hat mit dem, was parallel in der Welt passiert ist. Und um auf das Rom der Zeitgeschichte, was übrigens nicht der Herr Müller erfunden hat, zurückzukommen: Das hatte ja da der Neil MacGregor unter anderem auch mit benutzt, denn Neil MacGregor ist derjenige, der gesagt hat, es gibt fünf Städte in der Welt, anhand derer man die Welt erzählen kann. Berlin ist eine davon.

"Ich glaube mit der Aussage der Humboldts ist ein gewisser Startpunkt gesetzt"

Schäfer-Noske: Wie kann es denn dann gelingen, dass eine solche Ausstellung nicht irgendwie doch großspurig herüberkommt und andererseits aber auch nicht klischeeartig und an der Oberfläche bleibt?

Renner: Ich glaube, das wird nur gelingen, das zu vermeiden, indem man ein sehr, sehr gutes Team hat. Ich glaube, das wird wichtig, dass wir als Chefkurator jemanden gewinnen können, der gerade nicht aus Berlin kommt. Meiner Meinung nach wäre es sogar wichtig, dass er nicht aus Deutschland kommt, dass er wirklich mit einem gewissen Abstand, dass diese Person mit einem gewissen Abstand draufgucken kann auf diese Stadt. Wir können die Chefkuratorin oder den Chefkurator nicht alleine da lassen. Der wird, die wird mindestens zwei Sidekicks brauchen, zwei Leute, die noch unterstützen, und da wäre dann wiederum wichtig, dann doch einen echten Berliner noch mit drin zu haben. Das ist sicher der eine Punkt.

Der andere Punkt ist: Entscheidend wird, dass wir sehr, sehr gut zusammenarbeiten mit der Gründungsintendanz, dass wir es dort auch mit runterhängen, und ich glaube, da haben wir auch mit Hermann Parzinger, mit Bredekamp, mit dem schon erwähnten MacGregor Leute, die über jeden Zweifel erhaben sind, dass sie auch den nötigen Abstand haben, damit das gerade nicht großspurig oder peinlich Berlinerisch wird.

Schäfer-Noske: Was könnte denn da rein in eine solche Ausstellung? Soll es da auch um Wissenschaftsgeschichte gehen?

Renner: Wissenschaft spielt natürlich eine Rolle. Ich zitiere da gerne unseren Regierenden Bürgermeister Michael Müller, der ja immer wieder betont, dass diese Stadt auf zwei Säulen ruht. Das eine ist die Wissenschaft, das andere ist die Kultur.

Schäfer-Noske: Wie weit soll man denn da zurückgehen in der Geschichte eigentlich?

Renner: Ich würde nicht zu weit zurückgehen in der Geschichte. Ich glaube, mit dem Humboldt-Forum, mit der Aussage der Humboldts ist da ein gewisser Startpunkt gesetzt, den wir uns angucken können, von dem man sich wirklich angucken kann, was ist da losgetreten worden, welche Ideen sind da marschiert. Denn ich glaube, das ist auch ein richtiger Punkt, dort erst mal anzusetzen. Wir müssen ja irgendwo im Haus auch erklären, wieso heißt das Humboldt-Forum Humboldt-Forum, wer waren diese beiden Menschen und wie weit haben die auch was verändert, was uns heute noch tangiert.

Schäfer-Noske: Können Sie da mal ein Beispiel nennen, was da in eine solche Ausstellung reinkommen könnte?

Renner: Lustigerweise, zum Beispiel wenn wir Wilhelm nehmen und auch Alexander - die treffen sich ja, die beiden -, ist dabei dann wieder: Dann werden wir garantiert Momente dessen nehmen, was Sie am Anfang als abgewählt bezeichnet haben, nämlich die Welt der Sprachen. Wir werden natürlich das Thema den Umgang mit Sprachen im wissenschaftlichen Rahmen in der Verschränkung dort präsentieren. Das ist ein Aufschlag, der sicher wichtig ist. Auch, wie gehen wir um mit anderen Nationen, anderen Kulturen, wie bilden wir sie ab in der Stadt, eine Sache, die dann sicher eher Alexander ist, die man da aufgreifen und auch mit erzählen muss.

Schäfer-Noske: Soll das Ganze denn eine Dauerausstellung werden, oder soll das eine Ausstellung werden, die sich immer wieder verändert?

Renner: Das soll eine sich verändernde Ausstellung werden. Wir haben auch ganz bewusst gesagt, wir wollen gar nicht am Anfang ein festes Statement machen, sondern eigentlich mit einer Sonderausstellung starten. Wenn sich Bestandteile dieser Sonderausstellung als so gut, so treffend herausstellen, dass wir sie auf Dauer behalten, schön. Dann werden sie rüberwachsen in eine Dauerausstellung. Aber ich glaube, so etwas wie die Welt, so etwas wie Berlin, so etwas wie Wissenschaft, so etwas wie Kultur, das sind sich bewegende Objekte und dementsprechend kann so eine Ausstellung nicht statisch sein.

"Wir werden sicher modernste Medien- und Erzähltechnik nutzen"

Schäfer-Noske: Wie kann man sich denn vom Berliner Stadtmuseum abgrenzen, oder ist da vielleicht auch eine Zusammenarbeit geplant?

