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StartseiteKommentare und Themen der WocheSymbolpolitik wie eh und je  08.03.2019

WeltfrauentagSymbolpolitik wie eh und je  

Den 8. März in Berlin als Feiertag auszurufen sei ein Rückfall in alte Zeiten, kommentiert Sabine Adler im Dlf. Frauenpolitik sei zu oft reine Symbolpolitik. "Traurig, dass den rot-rot-grünen Abgeordneten im Land Berlin nicht mehr eingefallen ist."

Von Sabine Adler

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Heiko Maas (SPD) spricht auf der Veranstaltung "Internationaler Frauentag - Ein Grund zum Feiern?" am 07.03.2019 im Auswärtigen Amt in Berlin. (dpa / Wolfgang Kumm)
Außenminister Heiko Maas (SPD) bei einer Veranstaltung zum Internationalen Frauentag 2019 (dpa / Wolfgang Kumm)
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Der 8. März, den das Land Berlin vom Frauen- zum Feiertag beförderte, weckt Erinnerungen an vor 30 Jahren. Westfreundinnen fragten mich seinerzeit, ob ich die Wende nicht bedauern würde, weil Ostfrauen bundesdeutsche Verhältnisse doch als Rückschritt betrachten müssten. Waren Ostfrauen tatsächlich emanzipierter? Sie haben gearbeitet und waren zugleich Mütter, das stimmt. Aber weil die DDR in keiner Beziehung frei war, war sie es auch in puncto Berufstätigkeit nicht.

Frauen konnten nicht arbeiten, sie mussten. Denn mit einem Verdienst allein, dem des Vaters, war kein Auskommen. Zog es eine Mutter dennoch vor, mit ihren Kindern zu Hause zu bleiben, galt sie als Ausnahmeerscheinung. Nicht geächtet, aber doch zumindest misstrauisch beäugt. Steckte hinter ihrer Lebensauffassung etwa eine Kritik am Sozialismus, war ein westliches, also konservativ geprägtes Rollenbild der Grund, gab es womöglich gar religiöse Wertvorstellungen? Äußerst suspekt. Eine solche Mutter ließ man besser nicht aus den Augen.

Staatliche Rundumbetreuung für Kinder

Die allermeisten Frauen gingen selbstverständlich arbeiten und fühlten sich – wie heute berufstätige Mütter und immer mehr Väter – nur zu oft zur falschen Zeit am falschen Ort. Für die Betreuung der Kleinen war gesorgt. Viele Schichtbetriebe machten es den Müttern leicht, die Kinder selbst zu Spät-, und Nachtdiensten abzugeben, ja sie konnten sie sogar von montags bis freitags in staatlicher Obhut lassen. Gesellschaftlich war das gewollt, selbst als Studien längst bewiesen, dass Säuglinge und Kleinkinder bei der Mutter und nicht in Gruppen am besten gedeihen.

Alles für den Sieg des Sozialismus - so lautete die allgegenwärtige Parole, die vor allem auf Kosten des Nachwuchses ging. Weil der Kapitalismus zuvörderst in der Produktion geschlagen werden sollte, war die Frau als Arbeitskraft unentbehrlich. Der Staat zwang sie in die Berufstätigkeit, auch deswegen waren die Löhne der Männer so mickrig. Die der Frauen übrigens noch niedriger. Die Erwerbstätigkeit kam zu den Verpflichtungen für Heim und Kinder hinzu, die Doppelt- und Dreifachbelastung der Frauen brauchte all ihre Ressourcen auf.

Frauenpolitik als reine Symbolpolitik

Als nach dem Mauerfall die DDR-Wirtschaft zusammenbrach, waren es die Frauen, die als erstes gefeuert wurden, aber sie waren oft auch diejenigen, die sich am schnellsten wieder aufrappelten. Weitermachten, weil sie mussten und Belastungen gewachsen waren. Diejenigen, die in den Westen gingen, staunten, wie viel Tamtam um Kinderbetreuung und Berufstätigkeit von Müttern gemacht wurde.

Jetzt erlebten sie in der Freiheit den Druck von der anderen Seite: Sie galten als Rabenmütter, denen noch dazu das Recht auf Abtreibung genommen werden sollte. Die Familienpolitik der DDR taugte nicht als Vorbild, aber sie setzte ein überfälliges Überdenken auf beiden Seiten in Bewegung.

Den 8. März als Feiertag auszurufen, ist ein Rückfall in alte Zeiten, als Frauenpolitik zu oft reine Symbolpolitik war. Traurig, dass den rot-rot-grünen Abgeordneten im Land Berlin nicht mehr eingefallen ist.

Sabine Adler (©Deutschlandradio / Bettina Straub )Sabine Adler (©Deutschlandradio / Bettina Straub )Sabine Adler, Journalistin und Buchautorin. Journalistik-Studium Universität Leipzig, danach Sender Magdeburg, radio ffn, Deutsche Welle. Seit 1997 beim Deutschlandradio, u.a. als Russland-Korrespondentin, Leiterin des Hauptstadtstudios. 2011-2012 Leiterin Presse und Kommunikation Deutscher Bundestag. Derzeit Osteuropa-Korrespondentin.

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