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StartseiteInformationen am MorgenDer Streik der Spanierinnen08.03.2018

WeltfrauentagDer Streik der Spanierinnen

Schlechte Chancen auf der Karriereleiter und Diskriminierung am Arbeitsplatz - der Unmut ist groß in Spaniens weiblicher Arbeitnehmerschaft. Gewerkschaften rufen daher heute am Weltfrauentag zu Arbeitsniederlegungen auf. Dabei haben die Spanierinnen bei ihrem Kampf um Gleichberechtigung durchaus schon einiges erreicht.

Von Hans-Günter Kellner

Frauen in weißen Kitteln mit roten Protestfahnen (imago / Imagebroker)
Streikende Frauen der Gewerkschaft CCOO in Madrid (Archivbild) (imago / Imagebroker)
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Jeder in der Fußgängerzone der Madrider Innenstadt kennt die Streikaufrufe zum Weltfrauentag.

Ihre Schicht habe schon begonnen, sagen diese drei Frauen in Uniformen einer Kaufhauskette. Aber sie würden am Streik wohl teilnehmen, überlegen sie, bevor sie weiterhetzen. Doch eine einheitliche Haltung zur Arbeitsniederlegung gibt es nicht:

"Ich denke nicht, dass ein Streik die Situation von uns Frauen verbessert. Wir verbessern unsere Situation nur mit Arbeit und Anstrengung."

"Ich werde nicht streiken. Ich habe Spätschicht und der Streik ist ja am Morgen. Aber die gesamte Frühschicht legt bei uns die Arbeit nieder. Na ja, wenigstens eine halbe Stunde lang. Das ist ein Supermarkt." 

Benachteiligung gegenüber Männern ist immer noch groß

Die beiden größten Gewerkschaften rufen dazu auf, die Arbeit für zwei Stunden am Morgen und für zwei Stunden am Abend niederzulegen. Eine anarchistische Gewerkschaft hat sogar zu einem ganztätigen Streik aufgerufen. Doch auch Frauen, die nicht streiken, sagen: Gerade am Arbeitsplatz ist die Benachteiligung gegenüber Männern immer noch groß. María arbeitet bei einem der größten börsennotierten Unternehmen Spaniens. Theoretisch verdienen dort Männer und Frauen das gleiche. Und doch konstatiert sie:

"Am problematischsten sind die Beförderungen. Da zählen weder erbrachte Leistungen, Leistungstests noch die Qualifikation. Da zählt nur die Entscheidung des Chefs. Er sagt dann, dass er diese oder jene Person auswählt, weil er denkt, dass er den Job am besten macht. Und er befördert natürlich immer einen Mann. Obwohl andere Bewerberinnen häufig deutlich besser qualifiziert sind."

Vorbereitungen auf Kundgebung auf Hochtouren

Oft werde über solche Fragen in den lockeren Zigarettenpausen oder beim Mittagessen entschieden, in denen die Männer unter sich seien, meint sie. Auf Nachfragen werde dann erklärt. Frauen bekämen Kinder, seien dann nicht so leistungsbereit wie Männer. Aber auch sie, die keine Kinder habe, habe trotz ihrer guten Qualifikation keine Chance, sagt die Angestellte, die schon seit 20 Jahren im Unternehmen ist.

Im Büro der Stiftung Frau laufen unterdessen die Vorbereitungen auf die große Kundgebung am Abend in Madrid auf Hochtouren. Die Diskriminierung am Arbeitsplatz ist in diesem Jahr das Hauptanliegen, sagt Sprecherin Marisa Soleto:

"In der mittleren Führungsebene stoßen die Frauen an die sogenannte Gläserne Decke. Wir wissen nicht warum, aber sie kommen in der Karriere nicht weiter. Die Unternehmen funktionieren schlecht, ihre Regeln ermöglichen es den Männern, weiterzukommen, aber nicht den Frauen. Das bedeutet, die weiblichen Talente gehen verloren, was zu Verlusten für die Unternehmen führt – weil Frauen benachteiligt werden."

Marisa Solto vor Bücherwand (Deutschlandradio / Kellner)Marisa Solto, Stiftung Frau - In der mittleren Führungsebene stoßen die Frauen an die sogenannte Gläserne Decke (Deutschlandradio / Kellner)

In EU-Statistiken hat Spanien enorm aufgeholt

Allerdings: Den Statistiken der Europäischen Union zufolge hat Spanien bei der Gleichstellung enorm aufgeholt: So verdienen die Spanierinnen im Schnitt zwar immer noch fast 15 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Bei deutschen Frauen liegt der Einkommensunterschied demzufolge aber sogar bei über 20 Prozent. Auch bei der Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen hat Spanien mehr erreicht als andere. Und wer spanische Medien beobachtet, stellt fest: Die Angelegenheiten der Frauen sind anders als in vielen anderen europäischen Ländern ins Zentrum der öffentlichen Debatte gerückt. Doch Marisa Soleto sieht keinen Grund zur Zufriedenheit:

"Die Frauen haben in Spanien in den letzten Jahrzehnten sehr viel erreicht. In manchen Punkten sind wir sogar ausgesprochen fortschrittlich. Aber jetzt wollen wir die tatsächliche Gleichstellung. Es reicht nicht mehr, zu hoffen, dass die Situation nach und nach immer besser wird. Die jungen Frauen wollen nicht mehr warten. Und wir, die Frauenverbände haben erreicht, dass die Gesellschaft uns versteht und unsere Demonstrationen auch unterstützt."

Medien rücken Frauen ins Zentrum

Mit diesem Jingle beginnt jeden Abend um 20 Uhr das Abendprogramm beim Privatsender Cadena Ser, dem meistgehörten Informationsradio in Spanien. Angels Barceló analysiert in ihrer meist dreieinhalbstündigen Sendung das politische Tagesgeschehen. Allerdings nicht am Weltfrauentag. Denn auch sie bekennt sich zum Streik. Es sind vor allem die Medien, die Frauenthemen in Spanien immer wieder auf die Agenda setzen. Angst, sich damit in den Dienst einer vermeintlich guten Sache zu stellen, haben die Journalisten trotzdem nicht. Auch nicht Angels Barceló:

"Feminismus ist keine ideologische Frage. Ich sage am Mikrofon nie, welche Partei ich wähle. Ich analysiere die Politik. Aber dieser Streik hat nichts mit Links oder Rechts zu tun. Es geht um die Rechte von Frauen. Darum streike und demonstriere ich morgen. Die Gleichstellung von Männern und Frauen ist im Alltag längst noch nicht erreicht. Meine Arbeitswelt ist von Männern dominiert. Wir Frauen haben weniger Chancen, in Schlüsselpositionen aufzusteigen, wir verdienen weniger, wir werden sexuell bedrängt. Da kann ich nicht nur zusehen."

Radiomoderatorin Angels Barceló im Studio (Deutschlandradio / Kellner)Moderatorin Angels Barceló - "Feminismus ist keine ideologische Frage" (Deutschlandradio / Kellner)

Der Aktionstag ist schon jetzt ein Erfolg für die Aktivistinnen: Politiker der Volkspartei hatten den Streikaufruf kritisiert. Regierungschef Mariano Rajoy hat seine Parteifreunde inzwischen zurückgepfiffen.   

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