Freitag, 22.10.2021
 
Seit 16:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKultur heuteWenn der Postmann klingelt08.01.2009

Wenn der Postmann klingelt

Christian Petzolds "Jerichow" kommt in die Kinos

Es ist die deutsche Variante des Krimis "Wenn der Postmann zweimal klingelt” - eine Dreiecksgeschichte mitten in der ostdeutschen Ödnis. Christian Petzolds Kinofilm "Jerichow” erzählt von der verzweifelte Suche nach Geld und Glück, von längst vergangener sexueller Leidenschaft und der kalten Gier nach Geld im Niemandsland der so gar nicht blühen wollenden Landschaften des Ostens.

Von Josef Schnelle

Christian Petzold bringt seinen neuen Film in die Kinos: ""Jerichow". (AP)
Christian Petzold bringt seinen neuen Film in die Kinos: ""Jerichow". (AP)

Ali: "Entschuldigung haben Sie einen Moment Zeit? - Der Drecksbulle hat mich erwischt. Mittwoch Abend. 1,9 Promille. Das heißt: ein Jahr Führerschein weg.”"

Thomas: ""Und?”"

Ali: ""Mir gehören 45 Imbissstuben hier im Umkreis. Ich fahr die täglich ab. Mach die Bestellungen, liefere. Hole die Tageseinnahmen. Und jetzt brauche ich jemanden der mich fährt."

Das Wichtige passiert stets am Rand der Bilder, außerhalb der Tiefenschärfe, dort wo die Ereignisse gar nicht mehr von einem Regisseur inszeniert erscheinen. In der eben gehörten Szene etwa bietet der Imbissbuden-Betreiber Ali dem Exsoldaten Thomas einen Job an. Draußen vor dem Haus seiner Großmutter, das er im kalten Nordosten unseres Landes bezogen hat, aber geschieht etwas ganz anderes. Laura, die kühle Blonde Frau des offenbar erfolgreichen Unternehmers, vertreibt sich die Zeit des Wartens, in dem sie sich einfach in die Kinderschaukel setzt. Schön und Verführerisch.

Ein Männertraum. Einen flüchtigen Blick nur gönnt der Held der Geschichte seiner zukünftigen Schicksalspartnerin. Er könnte sie kurz darauf ganz vergessen haben. Später sehen wir Laura wie sie den Lieferwagen des kleinen Unternehmens, den Thomas fahren wird, belädt.

Regisseur Christian Petzold leistet es sich fast einen halben Film lang, Nina Hoss, seine "Femme Fatale” außerhalb des Fokus herumtanzen zu lassen und doch ist gleich klar, dass zwischen dem proletarisch gestählten Rätselmann Thomas, der aus irgendeinem Krieg kommt, und der Gefährtin Alis sich immer mehr sexuelle Anziehung aufbaut.

"Jerichow” so heißt der Ort in dem die Geschichte spielt. Der Film ist aber eine deutsche Variante des Krimis "Wenn der Postmann zweimal klingelt” von James M. Cain, der vom Ausbruch der Leidenschaft inmitten von Herr-Knecht-Verhältnissen erzählt.

Laura: ""Siehste, sagste gar nichts mehr. Ist immer dasselbe. Da schweigen dann irgendwann die Retter und wissen nicht weiter.” "

Thomas: ""Hör auf son scheiß zu reden.”"

Laura: ""Wenn's nichts kostet, dann seid ihr alle ganz große Helden.” "

Thomas: ""Hör auf! - Ich liebe dich, Laura.”"

Luchino Visconti hatte den Stoff in "Ossessione” 1943 schon zum Meisterwerk verarbeitet und Jack Nicholson spielte in der Neuversion des Stoffes von Bob Rafelson 1981 den vierschrötigen Mann, der von seiner Leidenschaft hinweggeschwemmt wird. Ein halbes Dutzend Varianten der Dreiecksgeschichte gibt es in der Kinogeschichte und es wäre keine gute Geschichte, wenn sie nicht ein gleichschenkliges Dreieck ergäbe. Ali ist ebenso in Thomas verliebt wie Laura. Zum Betrug gesellt sich also der Verrat und schließlich ein verbrecherischer Plan.

Christian Petzold kühlt den Plot herunter auf den Gefrierpunkt. Die sexuelle Leidenschaft ist eruptiv, aber sie ist auch eine verzweifelte Suche nach Geld und Glück. Wie schon in seinem letzten Film "Yella” siedelt Petzold die kalte Gier nach Geld im Niemandsland der so gar nicht blühen wollenden Landschaften des Ostens an.

Tragisch: Was die beiden jungen Liebenden sich nehmen wollen, hätten sie auch so bekommen. Ihre Leidenschaft wendet sich gegen sie. Ein gemeinsamer Ausflug an die Ostsee soll die tägliche Routine unterbrechen. Plötzlich sitzt Thomas neben Laura am Strand. Ali tanzt, betrunken und selbstvergessen, zu den ihm vertrauten Klängen eines Lieds.

Christian Petzold erweist sich als Regisseur, der die großen Meister der Suspense-Dramaturgie gut studiert hat. Einmal geht Laura hinaus in die Nacht. Wir, die Zuschauer, haben vorher gesehen, dass Ali eine Reise in die Türkei nur vorgetäuscht hat. Laura ruft nach Thomas für den sie sich nun frei fühlt, den sie in der Nähe wähnt und heftig ersehnt. Aus dem Dunkel greifen Arme nach ihr. Wer wird es sein?

Angst und Lust, Moral und Begehren vermischen sich. Blicke, Körper, Rhythmus und ein großer Filmmoment. Petzold schwingt sich gerade auf zum Meisterstilisten des deutschen Kinos. Immer erzählt er in seinen deutschen Krimis übrigens auch etwas von der Befindlichkeit der Lebenswelt, die er filmt. Die Vielschichtigkeit und Intellektualität mag seine Filme für ein Massenpublikum etwas unzugänglich machen, doch werden seine Filme für lange Zeit den Takt angeben, wenn es darum geht, die Wirklichkeit unserer Welt in Filmgeschichten zu verstehen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk