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StartseiteKommentare und Themen der WochePflegen kann man nicht im Home Office08.03.2021

WeltfrauentagPflegen kann man nicht im Home Office

Ob höhere Arbeitslosigkeit oder höheres Infektionsrisiko: wo Frauen schon früher benachteiligt waren, stehen sie heute in der Pandemie oft noch schlechter da, kommentiert Ann-Kathrin Jeske. Aber gesellschaftliche Ungleichheit verlange uns allen etwas ab, auch, wenn es sich nicht um das eigene Problem handele.

Ein Kommentar von Ann-Kathrin Jeske

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DEUTSCHLAND, NIEDERSACHSEN, HANNOVER, 08.03.2021 - Internationaler Frauentag - Ein Plakat mit der Aufschrift Das ist erst der Anfang hängt am Rand einer Kundgebung am Internationalen Frauentag an der Goseriede. *** GERMANY, LOWER SAXONY, HANOVER, 08 03 2021 International Womens Day A poster reading This is just the beginning hangs on the edge of a rally at the Goseriede on International Womens Day. (IMAGO / Michael Matthey)
Internationaler Frauentag in Hannover. "Erlauben kann man sich das Ignorieren von gesellschaftlichen Missständen immer nur dann, wenn man selbst nicht betroffen ist", meint Ann-Kathrin Jeske. (IMAGO / Michael Matthey)
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Gleichstellung Schriftstellerin Marinić: Frauen stärken und sagen: Ihr dürft fordern

Es war kein gutes Jahr für uns Frauen, so viel steht fest. Die Pandemie hat die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern verschärft – überall dort, wo Frauen schon vorher benachteiligt waren, stehen sie jetzt auf noch schlechterem Posten.

Ein paar Zahlen: Schaut man sich an, wer in der Corona-Pandemie arbeitslos geworden ist, sind das drei Mal so viel Frauen wie Männer. Während die Arbeitslosigkeit bei Frauen um 5,7 Prozent stieg, waren es bei Männern nur 1,8 Prozent.

Jagoda Marinic (Schriftstellerin) in der ARD-Talkshow ANNE WILL am 08.12.2019 in Berlin Thema der Sendung: Die SPD rueckt nach links âē wohin rueckt die Koalition? (picture alliance / Eventpress Stauffenberg) (picture alliance / Eventpress Stauffenberg)Gleichstellung - Schriftstellerin Marinić: Frauen stärken und sagen: Ihr dürft fordern In der Corona-Pandemie macht die Gleichstellung der Geschlechter Rückschritte, beobachtet die Schriftstellerin Jagoda Marinić. Das zu verhindern, sei nicht nur Aufgabe der Frauen, sagte sie im Dlf. Sie fordert einen umfassenden Kulturwandel, an dem sich alle beteiligen.

Guckt man sich dann all jene an, die Arbeit haben – Sie werden zurecht sagen, dass das dazu schließlich doch noch die allermeisten gehören – kommen die Frauen in diesem Pandemiejahr dennoch nicht besser weg. Denn Frauen sind auf der Arbeit statistisch einem größeren Risiko ausgesetzt sich mit dem Coronavirus zu infizieren als Männer. Warum? Weil sie besonders häufig in systemrelevanten Berufen arbeiten. Das Pflegen von alten Menschen, das zu über 80 Prozent Frauen machen, lässt sich eben nicht ins Home Office verlagern.

Liebe Männer vor den Radios, seien Sie ehrlich: Wie viel Lust haben Sie, sich diese Zustandsbeschreibung Jahr für Jahr aufs Neue am Frauentag anzuhören? Und jetzt, in der Pandemie, ist es auch noch besonders schlimm. Schließlich hat die Frauen ja niemand dazu gezwungen Altenpflegerin oder Sozialarbeiterin zu werden anstatt Bankangestellte. Auf dem Papier haben Frauen außerdem längst die gleichen Rechte wie Männer. Und Sie persönlich haben sicher auch gar nichts gegen die Gleichstellung, was hat das also alles mit Ihnen zu tun?

Amal und George Clooney auf dem roten Teppich bei einer TV-Premiere  (picture alliance/AP Images | Grant Pollard) (picture alliance/AP Images | Grant Pollard)Geschlechterbilder in Medien - Und seine Frau "Ex-Frau", "Großmutter", "Filmemacherin" – berichten Medien über erfolgreiche Frauen, fehlt oft ihr Name. Dahinter steckt nicht unbedingt böse Absicht, sondern neben der noch ungleich verteilten Popularität zwischen Männern und Frauen auch Sexismus. Und der muss überwunden werden, findet Marina Weisband.

Ich kann den Reflex der Genervtheit verstehen. Diesen Wunsch, dass bestimmte Debatten doch einfach mal aufhören könnten. Glauben Sie mir, ich habe ihn auch manchmal. Aber: Erlauben kann man sich das Ignorieren von gesellschaftlichen Missständen immer nur dann, wenn man selbst nicht betroffen ist. Ich als weiße Frau kann aus der Tür gehen und Rassismen ignorieren, weil mich niemand beleidigen wird. Sie als Mann können ignorieren, dass Ihre Kollegin weniger verdient als sie selbst, obwohl sie den gleichen Job machen.

Gesellschaftliche Ungleichheit aber wird sich so nicht verringern. Sie verlangt uns allen etwas ab, den anstrengenderen Weg, Konflikte einzugehen und füreinander einzustehen, auch, wenn es sich nicht um das eigene Problem handelt. Ist die Hausarbeit wirklich so verteilt, wie Ihre Frau sich das wünscht? Gibt es einen guten Grund dafür, dass Ihre Kollegin weniger verdient als Sie?

Die gute Nachricht ist, dort, wo Erfolge in der Gleichstellung einmal erreicht wurden, werden sie dann auch nicht mehr so leicht zunichte gemacht: Denn in den Familien, in denen Hausarbeit und Kinderbetreuung schon vor der Pandemie ähnlich verteilt war, ist das auch jetzt noch so.

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