Sport am Wochenende 27.09.2020

Weltspiele – Sport und Kolonialismus (9)Fußball als Protest gegen die doppelte KolonisierungVon Ronny Blaschke

Beitrag hören Einige Fans der Fußballnationalmannschaft von Hongkong halten einen Banner mit der Aufschrift "Hong Kong Unabhängigkeit" hoch. (pa/dpa/AP/Cheung)Einige Fans der Fußballnationalmannschaft von Hongkong halten einen Banner mit der Aufschrift "Hong Kong Unabhängigkeit" hoch. (pa/dpa/AP/Cheung)

Hongkong stand lange unter britischer Herrschaft. 1997 übernahm Peking die Kontrolle, doch bis 2047 sollte die soziale Marktwirtschaft erhalten bleiben. Die politische Freizügigkeit wurde zuletzt allerdings stark zurückgedrängt. Wie hat sich die Hongkong-Identität im Sport bis heute entwickelt?

Für das britische Imperium wird Hongkong ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem wichtigen Stützpunkt für Militär und Warenaustausch. Unter Zwang holen die Kolonisatoren hunderttausende Arbeiter aus dem Kaiserreich China an die südliche Küste. Die Gesellschaft ist getrennt zwischen Besatzern und Besetzten, doch etliche Hongkong-Chinesen begeistern sich bald für den britischen Import Fußball. Sie spielen in Parks oder auf Straßen.

Fans von Hongkong halten ein Banner mit der Aufschrift "Hong Kong ist nicht China" während des Spiels zwischen Hongkong und China bei Ostasiatischen Meisterschaft in Südkorea im Dezember 2019. (AFP) (AFP)Neues "Sicherheitsgesetz" in Hongkong - Weniger Fans und mehr Polizei in Stadien erwartet
Fußballstadien waren in Hongkong in den vergangenen Jahren auch Orte der Opposition: Fans sangen Protestslogans und buhten die chinesische Hymne aus. Doch mit dem sogenannten Sicherheitsgesetz und anderen Verschärfungen ist zu erwarten, dass sich das dramatisch ändert, sagte der in Hongkong lebende Sportsoziologe Tobias Zuser im Dlf.

Über Jahrzehnte bleiben den chinesischen Arbeitern in Hongkong die britischen Sportklubs verschlossen. 1911 gründen sie ihren ersten eigenen Fußballverein: South China. Es ist eine Zeit des Umbruchs. An die Stelle des Kaiserreichs tritt die Republik China. Mit neuen Orten chinesischer Identität, erzählt der Sportsoziologe Tobias Zuser, der in Hongkong forscht:

"Das Interessante ist, wenn man sich die Geschichte von South China weiter ansieht, dass South China sehr rasch einen sehr guten Ruf bekommen hat und dann zum eigentlichen Nationalteam der Republik China aufgestiegen ist. Die Republik China hat South China gebeten, dass sie sie bei regionalen Wettbewerben vertritt. Man muss aber auch verstehen: Damals gab es noch kein Verständnis von einer Hongkonger Identität."

China scheitert gegen eine Kolonie mit Ablaufdatum

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vertritt South China, eine Hongkonger Auswahl, den Fußball der chinesischen Nation. Das ändert sich nach dem Bürgerkrieg in den fünfziger Jahren. Nun beanspruchen zwei Regime die Führung Chinas: Die Volksrepublik auf dem Festland und die Republik in Taiwan. Viele Spieler aus Hongkong lehnen den Kommunismus ab und schließen sich dem Nationalteam Taiwans an. Andere bauen eigene Strukturen auf. Hongkong ist kein unabhängiger Staat, dennoch formiert sich 1954 eine eigene Nationalmannschaft, berichtet Tobias Zuser:

"Die ganze Sache ist in den 1950er Jahren gestartet, als eine Bewegung des Internationalen Olympischen Komitees, das damals angefangen hat, zum einen die Kolonialherrschaft in Asien zu kritisieren und mehr oder weniger dazu aufgerufen hat, dass Kolonien eine eigene Mitgliedschaft bekommen können."

