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StartseiteKommentare und Themen der WocheCorona als Abwehrwaffe 18.04.2021

Weltpolitik in der PandemieCorona als Abwehrwaffe

Das Coronavirus sei so omnipräsent, dass auch einige Staatschefs nicht der Versuchung widerstehen können, es für politische Zwecke zu instrumentalisieren, kommentiert Sabine Adler. Besonders in Russland wurde das in dieser Woche deutlich.

Ein Kommentar von Sabine Adler

Russlands Präsident Vladimir Putin.   (dpa/picture alliance/Sputnik/Kremlin Pool Photo)
Der Kreml wollte dem türkischen Präsidenten Erdogan einen Denkzettel verpassen - und hat russischen Bürgern sämtliche touristische Reisen in die Türkei untersagt. Begründung: der Schutz vor einer Infektionswelle. (dpa/picture alliance/Sputnik/Kremlin Pool Photo)
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Vieles in unserem Leben ist in der Corona-Pandemie gefährlicher, mühsamer, auch freudloser geworden. Das Covid-19-Virus hat Leid über die ganze Welt gebracht, inzwischen viele Menschenleben gekostet. Das Virus ist omnipräsent, so sehr, dass man mitunter der Versuchung unterliegt, es für alles verantwortlich zu machen und es sogar zu instrumentalisieren. Zum Beispiel, wenn man politische Absichten und Rechnungen als solche nicht offenlegen will. Was als Suche nach dem besten Pandemie-Schutz ausgegeben wird, ist hierzulande in Wahrheit längst auch Wahlkampf.

Auch politische Rechnungen lassen sich unter dem Corona-Mäntelchen gut verbergen. Wie viele Politiker anderswo auf der Welt können auch die russischen dieser Versuchung nicht widerstehen. So geschehen diese Woche. Der Kreml wollte dem türkischen Präsidenten Erdogan einen Denkzettel verpassen, weil der zwei US-amerikanischen Kriegsschiffen den Zugang in das Schwarze Meer erlaubt hat. Washington wollte mit den herbeieilenden Marinebooten Solidarität mit der Ukraine demonstrieren, an deren Grenze Russland massive Militärmanöver abhält.

Reiseverbot zum Schutz der Bevölkerung

Dass Ankara sich in diesem Konflikt nicht neutral verhielt oder gar zu Moskau stand, sondern sich als NATO-Mitglied auf die Seite des Bündnisses und der USA sowie der Ukraine stellte, ließ das Blut im Kreml hochkochen. Kurzerhand wurden den russischen Bürgern sämtliche touristischen Reisen in die Türkei untersagt. Zum Schaden der türkischen Wirtschaft. In die Röhre schauten von einem Tag auf den anderen über 530.000 Russinnen und Russen, die für die langen Maifeiertage bereits Flugtickets und Übernachtungen gebucht hatten. Begründet wurde das Reiseverbot, das nicht generell für alle Länder gilt, mit dem Schutz der Bevölkerung vor einer neuen Infektionswelle.

Ein paar Tage früher wurde in Sankt Petersburg das Kino geschlossen, das Veranstaltungsort eines unabhängigen Dokumentarfilmfestivals war. Grund: Die Hygienevorschriften wurden angeblich nicht eingehalten. Dabei waren sie weit strenger als an den allermeisten Orten in Russland. Ljubow Sobol von der Nawalny-Antikorruptionsstiftung wurde in dieser Woche zu einem Jahr gemeinnütziger Arbeit verurteilt, weil sie es wagte, an der Wohnungstür des Geheimdienstmitarbeiters zu klingeln, der an dem Giftanschlag auf den Oppositionspolitiker mutmaßlich beteiligt war. Die mutige Juristin möchte sich im Herbst um einen Sitz in der Duma bewerben. Ein einziger Verstoß gegen Corona-Auflagen – und ihre Parlamentskandidatur wird ihr verwehrt. 

Corona als Abwehrwaffe zu benutzen geschieht keineswegs nur in Russland, wenngleich die Auseinandersetzungen dort schärfer als anderswo sind. Aufhorchen muss man, wenn jetzt russische Politiker von der Infektionsgefahr sprechen, die von der Ukraine ausgeht, die über fast keine Impfstoffe verfügt. In den angespannten Beziehungen zur ehemaligen Sowjetrepublik genügen kleinste Vorfälle, um die Lage eskalieren zu lassen. Zumal, wenn sich derzeit dort so viele Truppen und Waffen wie seit Jahren nicht mehr konzentrieren. 

Die Pandemie offenbart die guten und die dunklen Seiten in uns

Schon mit der eiligen Zulassung des Sputnik-Impfstoffes hat Russland Politik gemacht, die Akquise von Abnehmern weltweit dient vor allem der Imagepflege des ansonsten isolierten Landes. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder ist der Dank des Kremls sicher. Im Rennen um die Kanzlerkandidatur sind dem CSU-Chef viele Mittel recht, auch, dass er für sein Bundesland den russischen Impfstoff bestellte, obwohl der frühestens im Sommer geliefert werden kann.

Die Pandemie bringt bei allem Leid und Schaden auch so manchen Nutzen, sie offenbart die guten und die dunklen Seiten in uns. Dass Mallorca-Reisen nicht erlaubt werden sollten, obwohl die der Deutschen liebste Insel seit Monaten niedrige Infektionswerte hat und jede noch so kleine Wirtschaftstätigkeit dringend braucht, dieses Mallorca-Verbot war kaum mit Gesundheitsschutz zu begründen. Eher mit verbreiteten Neid-Gefühlen, dass, wenn ich keine Kuh habe, mein Nachbar auch keine haben soll.  

Corona hält uns den Spiegel vor, nicht immer erst, wenn es um Weltpolitik geht.

Sabine Adler (©Deutschlandradio / Bettina Straub )Sabine Adler (©Deutschlandradio / Bettina Straub )Sabine Adler, Journalistin und Buchautorin. Journalistik-Studium Universität Leipzig, danach Sender Magdeburg, radio ffn, Deutsche Welle. Seit 1997 beim Deutschlandradio, u.a. als Russland-Korrespondentin, Leiterin des Hauptstadtstudios. 2011-2012  Leiterin Presse und Kommunikation Deutscher Bundestag. Danach Osteuropakorrespondentin, derzeit Leiterin des Reporterpools.

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