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StartseiteInformationen am MorgenGewalt gegen Frauen in Flüchtlingsheimen 08.03.2016

WeltfrauentagGewalt gegen Frauen in Flüchtlingsheimen

Vor allem Frauen leiden unter den beengten Verhältnissen in den Flüchtlingsheimen in Deutschland. Wie viele von ihnen dort Gewalt erfahren, ist kaum erforscht. Dass häusliche Gewalt, Anzüglichkeiten und sexuelle Übergriffe allgegenwärtig sind, geht aus einer Befragung der Potsdamer Gesellschaft für Inklusion und Soziale Arbeit hervor.

Von Verena Kemna

Man sieht zwei Frauen mit Kopftuch von hinten auf einer Allee. (picture-alliance / dpa / Ralf Hirschberger)
Zwei Flüchtlinge in Brandenburg. (picture-alliance / dpa / Ralf Hirschberger)
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Im sogenannten Alphabetisierungskurs sitzen zwei Frauen aus Somalia neben zwei Frauen aus Afghanistan. Die jüngste ist 26, die älteste 60 Jahre alt. Alle vier sprechen und verstehen nur wenige Worte Deutsch. Kursleiterin Sabine gestikuliert, während sie erklärt, lacht den Frauen aufmunternd zu. Die Atmosphäre in dem kleinen Raum mit einer Tafel und nur zehn Stühlen ist freundlich, entspannt. Deutsch- und Computerkurse, aber auch Theater, Kochen und Stricken steht beim Bildungsträger Jack in Berlin-Neukölln auf dem Stundenplan. Zielgruppe sind vor allem Frauen, Migrantinnen und Flüchtlinge. Viele haben Gewalt erlebt, erklärt Maria Stock, die Leiterin der Bildungsstätte, doch die wenigsten sprechen darüber.

"Die Dozentinnen werden sensibilisiert durch Fortbildungen zu Trauma, zum Thema Opfer von Menschenhandel. Wenn man hier mit 25 Schülerinnen sitzen würde, könnte man nicht so sehr auf die Einzelne achten. Da versuchen wir die Gruppen klein zu halten und auch mit Einzelförderung, die Sachen, die Frauen im Unterricht nicht mitkriegen, dass sie die nachholen können."

Es ist schwierig, mit den Frauen ins Gespräch zu kommen

Die vier Frauen aus dem Alphabetisierungskurs verabschieden sich, in einer Woche wollen sie wiederkommen. Alle haben einen weiten Weg, fahren bis zu einer Stunde mit der S-Bahn, zurück in ihr neues "Zuhause" in einem Wohnheim oder einer Notunterkunft irgendwo in Berlin. Dort teilen sie mit vielen anderen wenige Quadratmeter – anders bei den Kursen in Neukölln. Dort sind sie unter sich. Solche Schutzräume sind für die Frauen besonders wichtig, meint Maria Stock. Viele haben wochenlange Fluchtwege und traumatische Erfahrungen hinter sich.

"Fast jede der Frauen, die hier bei uns in der Bildungsstätte teilnimmt, kommt ein- bis zweimal pro Monat an und sagt, Ich halte das nicht mehr aus, ich wohne in der Turnhalle, ich habe keine Privatsphäre, ich kann mich nicht in Ruhe umziehen, ich fühle mich die ganze Zeit beobachtet. Es stresst unglaublich, ich bin alleinerziehende Mutter mit Kindern und bin durchgehend von Leuten umgeben und brauche eigentlich mehr Ruhe, ich brauche Rückzugsraum."

Ein Flüchtlingsheim in Berlin-Hellersdorf, ein unscheinbarer Plattenbau, einer von vielen. Nur wenige Meter entfernt ist die Alice-Salomon Hochschule für Soziale Arbeit. Fast täglich macht sich die Sozialarbeiterin Nivedita Prasad auf den kurzen Weg von der Hochschule zum Asylbewerberheim. Sie kennt viele der Frauen in der Unterkunft und doch sei es schwer, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, zu intim sei das Thema sexuelle Gewalt.

"Sie können häusliche Gewalt erleben, Partnerschaftsgewalt erleben, sie können Gewalt durch andere Bewohner des Hauses erleben, durch die Security, durch Mitarbeiter, durch das Ehrenamt."

Angebote, die Vertrauen schaffen

Weil kaum eine Frau über ihre Gewalterfahrungen spricht, gibt es keine Statistiken, keine gesicherten Zahlen. In Berlin-Hellersdorf organisieren Studenten der Alice-Salomon Hochschule Treffen, um gemeinsam zu kochen, sie bieten Hausaufgabenhilfe und Wohnungsberatung. Angebote, die Vertrauen schaffen und es den Frauen leichter machen über ihre Probleme zu sprechen. Nivedita Prasad erinnert sich an einen Fall vor zwei Jahren. Eine Frau wird von ihrem Mann geschlagen und meldet sich bei der Heimleitung. Der Mann bekommt zwar Hausverbot, doch die Security im Haus erfährt nichts davon und lässt den gewalttätigen Ehemann ungehindert passieren.

"Das Problem in diesen Unterkünften ist ja, dass die sehr eng sind, also sechs bis sieben Quadratmeter pro Person. Es gibt keine Räume, wo Frauen einfach sein können. Sie wohnen und leben immer in einem Raum. Es gibt kein ordentliches Beschwerdemanagement. Es gibt kein Gewaltschutzkonzept, das heißt, wenn Gewalt vorkommt, wissen die Frauen nicht, an wen kann ich mich wenden und was passiert dann."

Bisher regeln die Betreiber von Unterkünften selbst, wie sie bei gewalttätigen Auseinandersetzungen vorgehen. Die Konzepte reichen von einer Hausordnung, die bei Gewalt mit Verwarnung und Hausverbot droht, bis zu speziell benannten Vertrauenspersonen und Beratungsangeboten. Noch gibt es keine bundesweit einheitlichen Vorschriften, um Frauen in Flüchtlingsunterkünften vor Gewalt zu schützen, beklagt Heike Rabe vom Institut für Menschenrechte. Zwar fordert das von der Bundesregierung verabschiedete Asylpaket zwei ein erweitertes Führungszeugnis für Personal in Flüchtlingsheimen - doch das reicht nicht aus, erklärt die Juristin.

Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland

"Jeder muss in einer Einrichtung wissen, was zu tun ist, wenn ein Verdachtsfall auftaucht oder wenn ein konkreter Gewaltfall gemeldet wird, dann kann es nicht sein, dass der Wachschutz oder die Heimleitung sich denken, was zu tun ist, sondern es muss fachlich qualifizierte Standards geben, die sagen, die und die Schritte sind zu tun."

Laut einer EU-Richtlinie sollen die Mitgliedstaaten dafür zu sorgen, dass Gewalt, sexuelle Übergriffe und Belästigung in den Unterkünften verhindert werden. Weil Deutschland die Richtlinie bisher nicht umgesetzt hat, läuft ein Vertragsverletzungsverfahren der EU-Kommission. Ein bundesweit einheitliches Konzept sollte Frauen über ihre Rechte aufklären. Frauenräume, abschließbare Zimmer und getrennte sanitäre Einrichtungen sollten in jeder Unterkunft vorhanden sein, erklärt Heike Rabe.

"Viele Bundesländer sind dabei solche Konzepte zu entwickeln, häufig angestoßen aus den Frauenverwaltungen und in einzelnen Bundesländern gibt es auch schon kleinere Konzepte."

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