Gruppenbild der Nationalmannschaft (imago images / AFLOSPORT)Das Nationalteam: Ikone von Hongkong (imago images / AFLOSPORT)Ab Mitte der 1960er Jahre initiieren Kommunisten in Hongkong Aufstände gegen das Kolonialregime. Viele Einwohner, die vor der Kulturrevolution aus China geflohen waren, bevorzugen aber die Stabilität des britischen Systems, die relative politische Freizügigkeit. 1984 verabreden Peking und London die Rückgabe Hongkongs an China für 1997. Danach, so der Plan, soll die Stadt für fünfzig Jahre die freie Marktwirtschaft beibehalten: "Ein Land, zwei Systeme." Sechs Monate nach dieser Vereinbarung treffen die Fußballnationalteams der Volksrepublik und Hongkongs in Peking aufeinander. Mit einem Sieg können die Chinesen die Qualifikation für die WM 1986 fast sicherstellen, es wäre ihre erste. Doch sie verlieren 1:2 und scheitern. Tobias Zuser:

"Rund um das Arbeiterstadion befindet sich auch das Botschaftsviertel in unmittelbarer Nähe. Damals sind die Fans in dieses Botschaftsviertel gezogen und haben dort angefangen, Sachen zu demolieren und Autos anzuzünden. Das war eine große Hinterfragung der Legitimität dieses Spiels: Warum man eben gegen eine ablaufende Kolonie daran gehindert wird, bei der Weltmeisterschaft spielen zu können."

Laut Pekinger Staatsmedien werden 127 chinesische Fans festgenommen. Sind die Ausschreitungen ein Ausdruck ihrer Unzufriedenheit mit der Kommunistischen Partei? Lehnen sie den Westen ab? Eine Zeitung in Hongkong zitiert Randalierer mit den Worten:

"Wir holen uns Hongkong bald zurück, Ihr werdet uns nicht mehr länger dominieren."

Regenschirme im Stadion als Zeichen des Protests

Für Politiker und Verbände ist das eine Warnung. Für gut zwei Jahrzehnte sind im Sport Spannungen selten sichtbar. Studien zeigen: Viele Menschen in Hongkong halten wenig von der Kommunistischen Partei in Peking, aber sie identifizieren sich mit der Geschichte Chinas, mit der Kultur, auch mit dem Sport: Zum Beispiel mit dem chinesischen Fußball-Nationalteam bei der WM 2002 oder mit Olympia 2008 in Peking, als Hongkong die Reitwettbewerbe austrägt.

Der chinesische Präsident Xi Jinping und sein senegalesischer Amtskollege Macky Sall nehmen an einer Übergabezeremonie der National Wrestling Arena teil, die mit chinesischer Hilfe in Dakar errichtet wurde (imago / Xinhua) (imago / Xinhua)Weltspiele – Sport und Kolonialismus (6) - China bezahlt Rohstoffe mit Stadien
China hat in Afrika ein verzweigtes Netz an Abhängigkeiten geknüpft. Peking gestattete den Ländern günstige Kredite und sicherte sich langfristig den Zugang zu Öl, Kupfer oder Kobalt. Eine Methode ist auch die sogenannte Stadiondiplomatie, mit der Rohstoffe mit Stadien bezahlt werden.

Das ändert sich 2014. Zehntausende Menschen demonstrieren in Hongkong gegen die politische Einmischung aus Peking. Auch beim Fußball spannen Zuschauer Regenschirme auf, das Symbol der Proteste. Es beginnt eine Zeit der Provokationen, sagt der Journalist Jonathan White von der South China Morning Post, der größten englischsprachigen Zeitung in Hongkong:

"Seit Jahren laufen einige Nationalspieler für Hongkong auf, die nicht in Hongkong oder China geboren wurden. Sie stammen aus Brasilien, Ghana oder Nigeria. Sie haben in Hongkong gelebt und die Nationalität angenommen. Der chinesische Fußballverband hat 2015 ein Poster mit dem Hongkonger Team veröffentlicht. Darauf der Spruch: ,Dieses Team hat Spieler mit schwarzer Haut, gelber Haut und weißer Haut. Nehmt euch vor dieser Vielfalt in Acht.‘"

Abgesperte Sportanlagen in Hongkong (imago images / ZUMA Wire)Erst im Zuge der Coronapandemie sind in Hongkong die Proteste gegen China abgeebbt. (imago images / ZUMA Wire)Für viele Hongkonger ist das: Rassismus. Sie möchten ihrem Frust in der Öffentlichkeit Luft machen und so steigen die Ticketanfragen für die Heimspiele ihres Nationalteams. In der Qualifikation für die WM 2018 treffen Hongkong und China zweimal aufeinander. Vor dem Rückspiel in Hongkong buhen Heimfans die chinesische Hymne aus. Die mitgereisten chinesischen Zuschauer schwenken rote Flaggen. Ähnlich in der asiatischen Champions League, beim Spiel zwischen dem chinesischen Serienmeister Guangzhou Evergrande und dem Hongkonger Klub Eastern: Chinesische Fans bezeichnen ihre Gegner als "Hunde der britischen Kolonialherren", erzählt der Hongkonger Soziologe Lee Chun Wing:

"Vor allem das Nationalteam ist für viele Menschen in Hongkong zu einer Ikone geworden. Bei den Heimspielen konnten sie ihre lokale Identität und ihre Abneigung gegenüber China ausleben. Viele Fans wurden in den Neunziger Jahren geboren, oder noch später. Diese jüngere Generation will sich nicht mehr mit der chinesischen Kultur identifizieren, nicht mit Popsängern und auch nicht mit Sportlern."

Mit Hongkong hat China eine zweite Stimme in der Fifa

Diese jüngere Generation prägt ab 2019 die größten Demonstrationen gegen Peking seit Jahrzehnten, häufig mit Hunderttausenden Teilnehmern. Einige Hongkonger Fußballer solidarisieren sich mit der Bewegung. Erst während der Corona-Pandemie kann der Staat die Zivilgesellschaft zurückdrängen. Neue Gesetze sollen ihren Einfluss massiv beschränken. Mit welchen Folgen für den Hongkonger Fußball? Wird das Nationalteam im chinesischen Verband aufgehen? Der Forscher Lee Chun Wing sagt:

"Wenn Hongkonger Fans auch nach der Pandemie die chinesische Hymne ausbuhen sollten, dann könnten sie festgenommen werden. Andererseits könnte diese Abneigung der Kommunistischen Partei auch helfen: Ihr Nationalismus basiert auf einer Abgrenzung zu inneren und äußeren Feinden. Für China ist es ein Vorteil, dass Hongkong eigene Mitgliedschaften in internationalen Organisationen wie der Fifa hat. So hat Peking praktisch zwei Stimmen bei wichtigen Entscheidungen."

16th June 2019, Old Trafford, Manchester, England; ICC World Cup Cricket, India versus Pakistan; Fakhar Zaman of Pakistan plays a sweep shot PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxSWExNORxDENxFINxONLY ActionPlus12144781 AlanxMartin   (imago images / Action Plus) (imago images / Action Plus)Weltspiele – Sport und Kolonialismus (8) - Wie Indien und Pakistan ihre Rivalität im Kricket austragen
Kriege, Terror, religiöse Spannungen: Seit mehr als siebzig Jahren schwelt zwischen Indien und Pakistan ein Konflikt mit globalen Folgen. Deutlich wird das auch im Nationalsport, der einst von der britischen Kolonialmacht importiert wurde: Kricket.

Im Oktober 2019 solidarisiert sich der Basketballmanager Daryl Morey von den Houston Rockets auf Twitter mit den Demonstranten in Hongkong. Daraufhin brechen der chinesische Basketballverband und mehrere Sponsoren den Kontakt zur NBA vorübergehend ab. Seitdem äußern sich kaum noch westliche Sportler zu Hongkong. Ähnlich wie Fluglinien, Hotelketten oder Filmstudios: Sie wollen den größten Markt der Welt nicht verlieren.

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