Sonntag, 09.08.2020
 
Seit 17:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKultur heute"Musik lässt Vielfalt erleben"21.06.2019

Welttag der Musik"Musik lässt Vielfalt erleben"

Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrates spricht sich im Dlf gegen Rassismus und Antisemitismus aus: "Musik machen und Haltung zeigen ist besser." Mit Blick auf die AfD kritisierte er Pläne, in Inhalte von Theatern oder Musikprogrammen einzugreifen.

Christian Höppner im Gespräch mit Anja Reinhardt

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrates und Präsident des Deutschen Kulturrates a. D. in der Akademie der Künste 2018, mit dem Brandenburger Tor im Hintergrund (Christoph Soeder/dpa/picture alliance)
Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrates (Christoph Soeder/dpa/picture alliance)
Mehr zum Thema

Schulmeistrat (MIZ) "Grundlage, um die akuten Problemfelder anzugehen"

50 Jahre Bundesjugendorchester "Wie eine zweite Familie"

Musikunterricht an Schulen "Musische Erziehung ist keine Privatangelegenheit"

Vor zehn Jahren fand der erste Tag der Musik statt, dieses Jahr zum ersten Mal am 21. Juni, zeitgleich mit dem Fete de la musique in Frankreich – und dieser 21. Juni soll nun ein festes Datum werden, sich so vielleicht auch besser im Gedächtnis verankern. Denn das Motto 2019 lautet: Musik machen – Haltung zeigen. Ein Zeichen für kulturelle Vielfalt in Deutschland und in Europa. Was das genau heißen soll, darüber habe ich vor der Sendung mit dem Generalsekretär des Deutschen Musikrates, Christian Höppner, gesprochen. Und ihn gefragt: Musik machen – Haltung zeigen - Zusammenhalt. Europa. Vielfalt - das hört sich alles wunderbar an. Ist das mehr als gut gemeint?

Musik machen und Haltung zeigen

Christian Höppner: Na, das will ich hoffen, denn wir haben ja insgesamt 14 Millionen Menschen in unserem Land, die musizieren und die wollen wir noch stärker einbringen auch in die aktuelle Debatte, die wir haben in unserer Gesellschaft und meinen, dass Musik machen ne gute Sache ist, aber Musik machen und Haltung zeigen ist noch besser. Und vor allen Dingen notwendig angesichts dessen, was in unserer Gesellschaft passiert. Deshalb wollen wir ein klares Statement setzen gegen Rassismus und Antisemitismus. Das ist notwendiger denn je.

Anja Reinhardt: Ja, sprechen wir doch mal über Antisemitismus über Rassismus, über Spaltung in der Gesellschaft. Der Tag der Musik soll genau das Gegenteil bewirken, nämlich Zusammenhalt. Was kann die Musik denn da bewirken?

Höppner: Musik ist von den Künsten diejenige, die den Menschen am umfänglichsten und tiefsten in seinem ganzen Wesen erreichen kann. Allerdings birgt es auch die Chance, dass sie immer auch zur Manipulation benutzt wird, wenn ich an die rechtsradikale Musik denke. Da wird also aufgehetzt und da werden genau diese Verbindungen, die Musik auch leisten kann, wird eben genau ins Gegenteil verkehrt. Wir müssen deutlicher, wir müssen lauter werden, in dem Eintreten für die Grundwerte, die in unserer Verfassung niedergelegt sind.

Erleben der Vielfalt

Reinhardt: Wer ins Konzert geht oder selbst ein Instrument spielt, der weiß, dass Orchester heute fast ausschließlich international besetzt sind. Wie kann man denn diese Internationalität zum Beispiel, diese kulturelle Vielfalt im Sozialen vermitteln?

Höppner: Durch Erleben. Das ist unsere Forderung. Die ist ja vorhanden. Die war auch schon immer vorhanden. Es gibt keine Abgrenzung der Kulturen. Das ist der große Irrtum, den so manche politische Partei, eine in unserer Parteienlandschaft erliegt. Kultur ist gar nicht abgrenzbar. Das geht nur in totalitären Systemen. Ansonsten begegnen sich die Kulturen. Und dafür braucht´s aber das Erleben dieser Vielfalt von Anfang an. Und da ist die Musik ein hervorragendes Medium. Das richtet sich natürlich vor allem auch an die Bildungspolitik in unserem Land, die eine große Diskrepanz zwischen Sonntagsreden und Montagshandeln hat. Wenn ich mir vorstelle, dass immer noch hunderttausend Schüler und Schüler auf den Wartlisten der kommunalen Musikschulen stehen oder dass bis zu 80% des Musikunterrichts in der Schule ausfällt.

Musik muss genauso Hauptfach sein in der Schule sein oder im Kindergarten, in der Früherziehung, in der Kindertagesstätte wie alle anderen Fächer auch wie Rechnen, Schreiben, Lesen und er Sport - ganz wichtig - eben auch.

Die AfD will in Inhalte eingreifen

Reinhardt: Ich möchte kurz aufgreifen, was sie eben zwischen den Zeilen gesagt haben. Haben sie den Eindruck, dass die kulturelle Vielfalt, und auch die Vielfalt der Musik durch die AfD bedroht ist?

Höppner: Ja! Die AfD hat - glaube ich - wie keine andere Partei  erkannt, dass Kultur ein ganz wichtiges Medium ist, um ihre Botschaften über die Rampe zu bringen. Es gibt gerade auf der kommunalen Ebene eine ganze Reihe von Beispielen, die zeigen, dass die AfD in Inhalte eingreifen will, indem sie bestimmte Vorstellungen hat wie was stattzufinden hat, ob das nun im Theater ist oder auch in Musikprogrammen. Und da sagen wir, die Kunstfreiheit ist ein Verfassungsgebot. Die ist unabdingbar. Die ist konstitutionell für unsere Demokratie. Politik muss sich um die Rahmenbedingungen kümmern, darf aber nicht in Inhalte eingreifen. Und diese Grneze hat die AfD vielfach auf kommunaler Ebene, aber auch, wenn ich an manche Bundestagsdebatte denke, eben auch auf Landes- und auf der Bundesebene überschritten.

Kulturaustausch statt Boykott

Reinhardt: Wenn wir darüber reden, dass man mit Musik eine Haltung zeigen kann, dürfen dann so viele staatlich und kommunal finanzierte Orchester nach China reisen, wo es tolle neue Konzertsäle gibt, keine Frage, aber wo die Menschenrechte nicht ganz so viel zählen?

Höppner: Ich halte überhaupt nichts davon, mit einem Boykott im Kulturaustausch, Zustände, die wir mit recht kritisieren in anderen Ländern, zu reagieren, sondern ich finde, es muss geredet werden, es muss der Dialog da sein. Es ist gerade die Musik und auch die anderen Kunstformen sind essentiell im Austausch. Es ist ja immer ein beidseitiger Prozess. Dann ist das ein ganz, ganz wichtiger Teil auch unserer Auswärtigen Bildungs- und Kulturpolitik, die ja keine Einbahnstraße ist.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk