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StartseiteUmwelt und VerbraucherEine Million Tote durch verschmutztes Trinkwasser22.03.2017

WeltwassertagEine Million Tote durch verschmutztes Trinkwasser

Abwasser als Ressource nutzen - angesichts übermäßiger Wasserentnahme, Verschmutzung und dem Klimawandel gibt es kaum andere Möglichkeiten, so das Fazit des UNESCO-Berichts des World Water Assessment-Programms. Wasser-Recycling sollte demnach nicht nur in armen Regionen erfolgen, sondern weltweit.

Von Suzanne Krause

Wärmegewinnung aus dem Belebungsbecken des Entsorgungsverbands Saar.  (imago/Becker&Bredel)
Aus Wasser auch noch Wärme gewinnen: Wie hier in einem Becken des Entsorgungsverbandes Saar. (imago/Becker&Bredel)
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Länder mit hohem Pro-Kopf-Einkommen behandeln im Schnitt etwa 70 Prozent ihres kommunalen und industriellen Abwassers. In Ländern mit geringem Einkommen sind es dagegen gerade einmal acht Prozent.

So steht es im Wasserbericht der Vereinten Nationen. Experten gehen davon aus, dass weltweit mehr als 80 Prozent des Abwassers unbehandelt abgeleitet werden. Das Schlimmste sind dabei übrigens nicht die Schadstoffe aus Industrie oder Bergbau, sondern die hohen Dosen Nährstoffrückstände aus der Landwirtschaft, die ins Meer gelangen. Das lässt Algen wuchern und das marine Ökosystem umkippen.

360.000 Kinder unter fünf Jahren sterben pro Jahr

Zudem seien dreckiges Trinkwasser und schlechte Abwasserentsorgung alleine im Jahr 2012 Ursache gewesen für knapp eine Million Tote, sagt Stefan Uhlenbrook, Koordinator beim World Water Assessment Programme:

"Wenn wir Kinder unter fünf Jahren nehmen, dann wurde geschätzt, dass 360.000 Kinder jährlich sterben, allein wegen schlechtem Wasser, allein wegen schlechter Hygiene. Das bedeutet, dass jeden Tag drei, vier Flugzeuge voll besetzt mit Kindern unter fünf Jahren abstürzen. Jeden Tag! Allein durch Krankheiten, die wir eigentlich leicht managen könnten."

Wasser-Recycling: Gewinnung von Nährstoffen, Energie und Frischwasser

Mangelnde Behandlung von Abwasser führt gleichfalls zu einer Verschwendung von Ressourcen, erläutert Richard Connor, Autor des UN-Wasserberichts:

"Geklärtes Abwasser lässt sich wiederverwenden. Dazu können wir im Klärwerk Nährstoffe als Dünger gewinnen. Sowie Energie: Biogas aus dem Klärschlamm, für den Betrieb der Anlage. Das kommunale Klärwerk im schwedischen Stockholm produziert gar so viel Biogas, dass damit die städtischen Busse und Taxen betankt werden."

Deckung von 22 Prozent der globalen Phosphorressourcen durch Re-Use

Aus Abwasser lässt sich unter anderem Phosphor herausfiltern: eine wertvolle Ressource. Nur wenige Länder haben bedeutende natürliche Phosphorlager, sagt Stefan Uhlenbrook.

"60 Prozent des Phosphors, das wir ausscheiden, ist in unserem Urin. Wenn wir das wiederverwenden würden, könnten wir 22 Prozent der globalen Phosphorressourcen einfach dadurch decken. Das heißt, wir müssen mehr in dieses Wiedergebrauch, Re-Use, Recycle einsteigen, um nachhaltig zu wirtschaften."

Abwasser ist kein Abfall, sondern Ressource

In der Schweiz ist heute vorgegeben, dass ein Teil des ausgebrachten Düngers aus in Kläranlagen gewonnenem Phosphor stammen muss. Eine vorbildhafte Regelung für die Verantwortlichen des Wasserberichts: Solche staatlichen Auflagen tragen dazu bei, Abwasser nicht mehr als Abfall, sondern als Ressource zu sehen.

Deutsche Forscher und Industrie arbeiten seit Jahren an Techniken und Technologien für umfassendes Wassermanagement, Kreislaufwirtschaft.

Die TU Darmstadt zum Beispiel entwickelte einen integrierten Ansatz, der in einer Hotelanlage im chinesischen Qingdao umgesetzt wird. Im 'Semizentral Resource Recovery Center' wird Abwasser aus unterschiedlichen Quellen zur Wiederverwertung aufbereitet und Strom für den Anlagenbetrieb erzeugt.

"Morgens Tee, nachmittags Pipi und abends Wasser zum Rasieren"

Entwicklungsländer können von solchen Hightech-Systemen aber vorerst wohl nur träumen, sagt Experte Richard Connor:

"Starten müssen wir dort mit einfachen Systemen, die existieren und die wenig Energie kosten, wie Klärtanks, künstliche Sickeranlagen -  ortsangepasste Lösungen. Nach und nach werden wir dann die Systeme so ausbauen, dass kein Abwasser mehr unbehandelt in der Umwelt landet."

Manch einer empfindet beim Gedanken an eine komplette Abwasser-Wiederbereitung Unbehagen. Da zitiert der Autor des UN-Wasserberichts Richard Connor ein Paradebeispiel.

"Das Ekelgefühl, das müssen wir uns abschminken. In der Internationalen Raumstation wird immer wieder dasselbe Wasser genutzt: Morgens ist es Tee, nachmittags Pipi und abends Wasser zum Rasieren.""

Der Tenor im UN-Bericht ist eindeutig : Abwasser als Ressource zu nutzen sei, angesichts übermäßiger Wasserentnahme, Verschmutzung und Klimawandel schlicht alternativlos.

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