Sonntag, 05. Dezember 2021

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"Wenn man die Demokratie hier umsetzen will, muss man das anders machen"

Unter dem Regime Saddam Husseins genossen die Christen im Irak eine Art Staatsschutz. Nach der US-Invasion und dem Sturz des Diktators wollen immer mehr das Land verlassen, denn nun werden sie von anderen Glaubensgruppierungen drangsaliert.

Von Marc Thörner | 26.07.2008

Wenn Petrus' langgezogener singender Geigenton durch die St.Raphaels-Kirche schallt, dann kommt die Melancholie nicht von ungefähr. Der etwa 40-jährige, elegant gekleidete Virtuose, hat bessere Tage gesehen. Ehe die US-Truppen Bagdad besetzten, gehörte er dem irakischen Symphonieorchester an. Jetzt ist die katholische Gemeinde von Karada, im Shoppingviertel Bagdads, zu seinem einzigen Publikum geworden.

Nach der Messe steht der Künstler mit seinem Geigenkasten vor den geöffneten Kirchentüren und begrüßt Bekannte. Von Sonntag zu Sonntag werden es weniger, konstatiert er verbittert.

"Ich kann nur sagen: Wenn man die Demokratie hier umsetzen will, muss man das anders machen. So funktioniert das nicht. Wir brauchen wieder jemanden wie Saddam, vielleicht weniger brutal - aber jemanden, der das ganze Land zusammenhält. Alle Gruppen revoltieren, protestieren, wollen ihre eigenen Ziele durchsetzen: Kurden, Schiiten, Sunniten. Erst mal muss wieder ein starker Mann her und später können wir dann überlegen, ob wie alle vier Jahre neu wählen wollen. Persönlich kann mit Demokratie gut umgehen, ich war schon in Europa. Aber für die Mehrheit der Iraker ist der ständige Wechsel unannehmbar. Sie wollen eben ein und denselben Präsidenten für ihr ganzes Leben."

Keine Einzelmeinung, betont Petrus. Unter den Christen dächten viele so.
Pater Vincent, der Gemeindepriester hört das und nickt zustimmend.

"Ich habe großen Respekt vor dem Präsidenten Saddam Hussein und seiner Partei. Klar, Saddam hatte ausgesprochen schwarze Seiten. Aber wenn ich ihn mit anderen Staatschefs vergleiche, dann war er auch nicht sehr viel schlechter. Was mir an dem Typen gefiel, war, dass er es in einem arabischen Land wie diesem hier geschafft hat, eine sozialistische Partei zu etablieren und die Dinge ordentlich zu organisieren. Das halte ich für eine außergewöhnliche Leistung."

Die Saddam-Nostalgie des Priesters erinnert an eine beinahe vergessene Geschichte.

In den 1930er und 40er Jahren waren es Christen, die den arabischen Nationalismus konzipierten. Der christliche Syrer Michel Aflaq entwickelte damals die Baath-Ideologie. Rassismus gegen Nicht-Araber mischte sich mit Romantik, faschistische Staatstheorie mit sozialistischen Elementen.
Als die Baath-Partei 1963 im Irak die Macht ergriff, engagierten sich auch Christen an führender Stelle für den totalitären Staat. Zum Beispiel Tarik Asis, der als späterer irakischer Außenminister zur Nomenklatura zählte. Dieser Nähe zur Diktatur lag ein nachvollziehbares Motiv zugrunde: Als Minderheit inmitten einer Mehrheit von Muslimen schien vielen Christen ein autoritär geführter Staat die beste Garantie für Leib, Leben und Wohlstand zu bieten.
Die Lage änderte sich dramatisch mit dem Einmarsch der US-geführten Truppen.
Was heute den Alltag der Gemeindemitglieder von St. Raphael gefährdet, zeigt sich bei einer Fahrt durchs Karada-Viertel.

Am helllichten Morgen, während des üblichen Staus vor einer Kreuzung saust plötzlich ein Minibus auf die blecherne Warteschlange zu. Zwei junge Männer springen heraus, öffnen die Tür eines der Autos und ziehen einen anderen jungen Mann hinter dem Steuer hervor. Kidnapper, meint Paul, ein Christ, der als Chauffeur arbeitet.

"Thiefs - they kidnap. After, they take money from the family of this boy - and send him to his family, what they'll do to him?"

Was die Entführer jetzt mit ihrem Opfer anstellen? Paul zuckt die Achseln: Na was wohl: Geld von der Familie fordern und den Mann anschließend zu seinen Angehörigen zurückschicken.
Passiert so etwas häufig?

"All the time."

Unter Entführungen, sagt Paul, litten zwar alle, denen es wirtschaftlich besser gehe, ungeachtet der Religion. Das Problem sei aber, dass Christen - im Gegensatz zu den muslimischen Arabern - nicht irgendwelchen Stämmen angehörten. Kein Stammeschef drohe den Entführern, interveniere oder sammle Geld für die Befreiung.

Am nächsten Sonntag in der Kirche. Schon wieder ist die St. Rapahels-Gemeinde um einige Mitglieder geschrumpft. Pater Vincent schüttelt betrübt sein weißes Haupt.

"Die Christen emigrieren jetzt in großer Zahl. Sie gehen alle nach Syrien, sie halten es hier nicht mehr aus. Es gibt hier keine Zukunft mehr, alle haben Angst. Bomben, keine Schulen oder ein gefährlicher Schulweg, die ständigen Geiselnahmen: Das ist für mich das schlimmste Resultat diese Krieges, den Bush angefangen hat. Auf indirekte Art und Weise hat Präsident Bush die tausendjährige Präsenz der Christen im Irak beendet. 600, 700 Jahre vor den waren sie schon hier. Nun ist es aus. Jahrhundertelang haben wir gelitten, wir haben eine Menge ausgehalten: Verfolgungen, Drangsalierungen aller Art. Doch sogar die Mongolen unter Tamerlan haben es nicht geschafft, uns Christen aus dem Irak zu vertreiben. Aber dieser Typ, dieser Präsident Bush hat es geschafft. Das ist der größte seiner bisherigen Erfolge."

War aber unter Saddam der Preis der Stabilität nicht viel zu hoch? Starben während seiner Herrschaft nicht viele in den Folterkellern: Saddams Regimegegner und vor allem Zehntausende von Schiiten? Kann man als Christ die Herrschaft eines Mörders rechtfertigen?
Pater Vincent gehört zwar einer heute gefährdeten Religionsgruppe an. Sein Mitleid mit den damals Drangsalierten hält sich jedoch in Grenzen.

"Wenn man in einer bestimmten Situation die Schiiten bekämpfen muss, dann doch deshalb, weil man keine andere Wahl hat. Und wenn man kämpft, muss man logischerweise auch etwas tun, um diese Leute loszuwerden. Das ist doch wie im Krieg. Man sagt jetzt: Saddam hat die Schiiten umgebracht, er hat sie massakriert. Aber hätte er denn eine andere Möglichkeit gehabt, dann hätte er sie sicherlich genutzt.. Ich glaube, Saddam war ein vernünftiger Mensch und nicht der Tyrann, als den man ihn jetzt darstellt."

Und was wünscht sich der katholische Gemeindepriester für die Zukunft?

"Etwas völlig Blödes: Dass die Baath-Partei wieder zurückkommt. Tut mir leid, dass ich das sage. Alle lachen mich deswegen aus. Ich hoffe, dass mich keiner umbringt. Es ist gefährlich, heute eine Meinung zu haben... sehen Sie: Der da hinten guckt mich schon so komisch an."