Renner: Das Berliner Stadtmuseum hat mit dem Märkischen Museum ja auch einen ganz klaren Schwerpunkt da, wo ganz ursprünglich Berlin herkommt, setzt wirklich tief im märkischen Sand an, und ich glaube, da ist die thematische Abgrenzung insofern schon mal ganz einfach. Aber ich glaube, es wäre klug, natürlich hier auch eine enge Zusammenarbeit zu suchen. Wir müssen vermeiden, dass Doppelungen entstehen, wir müssen zusehen, dass sich Geschichtserzählungen positiv ergänzen. Aber eins ist schon mal ganz klar, eine Sache wird nicht passieren: Wir werden da sicher kein Heimatmuseum reinmachen in das Humboldt-Forum. Da geht es um was anderes. Insofern haben wir da schon eine automatische Abgrenzung.

Schäfer-Noske: Die Frage ist ja auch, woher die Exponate kommen sollen, weil Sie haben ja selber keine Sammlungen. Das heißt, Sie müssen eigentlich aus verschiedenen Museen etwas ausleihen. Oder soll das eine multimediale Erzählung werden, diese Ausstellung?

Renner: Sicher beides. Wir werden sicher das eine oder andere Exponat drin haben, aber das haben die Kuratoren zu entscheiden. Und wir werden sicher modernste Medien- und Erzähltechnik nutzen, um zu vermitteln. Aber wenn Sie sagen, wir haben keine Sammlung, dann würde ich sagen: Doch! Wir haben jede Menge Sammlungen, denn Berlin ist ja im Endeffekt dann doch der Eigentümer hinter Stiftungen wie der Stiftung Stadtmuseum, wie der Berlinischen Galerie, aber auch wie dem Technikmuseum und und und.

Schäfer-Noske: Das heißt, dort werden dann möglicherweise auch Exponate für diese Ausstellung ausgewählt?

Renner: Ja. Heute sitzen schon die Kulturprojekte, die ja den Prozess steuern für uns, zusammen und sind im Gespräch mit Kuratoren aus den unterschiedlichsten Häusern, einfach um hier erst mal einen Überblick zu bekommen, was ist da, wer ist zuständig und was könnte man gegebenenfalls nutzen.

Schäfer-Noske: Haben Sie da schon vielleicht Vorstellungen? Klar: Sie werden jetzt diese Ausstellung nicht selbst gestalten. Aber es gibt ja bestimmt irgendwie eine Vorstellung, dass man sagt, okay, so ein Exponat, das könnte da zum Beispiel rein.

Renner: Ganz ehrlich: Ich habe keine Vorstellung, welches Exponat da zwingend rein müsste, denn ich denke da gar nicht so sehr an Exponate. Mir ist es eher wichtig, zu sagen, welche Themen müssen da berührt werden, welche Sachen sollten da angesprochen werden. Das finde ich, ehrlich gesagt, spannender und das Exponat ist für mich dann eher dazu da, noch mal das Thema greifbarer zu machen, so man das Exponat dann jeweils brauchen sollte.

"Ein Thema, was von Berlin ausgeht, ist der Wahn, hier Ideen zu entwickeln"

Schäfer-Noske: Okay. Sprechen wir über Themen. Welche Themen sollen rein?

Renner: Ein Thema, was für Berlin maßgeblich ist, ist auch das ganze Thema Zuwanderung, wie ist diese Stadt aus unterschiedlichen Kulturen entstanden, wie entsteht sie heute noch aus unterschiedlichsten Kulturen, wer hat da alles Einfluss gehabt, mit welchen Wellen ist das passiert und hat die Stadt eigentlich immer besser gemacht. Ein Thema, was von Berlin ausgeht, ist aber auch der Wahn, der Wahn, hier Ideen zu entwickeln, die Welt besser zu machen, aber auch zur Hölle zu machen, und da hat Berlin eine lange Tradition drin. Das sind sicher sehr spannende Themen, denen auf den Grund zu gehen, wie kommt das Negative, aber wie kommt auch das Positive, eben diese Fähigkeit der Stadt, immer wieder integrativ zu arbeiten, immer wieder sich als perfekter Melting pot zu verstehen.

Schäfer-Noske: Welche Brücken zu anderen Ausstellungen im Schloss wären denn denkbar?

Renner: Wir haben eine automatische Brücke, die sich ergibt durch die außereuropäischen Kulturen, die ja die meiste Fläche einnehmen werden. Da haben wir schon Berlin, wie Berlin gesammelt hat. Das ist ja streng genommen auch eine sogar schon vor Humboldt einsetzende Geschichte in Berlin, die Kunstkammer, die die ersten Exponate zeigten aus teilweise auch Handelsverbindungen. Es ist ja zum Glück der Ursprung der außereuropäischen Sammlung gar nicht so sehr rein auf Kolonialgeschichte gefußt, sondern eher auf den Austausch mit anderen Völkern. Dieser Austauschmoment, das ist automatisch wieder eine Verschränkung zu dem, was ich vorhin beschrieben habe: Berlin, eine Stadt, die immer wieder gerade das vermeintlich Fremde, das vermeintlich Andere integriert hat und daraus besser geworden ist.

Schäfer-Noske: Das war der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner in unserer Sendereihe zum Humboldt-Forum.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk