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StartseiteCampus & KarriereWenig Schutz für Forschungsreaktor der Uni Mainz26.06.2012

Wenig Schutz für Forschungsreaktor der Uni Mainz

Sicherheitsexperten untersuchen mögliche Gefahren

Für Atomkraftwerke gelten harsche Sicherheitsbestimmungen - ihre Hüllen müssen Flugzeugabstürzen und Erdbeben trotzen. Der Forschungsreaktor mitten auf dem Campus der Uni Mainz würde solchen Unglücken nicht standhalten - dem Mini-AKW droht jetzt die Stilllegung.

Von Ludger Fittkau

Vor dem Aus: der Forschungsreaktor der Universität Mainz. (picture alliance / dpa - Frank Rumpenhorst)
Vor dem Aus: der Forschungsreaktor der Universität Mainz. (picture alliance / dpa - Frank Rumpenhorst)

"Wir hatten gerade vor wenigen Tagen ein Erdbeben, das bei 5,6 auf der Richterskala gelegen hat und das zeigt die Erdbebenspalte entlang des Rheingrabens, diese seismische Aktivität ist nach wie vor nicht zu unterschätzen."

Das sagte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck vor einem Jahr kurz nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima. Das gilt auch heute, meint die Reaktorsicherheitskommission – kurz RSK. Das ist ein Expertengremium, das die Bundesregierung in Fragen der Sicherheit von Atomanlagen berät. Nach dem Reaktorunfall in Fukushima im vergangenen Jahr bekam die Kommission den Auftrag, alle deutschen Atomanlagen auf ihre Sicherheit hin zu überprüfen. Dazu gehören auch drei Forschungsreaktoren in Berlin-Wannsee, München-Garching und der mit Abstand kleinste auf dem Campus der Uni Mainz. Der Bericht liegt nun vor und zeigt: Nur der Reaktor in München-Garching ist vor Flugzeugabstürzen gesichert, in Berlin und auf beim Reaktor auf dem Uni-Campus Mainz fehlt eine schützende Kuppel.

Der Reaktorkern mit den Brennelementen ist lediglich durch eine schlichte rechteckige Betonhalle geschützt. Gabriele Hampel, Betriebsleiterin des Mainzer Forschungsreaktors glaubt allerdings, dass ein Einsturz der Betondecke den Brennelementebehälter aus Metall nicht völlig zerstören könnte und dass Brüche der rund 70 Brennelemente eher unwahrscheinlich sind. Die Wahrscheinlichkeit eines Flugzeugabsturzes auf das Gebäude hält Gabriele Hampel ohnehin für sehr gering:

"Wenn also ein Flugzeug hier auf den Reaktor abstürzen würde und sie gucken sich das Gelände der Universität an, es ist nicht so leicht da zu treffen, sage ich mal. Punkt Eins. Punkt Zwei ist: Der Reaktor ist so sicher ausgelegt, dass selbst wenn hier durch ein Flugzeug die Strukturen zerstört wären, wären trotzdem die Auswirkungen gering. Das heißt, es würden keine Evakuierungsmaßnahmen der Bevölkerung in Mainz erforderlich werden."

Außerhalb eines Radius von 250 Metern seien die Folgen einer solchen Katastrophe überschaubar – auch der Austritt von Radioaktivität sei dann nicht mehr problematisch, weil der Mainzer Reaktor so klein sei, so die Betriebsleiterin. Aber: Innerhalb der problematischen Zone liegen mehrere Studierendenwohnheime und Seminargebäude der Uni. Das für Reaktorsicherheit zuständige Mainzer Wirtschaftsministerium hat nun den TÜV Rheinland beauftragt, das Katastrophenszenario von Uni-Reaktorchefin Gabriele Hampel noch einmal zu überprüfen. Nachträglich eine flugzeugabsturzsichere Betonkuppel als Schutz für den viel genutzten Forschungsreaktor zu bauen, sei technisch und finanziell jedoch nicht möglich, glaubt Gottfried Wirtz, der Reaktorsicherheitsexperte der Mainzer Landesregierung. Er setzt im Katastrophenfall darauf, die Notmaßnahmen von der mehr als einen Kilometer vom Reaktor entfernten Uniklinik koordinieren zu lassen:

"Ja, es besteht ja eine räumliche Trennung von der Uniklinik mit den Strahlenschutzärzten und der Universität. Und in einem solchen Falle, ein hypothetischer Fall, könnte dann die Versorgung der Beschädigten von der Klinik übernommen werden."

An der grundsätzlichen Problematik fehlender Sicherheit bei den drei deutschen Forschungsreaktoren ändert das nichts, gibt Wolfgang Liebert zu bedenken. Er ist Physiker und beschäftigt sich an der TU Darmstadt in der interdisziplinären Arbeitsgruppe Naturwissenschaft, Technik und Sicherheit – kurz IANUS genannt - schon länger mit den Forschungsreaktoren:

"Ja, das ist das Problem. Die Reaktoren, insbesondere die alten Forschungsreaktoren sind nicht ausgelegt gegen Flugzeugabstürze. Das bestätigen die Gutachter und im Grunde auch die RSK. Die Frage ist nur, was für Konsequenzen sind daraus zu ziehen."

Verbesserte Notfallpläne ändern nichts daran, dass durch die neue Landebahn am Frankfurter Flughafen die Flugbewegungen über Mainz in den letzten Monaten stark zugenommen haben - auch über Uni-Gebäuden. Wegen der Erhöhung des Risikos rät der Sicherheitsexperte Wolfgang Liebert von der Nachbar-Uni TU Darmstadt seinen Mainzer Kollegen darüber nachzudenken, den alten, nicht gegen Flugzeugabstürze gesicherten Forschungsreaktor jetzt stillzulegen. Das gelte auch für den Forschungsreaktor Berlin-Wannsee, wenn der neue Hauptstadtflughafen in Betrieb gehe, so Liebert:

"Erhöhung des Risikos heißt mehr Flugbewegungen, die dann aber auch in der Nähe der Anlage auftreten müssten. Und wenn ich das so bei Frankfurt beobachte, hier in der Region sieht man ja deutlich, es gibt nicht nur Hauptflugrouten, sondern es gibt viele Flugrouten und alle möglichen Routen werden mal eingeschlagen. Und ich kann mir das eigentlich bei Schönefeld in Berlin ähnlich vorstellen."

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