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StartseiteKommentare und Themen der WocheEs gibt viele Schuldige für die Hungerkrise14.10.2021

WelthungerindexEs gibt viele Schuldige für die Hungerkrise

Die Weltgemeinschaft hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 den Hunger weltweit zu besiegen. Es deutet nichts darauf hin, dass dies gelingt, kommentiert Manfred Götzke. Zur Bekämpfung der Hungerursachen müsse der Westen zum Beispiel bei der Klimapolitik nicht nur immer neue Ziele ausgeben.

Ein Kommentar von Manfred Götzke

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Myanmar, Yangon: Kinder einer vom World Food Programme unterstützten Familie beim Mittagessen in ihrem Haus in einer Siedlung im Township Hlaing Thar Yar.  (World Food Programme/ Kaung Htet Lin)
Hunger in Myanmar (World Food Programme/ Kaung Htet Lin)
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Es ist eine Schande, eine Schande für die Weltgemeinschaft, für Europa, auch für Deutschland. Mehr als 800 Millionen Menschen hungern. Mehr als 40 Millionen davon droht im schlimmsten Fall der Hungertod. Weit mehr Menschen als im Vorjahr.

Welthungerhilfe für Menschen in Somalia (dpa / AP / Farah Abdi Warsameh) (dpa / AP / Farah Abdi Warsameh)Welthungerindex 2021 - Massive Hungersnöte sind wieder zurück
Jeder Zehnte auf der Welt hungert, das zeigt der Welthungerindex 2021. Hauptursachen sind Kriege und Konflikte, der Klimawandel, aber auch die Corona-Pandemie. Der Kampf gegen den Hunger verlaufe viel zu langsam, so die Welthungerhilfe.

In Afghanistan geht heute jeder dritte Bürger jeden Abend hungrig ins Bett, im Jemen kann sich der Großteil der Bevölkerung keine Lebensmittel mehr kaufen – obwohl die Märkte voll sind. In Madagaskar geben Mütter ihren Kindern Brei aus Blättern zu essen, weil sie zu unterernährt sind, um sie zu stillen. Diese Hungerkatastrophen kommen oft daher wie verheerende Naturereignisse. Heuschreckenplagen, Dürren, Überschwemmungen – kann man halt nichts machen.

Klimakrise ist eine sehr konkrete Hungerkrise

Doch so einfach ist es natürlich nicht. Neben kriegerischen Konflikten ist die wichtigste Ursache für Hunger inzwischen der menschengemachte Klimawandel. Wenn wie jetzt in Madagaskar die heftigste Dürre seit 40 Jahren herrscht – ist das auch eine Folge des unbekümmerten Verbrauchs fossiler Energie der westlichen Länder.

Für viele von uns ist der von uns verursachte Klimawandel noch immer ein eher theoretisches, abstraktes Phänomen. Für die Länder des südlichen Afrikas ist die Klimakrise längst eine sehr konkrete Hungerkrise.  

Die Tatsache ist bekannt: Die Ärmsten und Schwächsten, die für den Klimawandel nicht verantwortlich sind, zahlen den höchsten Preis. Hunderttausend mit ihrem Leben. Millionen Menschen entzieht der Klimawandel schon jetzt ihre Lebensgrundlage – sie müssen fliehen, weil ihre Heimat zur Wüste wird.

Die Rolle gewaltsamer Konflikte

Und so gibt es viele Schuldige für die Hungerkrise: Schuldig ist jeder einzelne korrupte Potentat, der Hilfsgelder und Lieferungen selbst einsteckt, statt sie an die eigene Bevölkerung zu verteilen. Schuldig ist der Westen, der Klimapolitik bis heute vor allem darin versteht, Jahr für Jahr neue Ziele zu definieren - statt wirksame Maßnahmen umzusetzen, die den Klimawandel mindern.

Selbstverständlich gibt es auch viele Schuldige, wenn es um die zweite Hauptursache der Hungerkrise geht: Gewaltsame Konflikte. Auch hier sind es nicht nur lokale Warlords, illegitime Machthaber oder Rebellen, die sich am Hungertod ihrer Bürger schuldig machen. Oft genug sind es auch hier die wohlhabenderen Länder, die zumindest eine Mitschuld tragen – wenn sie Staaten bei ihren Stellvertreterkriegen unterstützen. Traurigstes Beispiel: der von Hunger geplagte Jemen, wo Saudi-Arabien mit westlichen Waffen auch Zivilisten bombardiert.

Was also ist zu tun? Punkt eins. Hungerursachen bekämpfen – siehe oben. Punkt zwei: humanitäre Hilfe und Hilfe zur Selbsthilfe in den jetzt konkret vom Hunger geplagten Staaten. Wie schwer auch das ist, zeigt sich zurzeit in Afghanistan: Auch nach 20 Jahren westlicher Präsenz hungert die Bevölkerung, ist jeder zweite auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Die Weltgemeinschaft hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 den Hunger weltweit zu besiegen. Es deutet nichts darauf hin, dass dies gelingt.

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