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StartseiteUmwelt und VerbraucherSchiffe an die Steckdose14.11.2019

Weniger SchadstoffausstoßSchiffe an die Steckdose

Wenn Schiffe in Häfen vor Anker gehen, stoßen ihre Dieselaggregate eine Menge Abgase aus - für Anwohner oft schwer zu ertragen. Hamburg und Schleswig-Holstein wollen jetzt, dass Schiffe während der Liegezeiten an die Steckdose müssen.

Von Julia Weigelt

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Ein Servicetechniker an Bord des Kreuzfahrtschiffs «Aidasol» nimmt die Starkstromleitungen der Landstromanlage am Cruise Center Altona für ein Stromverbindung an Bord. Durch die Stromversorgung von Schiffen während ihrer Liegezeiten im Hafen soll die Umweltbelastung durch Schiffsdiesel gesenkt werden.  (picture alliance/ dpa)
Ein Techniker untersucht die Starkstromleitungen am Cruise Center Altona (picture alliance/ dpa)
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"Die Bundesregierung wird gebeten, Regelungen zur Einführung einer Landstrompflicht für Seeschiffe zu erarbeiten."
Was hier so freundlich klingt, hat es in sich. Denn mit Tagesordnungspunkt 35 der Umweltministerkonferenz von Bund und Ländern erhöht Hamburg den Druck auf Reeder.

Schon vor einem Monat hatte Hamburgs Senat angekündigt, 76 Millionen Euro für zehn neue Riesen-Steckdosen in seinem Hafen auszugeben. Die sollen Container- und Kreuzfahrtschiffe nutzen - ab 2022 im Probebetrieb, ein Jahr später dann regulär, erklärte Bürgermeister Peter Tschentscher von der SPD im Oktober: "Der Hamburger Hafen will den Landstrom, und wir fordern alle dazu auf, diese Entwicklung mitzugehen."

Betroffen wären davon nur wenige Schiffe 

Allerdings: Auch mit den neuen Steckdosen werden laut Tschentscher jährlich nur 300 Schiffe Landstrom nutzen. Wenn man diese Zahl zugrunde legt, wären das vier Prozent der insgesamt 8000 Schiffe, die Hamburg jährlich anlaufen.

Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan von den Grünen begrüßt die Millioneninvestition zwar, stellt aber gleichzeitig klar:

"Ab einem bestimmten Punkt, wenn wir fertig sind, muss es dann aber auch so sein, dass dieser Landstrom von den Schiffen auch wirklich genutzt wird und dann eine Verpflichtung eingeführt wird."

Dem stimmt Malte Siegert vom NABU Hamburg zu: "Es nutzt nichts, einfach Landstromanlagen hinzustellen und die Abnahme am Ende nicht verbindlich zu machen. Das erzeugt keine Wirkung. Denn so lange die Erzeugung von Strom an Bord deutlich günstiger ist, wird kein Unternehmer sagen: So, ich nehme jetzt mal Landstrom ab."

Fünf bis zehn Cent pro Kilowattstunde kostet die Stromerzeugung mit dem Schiffsdiesel laut Siegert, während Landstrom wegen Steuern und Abgaben mit 30 Cent zu Buche schlägt. Der Bund prüft deswegen Rabatte bei der Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz.

Hamburg käme seinen Klimazielen näher

Eine Landstrompflicht würde Hamburg helfen, seine Klimaziele zu erreichen. Bis 2030 will die Stadt ihre CO2-Emissionen um 55 Prozent im Vergleich zu 1990 senken. Aber es geht auch um die gesundheitsschädlichen Stickoxide, sagt Malte Siegert. 70 Prozent stammen in Hamburg demnach von Containerschiffen.

Weil Stickoxide sich in der Atmosphäre zu Feinstaub verwandelten, könnten sie vom Wind bis zu 400 Kilometer weit geweht werden - also bis zur polnischen Grenze, sagt der NABU-Sprecher. Deswegen reiche die Verantwortung von Häfen weit über die Stadtgrenzen hinaus.

"Insofern ist eine Initiative prinzipiell, zu sagen, wir wollen eine Landstrompflicht, super. Nur: Es darf nicht nur eine Worthülse bleiben, es muss dann am Ende des Weges auch gemacht werden.

Inwieweit sich die Mitglieder des rot-grünen Hamburger Senats allerdings einig sind, ist fraglich. Denn auf den Landstrom-Antrag des grünen Umweltsenators angesprochen, reagiert die Hamburger Wirtschaftsbehörde, zu der auch die Hafenverwaltung gehört, verhalten. Ein Interview wolle man nicht geben.

Eine Behördensprecherin weist allerdings auf einen Senatsbeschluss zur geplanten Landstrom-Investition vom Oktober hin. Die Beschlusslage des Senats sei eindeutig, von einer Landstrompflicht sei darin nicht die Rede.

Politisch vorerst schwer durchzusetzen 

Das dürfte den Verband deutscher Reeder mit Sitz in Hamburg freuen. Der Verband begrüßte die Verbreitung von Landstromanlagen zwar, hat jedoch eigene Vorstellungen von deren Nutzung. So sei Landstrom eher für Linienschiffe wie Fähren geeignet, teilte Präsidiumsmitglied Ralf Nagel mit. Containerschiffe dagegen machten an unterschiedlichen Liegeplätzen fest oder müssten während der Be- und Entladung bewegt werden. Dafür brauche es flexible Landstromanlagen, deren Bau die Möglichkeiten von Häfen und vielen Schiffe übersteige.

Trotzdem rüsten Reedereien manche Schiffe auf Landstrom um. Bei Hapag-Lloyd sind es nach eigenen Angaben bislang 23. Wie ein Sprecher mitteilte, sind diese Schiffe vor allem in kalifornischen Gewässern unterwegs. Denn da gibt es eine Landstrompflicht.

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