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StartseiteUmwelt und VerbraucherDer Schatz Lateinamerikas – Kartoffeln von der Insel Chiloé 11.08.2015

WeltagrarkulturerbeDer Schatz Lateinamerikas – Kartoffeln von der Insel Chiloé

Für viele Menschen ist die Kartoffel das wichtigste Grundnahrungsmittel. Ursprünglich stammt sie aus Lateinamerika. Die ältesten Spuren wilder Kartoffeln fand man auf der chilenischen Insel Chiloé. Sie zählt heute zum Weltagrarkulturerbe der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO.

Von Julio Segador

Bunte Kartoffeln von der Insel Chiloé  (Julio Segador)
Bunte Kartoffeln von der Insel Chiloé (Julio Segador)
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Weltagrarkulturerbe Die Welterbe-Stätten der Landwirtschaft

Es ist nicht ganz einfach Mirna Salivia Pérez zu besuchen. Sie wohnt buchstäblich am Ende der Welt, auf der Insel Chiloé, der zweitgrößten Insel Chiles weit im Süden des langgezogenen Landes. Doch die weite Anreise lohnt. Denn die Bäuerin hat einen Schatz in ihrer Hütte.

Mirna Salivia Pérez greift mit beiden Händen in eine große Kiste und holt Kartoffeln heraus. Ein Farben- und Formenspektakel. Die Knollen sind tief blau-lila, leuchtend rot, glänzend schwarz, rund, langgezogen wie dünne Auberginen, manchen haben außen Pickel und Grübchen, aufgeschnitten sind sie innen mehrfarbig marmoriert. Die Kartoffelbäuerin kennt sogar alle Sorten mit Namen. Und manche tragen ungewöhnliche Namen.Hexe und Zicklein nennen diese die Chilotes, die Einwohner der Insel.

Die Bäuerin Mirna Salivia Pérez zeigt bunte heimische Kartoffeln, "papas nativas" genannt (Julio Segador)Die Bäuerin Mirna Salivia Pérez zeigt bunte heimische Kartoffeln, "papas nativas" genannt (Julio Segador)

Auch Valeria Oyarzo lebt auf Chiloé und kennt die Namen aller Kartoffelsorten. Es sind nicht wenige.

"Wir haben in der Saatgut-Bank etwa 200 unterschiedliche Sorten. Diese ursprüngliche Kartoffel, die „papa nativa", hat eine sehr hohe genetische Variabilität. Sie kann sich ungeschlechtlich vermehren, indem man die Kartoffel in der Erde vergräbt, man bekommt dann die gleiche Kartoffelpflanze. Aber nach der Blüte bildet die Pflanze auch eine kleine Frucht aus, vergleichbar einer Cherry-Tomate, in der sich viele Samen befinden. Wenn nun diese Pflanze inmitten anderer, unterschiedlicher Kartoffelpflanzen wächst, kommt es zu einer gegenseitigen Bestäubung. Daher die hohe Variabilität."

Valeria Oyarzo ist ausgebildete Agraringenieurin. Sie leitet das Kartoffelprojekt auf Chiloé und hütet den Schatz der Insel. Die "papa nativa" - die einheimische Kartoffel. Es ist ein alter Schatz, den Chiloé bewahrt.

"In den Geschichtsbüchern kann man nachlesen, dass schon die Eroberer vor etwa 500 Jahren diese Kartoffelsorten vorfanden. Und in Monte Verde, einer archäologischen Ausgrabungsstätte hier ganz in der Nähe - sie ist etwa 13.000 Jahre alt – hat man Spuren von wilden Kartoffeln gefunden. Das ist der Beleg, wie alt diese Sorten sind."

Bunte Kartoffeln von der Insel Chiloé  (Julio Segador)Bunte Kartoffeln von der Insel Chiloé (Julio Segador)

Es sind Kleinbauern wie Mirna Salivia Pérez, die auf Chiloé die Tradition der „papa nativa" pflegen. Mirna selbst hat nur etwas mehr als einen Hektar, auf dem sie die Kartoffeln und auch andere Gemüsearten anpflanzt. Sie setzt auf die Vielfalt. Je mehr Sorten desto besser. So hat sie ihr Handwerk von ihren Eltern gelernt.

"Die Wissenschaftler meinen, man solle die einzelnen Sorten getrennt anbauen. Aber mein Vater lehrte es mich anders. Er sagte, wenn ich die Kartoffeln getrennt anpflanze, werde ich viele Sorten verlieren. Er gab mir den Rat, sie durcheinander anzupflanzen. Nach seinen Worten führt das dazu, dass sich die einzelnen Sorten stärken und vor Schädlingen wappnen."

Kennzeichnend für den Kartoffelanbau auf Chiloé ist auch die Kooperation der einzelnen Kleinbauern untereinander. Um die Sortenvielfalt zu bewahren, hilft man sich aus. Auch Mirna geht regelmäßig zu ihren Nachbarn, um andere Sorten zu bekommen, die sie dann auf ihrer Parzelle pflanzt.

"Wenn wir uns hier eigensinnig verhalten, führt das nur dazu, dass wir bestimmte Sorten verlieren werden. Um die Tradition zu bewahren müssen wir solidarisch sein."

Die Kleinbauern auf Chiloé verzichten auf ihren Parzellen auf jegliche Chemie, setzen auf natürlichen Dünger, etwa auf Seetang, den sie bei Ebbe selbst vom Strand holen. Sie verkaufen ihre einheimischen Kartoffeln hauptsächlich auf kleinen Märkten, immer häufiger aber auch etwa in die Hauptstadt Santiago, wo inzwischen sogar Spitzenköche auf die "papas nativas" schwören.

Auch bei Mirna Salivia kommen die heimischen Kartoffeln fast täglich auf den Tisch. Frittiert, als Bratkartoffeln, sind sie köstlich, doch es gibt noch zig andere Zubereitungsarten. Die Vielfalt kennzeichnet eben die „papa nativa" aus Chiloé. Kleinbäuerin Mirna ist stolz darauf.

"Wenn wir diese ursprünglichen Kartoffeln verlieren, würden wir Chilotes unsere Tradition verlieren. Wir würden etwas falsch machen."

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