Freitag, 27.11.2020
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteSport am WochenendeIn der Talentsuche existiert der Kolonialismus weiter22.11.2020

Weltspiele – Sport und Kolonialismus (11)In der Talentsuche existiert der Kolonialismus weiter

Eine der wichtigsten Ursachen für Migration im Fußball: Kolonialismus. Von den sogenannten Mutterländern wurden Fußballer aus Kolonien lange wie eine Ware behandelt. Inzwischen symbolisieren Nationalspieler mit Wurzeln in Kolonien aber auch einen Aussöhnungsprozess.

Von Ronny Blaschke

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Kinder spielen in Rocinha, einer Favela von Rio de Janeiro, Fußball. (imago stock&people)
Kinder spielen in Rocinha, einer Favela von Rio de Janeiro, Fußball. (imago stock&people)
Mehr zum Thema

Weltspiele – Sport und Kolonialismus (10) Sport als Medium der Entwicklungshilfe

Weltspiele – Sport und Kolonialismus (9) Fußball als Protest gegen die doppelte Kolonisierung

Weltspiele – Sport und Kolonialismus (8) Wie Indien und Pakistan ihre Rivalität im Kricket austragen

Weltspiele – Sport und Kolonialismus (7) In Namibia wirkt die Apartheid auch im Sport nach

Weltspiele – Sport und Kolonialismus (6) China bezahlt Rohstoffe mit Stadien

Weltspiele – Sport und Kolonialismus (5) Australiens Probleme mit dem Selbstbewusstsein der Indigenen

Weltspiele – Sport und Kolonialismus (4) Der US-amerikanische Sport und die indigene Identität

Nach dem Zweiten Weltkrieg müssen die Kolonialreiche Großbritannien und Frankreich ein Gebiet nach dem anderen aufgeben. Portugal kann jedoch einige seiner Kolonien jedoch bis Mitte der siebziger Jahre halten. Diktator António de Oliveira Salazar nutzt für seine Propaganda auch den Fußball. Er schickt die erfolgreichen Vereine aus Lissabon zu sogenannten "Pilgerreisen" in die afrikanischen Kolonien, nach Angola, Guinea oder Mosambik. So erzählt der portugiesische Historiker Marcos Cardão.

"Ob in der Musik oder im Fußball: Das portugiesische Regime wollte sich von anderen Kolonialmächten abgrenzen. Und pflegte das Image einer freundlichen Nation ohne Rassismus. Ab den sechziger Jahren liefen portugiesische Fußballklubs in der ersten und zweiten Liga mit vielen afrikanischen Spielern auf. Das sollte kulturelle Bindungen in die Kolonien verdeutlichen. Tatsächlich war es das Ausnutzen billiger Arbeitskräfte."

Der Diktator will Eusébio nicht gehen lassen

Symbolfigur dieser Zeit: Eusébio, geboren und aufgewachsen in schwierigen Verhältnissen in Portugiesisch-Ostafrika, bekannt als Mosambik. Schon in seiner Jugend streiten sich die Lissaboner Klubs um ihn. Medien bezeichnen den Stürmer als "Schwarzen Panther". Eine unterschwellig rassistische Anspielung auf seine Hautfarbe. Bei der WM 1966 in England ist kein Team aus Afrika vertreten. Eusébio schießt neun Tore und sichert dem portugiesischen Team den dritten Platz. Er erhält Angebote aus großen europäischen Ligen, doch er muss bei Benfica Lissabon bleiben. Diktator Salazar bezeichnet ihn als "nationalen Schatz". In einer Zeit, in der die Unabhängigkeitsbewegungen in den Kolonien stärker werden. Die portugiesische Armee geht mit Waffengewalt dagegen vor, berichtet der Forscher Marcos Cardão.

Eusébio, aufgewachsen in Mosambik. Schon in seiner Jugend streiten sich die Lissaboner Klubs um ihn. (Imago)Eusébio, aufgewachsen in Mosambik. Schon in seiner Jugend streiten sich die Lissaboner Klubs um ihn. (Imago)

"Das portugiesische Regime wollte das Militär ,afrikanisieren‘. Viele Kämpfer wurden in Kolonien rekrutiert. Die Zeitungen druckten Fotos von schwarzen Männern in Uniform. Auch Eusébio musste dafür herhalten. Er gab Einsätze für eine Militärauswahl. Seine patriotischen Aufrufe wurden in Zeitungen und Filmen veröffentlicht. Eusébio galt als Symbol für die ,gemischtrassige‘ Verteidigung des portugiesischen Imperiums."

Eine der wichtigsten Ursachen für Migration im Fußball: Kolonialismus. Das verdeutlichen seit Jahrzehnten auch die Niederlande. Im 17. Jahrhundert kontrolliert Amsterdam die Hälfe des Welthandels, auf dem Rücken tausender Sklaven. Suriname etwa, im Norden Lateinamerikas, bleibt bis 1975 niederländische Kolonie. Spieler mit surinamischen Wurzeln prägen bald den niederländischen Fußball: Ruud Gullit, Frank Rijkaard oder Edgar Davids. Der Sozialwissenschaftler Gijs van Campenhout von der Erasmus-Universität Rotterdam erforscht dieses Thema seit Jahren.

