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StartseiteSport am WochenendeDer US-amerikanische Sport und die indigene Identität07.06.2020

Weltspiele – Sport und Kolonialismus (4)Der US-amerikanische Sport und die indigene Identität

In den USA sind Menschen indigener Herkunft erst seit 1924 gesetzlich anerkannte Bürger, obwohl sie den Kontinent über Jahrtausende geprägt haben. Viele der fünf Millionen Ureinwohner begegnen noch immer Feindseligkeit. Bei der Verbreitung der Klischees spielt der Sport eine beachtliche Rolle.

Von Ronny Blaschke

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Totale des Logos der Washington Redskins im Mittelfeld vor einem NFL-Spiel mit den Washington Redskins auf dem FexEx Field  (picture alliance / Newscom / Brian Villanueva)
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Der Tomahawk Chop. Ein Stadionritual mit Tradition, in Florida, Atlanta oder Kansas City. Fans singen und bewegen ihren Unterarm mit geöffneter Handfläche vor und zurück. Sie simulieren eine Streitaxt, wollen kampfbereit wirken. Rebecca Nagle, Aktivistin der indigenen Cherokee, klärt seit Jahren darüber auf. 

"Es geht um das Skalpieren. Viele Siedler aus Europa haben Ureinwohner ermordet, mit ihrer Kopfhaut als Trophäe. Für viele Amerikaner sind indigene Menschen noch immer ein Relikt, eine primitive, einheitliche Gruppe. Die Namen und Maskottchen vieler Sportvereine bestärken diese rassistischen Stereotype. Das American-Football-Team aus Washington ist das öffentlichste Beispiel."

Junge Indigene fühlen sich entmenschlicht

Die Washington "Redskins", Rothäute. Gegründet 1932, in einer Zeit, in der Behörden Ureinwohner noch in Reservaten festhalten, ihren Besitz beschlagnahmen, ihre Zeremonien verbieten. Erst 1957 erhalten Indigene das uneingeschränkte Wahlrecht. Wie andere Minderheiten leben sie bald mehrheitlich in Städten, gut integriert. Dennoch weisen Symbole des Sports in die Vergangenheit. Ob in Profiligen, Universitäten, Schulen: Hunderte Teams nennen sich "Indianer", "Krieger" oder "Rote Männer". Rebecca Nagle erklärt: "Der aktuelle Alltag indigener Menschen wird selten in den Medien dargestellt. Das hat negative Folgen, vor allem für die Selbstachtung vieler junger Menschen. Sie fühlen sich stigmatisiert und entmenschlicht."

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Seit der Bürgerrechtsbewegung in den 1960er-Jahren formieren sich Proteste dagegen. Von den rund 2.000 rassistischen Sportsymbolen werden mit der Zeit zwei Drittel abgelegt, so der National Congress of American Indians. Die Universität von Miami macht aus den "Rothäuten" die "Roten Falken", die Universität von North Dakota aus den "Kämpfenden Sioux" die "Kämpfenden Falken". Auch exotische Tänze von Cheerleadern und die Gesichtsbemalung von Stadionmusikern verschwinden allmählich.

Während der Präsidentschaft von Barack Obama positionieren sich etliche Politiker gegen den Namen der Washington "Redskins". Das Patentamt entzieht der Marke den Schutz. Trotzdem verweigert der Klub eine Umbenennung, berichtet der Sportreporter David Waldstein von der New York Times. "Teams wie in Washington sagen, dass sie Ureinwohner ehren wollen. Tatsächlich geht es ihnen um den Profit ihrer Marke, um den Verkauf von Lizenzen und Fanartikeln. Eine Namensänderung wäre nicht kompliziert. Die Klubs bringen regelmäßig neue Trikots auf den Markt, die Fans sind an Wechsel gewöhnt."

Karikatur mit roter Haut und großen Zähnen

Laut Studien sind rund drei Viertel der US-Amerikaner gegen eine Umbenennung der "Redskins". Bei anderen Klubs führt die Änderung von Symbolen nicht automatisch zu weniger Vorurteilen über Indigene. Sondern eher zu mehr Frust – gegen Ureinwohner.

Zu spüren bekommt das Douglas Cardinal, ein Architekt indigener Herkunft aus dem kanadischen Ottawa. 2016, vor dem Baseballspiel der Cleveland "Indians" in Toronto, beantragt Cardinal eine Einstweilige Verfügung. Er möchte nicht, dass in Kanada das Logo der "Indians" zu sehen ist, eine Karikatur eines Anführers mit roter Haut. Cardinals Antrag wird abgelehnt, doch vielleicht trägt er dazu bei, dass der Verein seit 2019 auf das Logo verzichtet.

