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StartseiteInterview"Pflicht für nicht funktionierende Masken ist ein Armutszeugnis"27.04.2020

Weltärztepräsident Montgomery"Pflicht für nicht funktionierende Masken ist ein Armutszeugnis"

Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery hat die Regierung für die geltende Maskenpflicht kritisiert. Die Politik habe es versäumt, ausreichend geeignete Masken für die Bevölkerung zur Verfügung zu stellen, sagte er im Dlf. Die Bürger liefen Gefahr, sich mit unsachgemäßen Masken und falschem Verhalten selbst zu kontaminieren.

Frank Ulrich Montgomery im Gespräch mit Dirk Müller

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Seit dem 20. April 2020 gilt in Sachsen eine Mundschutzpflicht im ÖPNV und in Geschäften. Die Stadt Leipzig und die Leipziger Verkehrsbetriebe luden deshalb zu einem Pressetermin, bei dem Masken an Mitarbeiter verteilt wurden. Die Polizeibehörde kontrolliert die Bahnsteige der Straßenbahn und Menschen gehen mit Mundschutz durch die Straßen. *** Since 20 April 2020, face masks have been compulsory in Saxony on public transport and in shops The city of Leipzig and the Leipzig public transport company therefore invited to a press event at which masks were distributed to employees The police authority inspects tram platforms and people walk through the streets wearing face masks (imago images / Christian Grube)
Ab Montag, dem 27. April 2020 gilt bundesweite eine Mundschutzpflicht im ÖPNV und beim Einkaufen (imago images / Christian Grube)
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Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery hat die Bundesregierung im Zuge der ab dem 27.04.2020 geltenden bundesweiten Maskenpflicht kritisiert. Die Regierung habe es versäumt ausreichend Masken für die Bevölkerung zur Verfügung zu stellen. "Wenn schon Gesetz, dann bitte richtig, aber nicht so, dass Versagen der Regierung kaschieren, dass sie bis heute nicht in der Lage sind, uns mit ausreichend Masken zu versorgen", sagte Montgomery im Dlf. 

Frank Ulrich Montgomery, Ex-Präsident der Bundesärztekammer (BAEK), gestikuliert bei einem Interview in Berlin. (imago / Thomas Trutschel)Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery (imago / Thomas Trutschel)

Die Politik wissen seit drei Monaten, dass der Coronavirus grassiere und habe es nicht geschafft, FFP2-Masken in Deutschland zu produzieren oder zu importieren. "Mir geht es um die gesetzliche Maskenpflicht, für eine nicht funktionierende Maske. Hätten wir alle funktionierenede Masken, dann fände ich es sogar vernünftig uns zu verpflichten, sie immer zu tragen, wenn wir uns draußen bewegen. Aber eine gesetzliche Pflicht für nicht funktionierende Masken, halte ich für ein Armutszeugnis eines Staates." 

0In Jena muss man fortan in Bussen, Bahnen sowie im Supermarkt Mundschutz tragen. (dpa / picture alliance / Bodo Schackow) (dpa / picture alliance / Bodo Schackow)Wer kontrolliert die Mundschutzpflicht?
Ab Montag gilt in deutschlandweit Mundschutzpflicht für bestimmte öffentliche Bereiche. Die Regeln dazu sind jedoch ebenso wie die Sanktionen alles andere als bundesweit einheitlich – und unklar, wer die Einhaltung überhaupt überwachen soll.

Das Problem könne man aber nicht bei der Bevölkerung abladen. Das Anlegen einer Maske sei extrem kompliziert und die Leute liefen Gefahr, sich mit einer unsachgemäßen Maske, wie einem Schal, selbst zu kontaminieren. 

Die wichtigeren Regelen seien zu Hause zu bleiben und den Mindestabstand zu wahren. In diesen Punkten würden einige schon extrem nachlässig, sagte Montgomery. Die Leute würden sich durch eine Maske zu sicher fühlen. 


Das Interview in voller Länge:

Dirk Müller: Gehen Sie jetzt nicht mehr einkaufen?

Frank Ulrich Montgomery: Natürlich gehe ich einkaufen und natürlich trage ich dabei eine Maske, aber eine Maske, die den Namen auch wirklich verdient, eine sogenannte FFP2-Maske, also eine Maske, die mich und andere schützt, und nicht irgendeinen Lappen vorm Gesicht, der mir gesetzlich oktroyiert wird und der sogar gefährlich ist, weil er durch Konzentration von Viren, andere, die sich in dem Stoff ansammeln, und durch unsachgemäßes Ablegen und Aufsetzen dieser Maske sogar eher zu einer Infektion führt.

