Sonntag, 26. Juni 2022

Weltwirtschaftsforum
Eine Fassade des Wohlwollens

Ob Klimawandel oder geopolitische Risiken: Probleme würden in Davos nicht gelöst, kommentiert Michael Watzke. Das wäre auch zu viel verlangt. Allerdings müsse das Weltwirtschaftsforum seine Teilnehmer stärker an ihren Taten messen - sonst sei der Gipfel nicht mehr als ein Greenwashing-Festival.

Ein Kommentar von Michael Watzke | 22.05.2022

Blick auf Gäste des 51.Weltwirtschaftsforums in Davos.
Hauptsache miteinander reden, im Gespräch bleiben. Am Mantra des Weltwirtschaftsforums sei nichts falsch, so Michael Watzke. „Aber wenn man in diesen Gesprächen seine eigenen Wertmaßstäbe verschweigt oder gar über den Haufen wirft, nur um große Deals abzuschließen und Geschäfte zu machen, dann geht Vertrauen verloren.“ (picture alliance/KEYSTONE)
Das „Russland-Haus“ – so hieß viele Jahre lang eines der schönsten Gebäude in Davos, an der teuren Promenade Nummer 68. Ein Walser-Haus von 1879 mit Schmuckgiebel und Holzbalkon, das alljährlich während des Weltwirtschaftsforums, kurz WEF, zur feinsten Adresse im ganzen Davoser Tal wurde. Über und über geschmückt mit weiß-blau-roten Flaggen und dem russischen Adler. Zuletzt im Januar 2020, kurz vor Corona. Da hieß es, die wildesten Partys und die größten Deals gingen im Russia House über die Bühne. Im Internet ist das Russland-Haus immer noch vertreten mit einer eigenen Homepage und dem erstaunlichen Slogan: „The Russia House – Building trust“.

Jahrelang nur geringes Hinterfragen Russlands

Vertrauen bilden konnte das Russland-Haus nie – es wirkte schon damals, nach der Krim-Invasion, wie das Spukschloss eines bösen Zauberers, das mit seinem Luxus Investoren locken wollte wie das Hexenhaus aus Hänsel und Gretel ahnungslose Kinder mit Lebkuchen. Davos hat jahrelang mitgespielt, hat das Russland-Haus zu einem der Zentren des Weltwirtschafts-Forums werden und sich von russischen Banken und Energiefirmen mitfinanzieren lassen. Das WEF und mit ihm fast die gesamte Weltwirtschaft wollte nicht so genau wissen, auf welchen Fundamenten das Russland-Haus gebaut war, welche Werte Moskau vertrat. Man schätzte die Russen als spendable Verhandlungspartner und zuverlässige Lieferanten von Öl, Gas und Rohstoffen. 

Damit ist es jetzt vorbei. Der alte WEF-Gründer Klaus Schwab, der sich jahrzehntelang regelmäßig mit Putin traf und ihn während des Forums auch hofierte, hat Davos für Russen quasi sperren lassen. Auf der offiziellen Gästeliste steht nicht ein einziger Teilnehmer aus Moskau. Eine unvermeidliche und sehr späte Entscheidung.

Auch Despoten und Oligarchen waren einst willkommen

Schwabs Hauptaugenmerk lag immer darauf, Davos mit Bedeutung aufzuladen, es wichtig erscheinen zu lassen. Der 86-Jährige benutzt besonders gern wohlklingende Begriffe wie „purpose“ oder „Stakeholder-Kapitalismus“, wenn er die internationale Wirtschaftselite begrüßt. Aber zu häufig bemaß sich die Bedeutung von Davos an der Gästeliste und nicht an gemeinsamen Werten und Zielen. Schwab wollte sie alle dabeihaben – auch die Despoten und Oligarchen aus Russland und China. Und wenn sich der frühere US-Präsident Trump anmeldete, dann huldigte Schwab ihm so unterwürfig und unkritisch, dass Beobachter im Davoser Kongresszentrum hinterher eine Schleimspur erkennen wollten. Schwabs Mantra war: Hauptsache miteinander reden, im Gespräch bleiben. Daran ist nichts falsch. Aber wenn man in diesen Gesprächen seine eigenen Wertmaßstäbe verschweigt oder gar über den Haufen wirft, nur um große Deals abzuschließen und Geschäfte zu machen, dann geht Vertrauen verloren.

Dieses Vertrauen beschwört Klaus Schwab mit seinem Weltwirtschaftsforum nun wieder. Die Menschen fragten sich, wem sie noch vertrauen könnten. Es gehe nicht um re-shoring, sondern um truth-shoring. Also nicht darum, Lieferketten und Handelsbeziehungen abzubrechen oder heimzuholen, sondern sie auf Zuverlässigkeit, Vertrauen und gemeinsame Werte abzuklopfen.

Das sind schön griffig formulierte Sätze – darin war Davos immer groß. Probleme – ob Klimawandel, Cyber Security oder geopolitische Risiken – wurden und werden hier oben in 1.500 Metern Höhe zwischen den Alpengipfeln ausführlich benannt und diskutiert. Gelöst wurden sie nicht – das wäre auch zu viel verlangt von einem Gesprächsforum. Allerdings darf man sich vom WEF mehr Verbindlichkeit wünschen. Davos muss seine Teilnehmer stärker an ihren Taten messen, weniger an ihren Ankündigungen und teuren Präsentationen. Sonst ist der Gipfel zwischen den Gipfeln nicht mehr als ein Greenwashing-Festival. Eine Fassade des Wohlwollens, hinter der alles beim Alten bleibt. Personifiziert durch Klaus Schwab, den 86-jährigen Deutsch-Schweizer.

Das Russland-Haus gibt es übrigens immer noch - an derselben Stelle in der Promenade 86 in Davos. Aber dieses Jahr ist es das „Haus der russischen Kriegsverbrechen“. Ein ukrainischer Oligarch hat das Gebäude gemietet und eine Ausstellung mit Bildern der Invasion seines Heimatlandes eröffnet. Partys werden hier dieses Jahr nicht gefeiert.
Michael Watzke 
Michael Watzke, geboren 1973 in Remscheid, absolvierte die Deutsche Journalistenschule. Er studierte Politik und Soziologie in München und Washington DC. Nach Stationen bei SZ und BILD arbeitete er als Chefreporter für Antenne Bayern. 2003 gewann er den Axel-Springer-Preis. Danach Ausbildung an der Drehbuch-Werkstatt der HFF München. Als Autor des TV-Dramas "Das letzte Stück Himmel" (Regie: Jo Baier) erhielt er den Robert-Geisendörfer-Preis und war für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Arbeit als Regisseur und Produzent. Seit 2010 berichtet er für Deutschlandradio als Bayern-Korrespondent aus München.