"Die Gesetze machen uns zu Bürgern zweiter Klasse, seit Jahrhunderten. Zu unserer Geschichte gehören Genozid und Landraub. Mir selbst hat man in den 50er-Jahren in Kanada die Ausbildung verweigert, also bin ich nach Texas gezogen. Und heute? Noch immer liegt die Mordrate an indigenen Frauen weit über dem Durschnitt. Leider halten viele Leute dem gesellschaftlichen Druck nicht stand, die Suizidrate unter Indigenen ist hoch. Wir müssen Gesetze ändern, dass so etwas nicht mehr passiert. Die Sportsymbole sind eine weitere Tür, die uns ins Gesicht schlägt."

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Frankreich hatte es als ehemals zweitgrößte Kolonialmacht der Welt vor allem auf den Norden Afrikas abgesehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Dekolonisierung. Der Fußball wurde zu einem wichtigen Mittel der Unabhängigkeitsbewegungen, vor allem in Algerien.

2016 erreichen die Cleveland "Indians" das Baseballfinale. Aktivisten protestieren am Stadion gegen den Vereinsnamen. Hunderte Fans halten dagegen, etliche tragen Schriftzüge des damaligen Präsidentschaftskandidaten, Donald Trump. Der Historiker Philip Deloria von der Harvard-Universität beschäftigt sich seit vielen Jahren mit indigenen Kulturen.

"‚Erzählt uns nicht, wie wir uns verhalten sollen.‘ ‚Erzählt uns nicht, woran wir glauben sollen.‘ Mit dieser Abwehrhaltung stemmen sich viele Trump-Anhänger gegen die vermeintliche ,politische Korrektheit‘. Sie wollen ihre Identifikationssymbole nicht hinterfragen, auch wenn diese rassistisch sind. Es ist ziemlich eindeutig, dass Trumps Regierung keine Unterstützung für indigene Anliegen bietet."

Austausch ohne Vorurteile

Aufklärungskampagnen kommen aber nicht von den Sportverbänden, sondern von den Ureinwohnern selbst, von Museen, Bündnissen, Hochschulen. Ein Beispiel liefert die aktuelle Ausstellung des "National Museum of the American Indian". Darin wird nachgezeichnet, wie Jahrtausende alte Traditionen der Ureinwohner für eine "amerikanische" Identität umgedeutet wurden, für Filme, Werbeanzeigen, Profisport, zum Beispiel für die Washington "Redskins". Der Kurator Paul Chaat Smith von den indigenen Comanche hat an der Ausstellung mitgewirkt.     

"Wenn Football-Fans aus Washington in unsere Ausstellung kommen, dann sind sie für uns nicht pauschal Feinde. Solche Vorurteile würden eine Diskussion unmöglich machen. Es geht uns um Hintergründe. Nicht um eine kollektive Schuld, sondern um eine kollektive Verantwortung."

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Paul Smith hat Verwandte und Bekannte mit Sympathien für Donald Trump, die sich nicht stören am Vereinsnamen "Redskins". Um so wichtiger sei Kommunikation, auch im Sport. Im Bundesstaat Michigan lädt das Infozentrum der indigenen Chippewa regelmäßig auch College-Athleten ein.

Eine Besonderheit bietet in Kansas die Haskell Indian Nations Universität, eine der wenigen Hochschulen ausschließlich für Studierende indigener Herkunft. Ihre Sportler bezeichnen sich als "Kämpfende Indianer", ihr Logo zeigt einen Häuptling mit Federschmuck. Die Sprachwissenschaftlerin Lisa King von der Universität von Tennessee erforscht Ausdrucksformen wie diese.

"Oft wird mit dem Finger darauf gezeigt: ,Wenn sich indigene Sportler in Reservaten als Krieger bezeichnen, sind sie dann nicht rassistisch zu sich selbst?‘ Nein, das ist etwas anderes. Damit gestalten und kontrollieren sie ihr eigenes Bild, verknüpft mit eigenen Werten. Sie haben das Recht, sich selbst zu repräsentieren."

In den US-Profiligen äußern sich wenige Sportler differenziert zum Thema. Einer von ihnen ist Ryan Helsley, Mitglied der indigenen Cherokee. Der Baseballspieler der St. Louis Cardinals bezeichnete 2019 den Tomahawk Chop als "respektlos". Die Solidarität seiner Kollegen hielt sich in Grenzen.         

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