Wenn schon Gesetz, dann bitte richtig, aber nicht so nur das Versagen der Politik kaschieren, dass sie bis heute nicht in der Lage sind, uns mit ausreichend Masken zu versorgen.

Müller: Jetzt frustrieren Sie nicht nur mich, sondern Millionen, denn wir haben keine medizinischen Masken, sondern nur diesen blöden Lappen vor dem Gesicht. Was mache ich jetzt?

Montgomery: Ja, das ist genauso. Die Politik weiß seit drei Monaten, dass wir das Problem haben, und hat es nicht geschafft, die FFP2-Masken in Deutschland produzieren zu lassen oder zu importieren. Das ist aber kein Problem, was man bei den Menschen abladen kann.

Gucken Sie sich mal beim Robert-Koch-Institut die Hinweise zum Anlegen und Abnehmen einer Maske an. Das ist ein hoch komplexer Vorgang, wenn Sie nicht selber dabei Gefahr laufen wollen, sich ebenfalls zu infizieren. Das ist nicht einfach nur so ein Schamlappen vor dem Gesicht, den man so davor tut, wie manche Politiker das darstellen, und deswegen ärgere ich mich darüber, wenn man uns gesetzlich verpflichten will, etwas zu tun, was wissenschaftlicher Unsinn ist.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte) (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

"Viele Menschen wähnen sich hinter der Maske sicher"

Müller: Es besser sein zu lassen?

Montgomery: Nein! Es ist besser, die Grundregeln zu beachten, nämlich zuhause zu bleiben, Abstand zu halten. Sehen Sie, das Problem der Maske ist doch auch: Viele Menschen wähnen sich hinter der Maske sicher. Ich habe das im Supermarkt neulich erlebt, dass jemand mit der Maske dann über meine Schulter hinweg ins Regal greift, weil er glaubt, mit der Maske brauche er die zwei Meter Mindestabstand nicht.

Müller: Macht er vielleicht aber auch ohne Maske! Das ist ein Übergreifer!

Montgomery: Ja, ein übergriffiger Mensch. Aber das macht er mit oder ohne Maske, aber er fühlt sich einfach zu sicher. Ich glaube, wir müssen den Menschen klarmachen, dass sie für ihr Sicherheitsbedürfnis vor allem Abstand brauchen, zuhause bleiben sollen und nun nicht anfangen sollen, hinter einer Maske ihr schlechtes Gewissen zu verstecken und andere anzustecken.

Müller: Ist für viele dennoch schwierig zu sagen, warum muss das so ein Widerspruch sein, einerseits weiterhin diszipliniert zu agieren, zur gleichen Zeit Nase und Mund zu bedecken.

Montgomery: Weil es schlicht und einfach sogar zum Teil gefährlich sein kann. Sehen Sie mal: Wir wissen heute, dass ein normaler Schal oder ein normales Taschentuch die Viren nicht abhält, sondern sie beim Hustenstoß ungehindert durch den Stoff hindurchgehen.

Zweitens wissen wir, dass die von anderen produzierten Aerosole mit Viren sich in dem Stoff sogar anreichern können, wenn sie den Stoff unsachgemäß abnehmen und sich dabei noch ins Gesicht fassen, was die meisten Menschen leider tun, oder den kleinen Nasenbügel oben noch berühren. Dann können Sie sich selber sogar eher infizieren. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die das belegen. Deswegen rate ich von unsachgemäßen Masken ab. Gute FFP2-Masken und wissen, wie man sie anlegt und abnimmt, das wäre genau die Lösung und die muss die Politik jetzt liefern.

Müller: Die wir definitiv nicht bekommen werden, millionenfach in den kommenden Wochen und Monaten?

Montgomery: Ich glaube, wenn wir in den letzten Wochen ausreichend Druck gemacht hätten auf die Politik, hätten wir sie vielleicht bekommen. Stattdessen beschäftigen wir uns mit völlig unterschiedlichen Fragen, und das übrigens noch bundesweit in einem absoluten Flickenteppich. Es ist geradezu absurd und ein Musterbeispiel für schlecht funktionierenden Föderalismus, wie unterschiedlich die Regeln in den einzelnen Bundesländern sind.

Hier in Berlin darf ich mich frei bewegen und muss nur im Öffentlichen Personennahverkehr irgendetwas vor das Gesicht tun. In anderen Ländern wie in Bayern ist es sogar hochgradig strafbewährt. Einen solch größeren Unsinn habe ich selten gesehen.

Müller: In Berlin darf man ja meistens immer mehr als in München.

Montgomery: Das haben Sie jetzt gesagt.

Müller: Eine These!

Montgomery: Das ist der Reiz einer Hauptstadt!

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"Ein Armutszeugnis eines Staates"

Müller: Okay. Sie sind Vorstandschef des Weltärztebundes, hatte ich zu Beginn gesagt, hatte auch auf Asien verwiesen. Da sehen wir auf Bildern im Fernsehen immer wieder, auch schon bei der Sars-Epidemie vor vielen, vielen Jahren, dass das in den dortigen Gesellschaften eine absolute Selbstverständlichkeit ist, mit der Maske herumzulaufen. Wenn Sie da mit Ihren Kollegen telefonieren, diskutieren, wie auch immer, sagen Sie denen dann ganz klar, sie sind seit Jahrzehnten auf dem Holzweg?

Montgomery: Nein, die sind nicht auf dem Holzweg. Erstens haben sie funktionierende Masken. Zweitens haben sie dort eine gesellschaftlich ganz andere Einstellung. Dort machen sie das ja nicht, um sich selbst zu schützen, sondern um andere zu schützen, übrigens schon bei einer ganz banalen Erkältung.

Mir geht es um die gesetzliche Maskenpflicht für eine nicht funktionierende Maske. Hätten wir alle funktionierende Masken, dann fände ich es sogar vernünftig, uns zu verpflichten, sie immer zu tragen, wenn wir uns draußen bewegen. Aber eine gesetzliche Pflicht für nicht funktionierende Masken halte ich für ein Armutszeugnis eines Staates, der damit auch seine Kompetenz eigentlich konterkariert und in meinen Augen sich lächerlich macht.

Müller: Das Robert-Koch-Institut, Herr Montgomery, hat ja anfangs gezögert, eine ähnliche Position, vielleicht nicht explizit so formuliert wie Sie, aber wollte auch nichts davon wissen. Inzwischen sagt das RKI, na ja, Masken sind ein wichtiger Baustein. Ist das ein politisches Zugeständnis?

"Welcher Politiker glaubt, dass Menschen ihre Schals zweimal am Tag waschen?"

Montgomery: Man muss in diesem Geschäft manchmal, wenn man eine staatliche Behörde ist, auch ein solches Zugeständnis machen. Das müssen Sie aber das RKI fragen, nicht mich, wie diese ihre Meinung ändern. Die WHO hat ja ebenfalls am Anfang vehement gegen Masken plädiert und ist inzwischen dort auch etwas stiller geworden, aber nicht, weil es etwa neue Erkenntnisse gäbe, sondern nur, weil man nicht eingestehen möchte, dass man es nicht geschafft hat, rechtzeitig ausreichend Masken für alle zur Verfügung zu stellen.

Müller: Jetzt wollen wir trotzdem konstruktiv nach vorne blicken. Wenn ich gleich das Studio verlasse, meine Maske dann überziehe, und ich habe keine Pinzette dabei, wie soll ich das denn vernünftig machen?

Montgomery: Mit der Pinzette werden Sie nicht viel weiterkommen. Wenn Sie nachhause gehen, sollen Sie zuhause bleiben, und Sie sollen, wo immer Sie hingehen, ob mit Maske oder ohne, darauf achten, dass der Mindestabstand zu anderen Personen eingehalten wird. Ich war gestern im Tiergarten in Berlin joggen. Die Leute beachten das ja überhaupt nicht. Sie müssen sich geradezu einen Weg bahnen mit einem Zwei-Meter-Abstand.

Müller: Aber das ist kein Maskenproblem.

Montgomery: Nein! Aber die Maske kaschiert dieses Problem, und Sie sollten stattdessen lieber auf den Zwei-Meter-Mindestabstand achten. Das ist wesentlich effektiver als eine falsche Maske.

Müller: An- und Ausziehen, noch ein kleiner Tipp. Nur hinten am Ohr berühren und einhängen und sonst gar nichts berühren?

Montgomery: Richtig! Das können Sie beim Schal eben nicht! Übrigens: Sie müssen den Schal dann auch zweimal am Tag waschen, und zwar mit einer bestimmten Hitze und einer bestimmten Seifenlauge. Welcher Politiker glaubt, dass die Menschen ihre Schals in Zukunft zweimal am Tag waschen?

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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