Frank Rijkaard (li.) und Ruud Gullit beim niederländischen Sieg der Fußball-Europameisterschaft 1988. (imago sportfotodienst)Frank Rijkaard (li.) und Ruud Gullit haben surinamische Wurzeln - und prägten den niederländischen Fußball der 80er-Jahre. (imago sportfotodienst)

"Der erste Spieler mit surinamischen Wurzeln in den Niederlanden war in den fünfziger Jahren Humphrey Mijnals, er wurde von Fans und Gegenspielern rassistisch beleidigt. Ein anderes Beispiel: die EM 1996. Ein Foto zeigte das Nationalteam beim Essen. Auf der einen Seite saßen die weißen Spieler, auf der anderen diejenigen mit surinamischen Wurzeln. So begann in den Medien eine Debatte über eine ethnisch bedingte Spaltung."

Marokko sucht Spieler in der Diaspora

Frühere Imperien machen sich die Migrationsgeschichte sportlich zunutze. Die Bewegung geht aber auch in die andere Richtung: Marokko etwa steht im 20. Jahrhundert lange unter spanischer und französischer Kontrolle. Wegen der schlechten Wirtschaftslage ziehen nach der Unabhängigkeit hunderttausende marokkanische Gastarbeiter nach Westeuropa. Gijs van Campenhout, Mitarbeiter des Projekts "Sport and Nation":

"Der marokkanische Fußballverband schaut in der Diaspora nach Spielern mit marokkanischen Eltern oder Großeltern. Von den 23 Spielern des WM-Teams 2018 waren 17 im Ausland geboren worden. Ich bin sicher, dass der Verband mit großem Aufwand eine Spielerdatenbank pflegt."

Große Klubs betreiben Jugendakademien in Brasilien

Rund um die Talentsuche im Fußball ist eine globale Industrie entstanden. Besonders deutlich wird das in der früheren Kolonie Brasilien. Im Großraum Rio de Janeiro betreiben die großen Klubs Jugendakademien mit beachtlicher Infrastruktur. Zu ihren Partnern gehören internationale Marketingfirmen. Dabei mischen häufig Agenten mit, die keine Lizenz haben, erzählt die brasilianische Sportjournalistin Fatima Lacerda.

"Es ist so, dass in Brasilien Portugal ein sehr gutes Ziel ist. Aufgrund der Parallelität der Kultur, der geschichtlichen Verbundenheit, aber vor allem wegen der Sprache. Dann ereignen sich dramatische Situationen, dass die Familien teilweise die ganzen Ersparnisse an diesen nicht registrierten Vermittler abgeben. Der Sohn fliegt zum Beispiel nach Portugal, bleibt zwei bis drei Wochen in diesen Unterkünften, meist bei Zweitligisten. Sie machen mehrere Tests, und dazwischen in Europa schaltet sich ein anderer Vermittler ein, der auch noch Geld möchte."

Für 1000 Dollar im Monat

Im Zeitalter des Kolonialismus stärkt Lateinamerika den europäischen Fortschritt. Über Jahrhunderte liefern Brasilien, Kolumbien oder Peru Eisen, Zucker oder Kaffee. Die Rohstoffe werden in europäischen Fabriken verarbeitet und an europäische Kunden verkauft. Im Fußball setze sich der Kolonialismus nun fort, sagt der brasilianische Sportsoziologe Carlos Henrique Ribeiro. Topklubs aus England und Spanien gehen mit Werbekampagnen auf brasilianische Jugendliche zu. Und bei Partnervereinen sichern sie sich Vorkaufsrechte, im Idealfall für Talente mit einem zweiten, einem europäischen Pass.

"Wir müssen immer noch viele Rohstoffe exportieren, um eine stabile Wirtschaft zu haben. An diesem Grundgedanken hat sich nichts geändert. Wir Brasilianer akzeptieren auch, dass unsere besten Fußballer nach Europa oder nach China gehen. Die allermeisten spielen dort in unteren Ligen, für 1000 oder 2000 Dollar im Monat. Von diesem Geld schicken sie einen Teil an ihre Familien in den Favelas. Das ist Neokolonialismus."

Der Fußballplatz eines Dorfes ohne nennenswerten Rasen und mit einem roh gezimmerten Tor ohne Netz aus Baumstämmen, aufgenommen am 2006 nahe der Stadt Blantyre (Provinz Mphuka) in Malawi. (picture alliance/dpa - Frank May)Malawi - Fußballplatz nahe Blantyre (picture alliance/dpa - Frank May)Denkfabrik Weltspiele – Sport und Kolonialismus Der Sport ist aus der Kolonialgeschichte nicht wegzudenken: Die Besatzer wollten Kultur und ihre Werte wie Zusammenhalt und Disziplin importieren. Später nutzten die "Besetzten" den Sport zur Bildung ihrer eigenen Identität. In dieser Reihe wollen wir Einblicke in die Rolle des Sports während Kolonialzeit bieten – und über sie hinaus.

Sportler verlassen Brasilien, doch Sportler kommen auch nach Brasilien, wie Forschungen von Carlos Ribeiro zeigen. Im Großraum São Paulo haben sich einige Langstreckenläufer aus Afrika niedergelassen, aus Kenia, Äthiopien oder dem Sudan. Sie gewinnen im Land inzwischen fast jeden Marathon. Einen Teil des Preisgeldes schicken sie zu ihren Familien auf der anderen Seite des Ozeans.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk