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StartseiteGesichter EuropasWenn Schnee zu Regen wird17.01.2009

Wenn Schnee zu Regen wird

Abondance, ein Skiort ohne Winter

Abondance, der französische Skiort am Südufer des Genfer Sees hat ein Problem. Er liegt auf 800 Metern und das reicht nicht mehr: Der Schnee, der sichere Schnee blieb im letzten Winter aus. Aus Schnee wurde Regen, das Schnee-Geschäft, Teil der Identität von Abondance, brach zusammen und damit das Selbstverständnis des Skiortes.

Mit Reportagen von Knut Benzner, Moderation: Britta Fecke

Blick auf den französischen Ort Abondance (AP)
Blick auf den französischen Ort Abondance (AP)
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Die Schneefallgrenze ist nach oben gewandert und die Gemeinde Abondance, traf eine folgenschwere Entscheidung: Sie stellte den Betrieb der Skilifte ein, denn Sie konnte den Unterhalt nicht mehr finanzieren, die Einnahmen des Winterurlaubsortes konnten die immensen Kosten nicht decken.

Abondance ist der erste Ort in den europäischen Alpen, der den direkten Folgen des Klimawandels nicht mehr ausweichen kann. Doch was macht ein Skiort ohne Schnee?


Bevor der Berg zur Piste wurde, war er eine Weide, und jetzt, wo die Schneefallgrenze immer höher steigt und die Winter in den Alpen immer milder werden, jetzt werden viele Pisten wieder zu Weiden. Auch in Abondance. Das Dorf in den französischen Alpen -30 km südlich des Genfer Sees und 15 km westlich des Schweizer Wallis - hat als erste Gemeinde der Alpen seine Ski-Lifte stillgelegt. Eine Gondel, ein Sessel- und sechs Schlepplifte stehen verwaist im Regen und manchmal auch im Schnee, aber eben nur noch manchmal. Wie auch immer sich der Klimawandel im Detail auswirken wird, ein Trend ist schon jetzt erkennbar: die Schneegrenze steigt, die europäischen Gletscher schmelzen und wo früher Schnee lag, fällt jetzt immer öfter Regen. Die Pisten von Abondance liegen auf einer kritischen Höhe zwischen 1000 und 1800 Metern, kritisch für Skifahrer, nicht für Kühe.

Und schließlich waren es die Kühe, die dem Tal ihren Namen gaben: Abondance ist nach der gleichnamigen Rinderrasse benannt und der Rohmilchkäse, nach dem sich Frankreichs Feinschmecker die Finger lecken, heißt ebenso. Rund 30 Bauernhöfe im Tal haben sich der Tradition, der Almwirtschaft verschrieben. Einer davon hat die Adresse Le Mont - der Berg.


Die Käsemacher

Drei Kilometer und 300 Höhenmeter oberhalb des Dorfes. Zwei Brüder, ein Onkel. Damien Girard, 28, Nicola Girard, 29, das sind die beiden Brüder, und Jean-Marc Girard, 48, der Onkel.

Der Hof seit Generationen in der Hand der Familie. Der älteste Teil ist aus dem Jahr 1854. Gezüchtet worden ist die Rinderrasse von den Mönchen, die in Abondance gelebt haben.

Eine Rinderart, die anpassungsfähig ist, so Damien und Jean-Marc, rotbunt, robust.

Wir stehen vor dem Stall. Damien und Nicola, die beiden Brüder in Stiefeln und Arbeitskleidung - schmal sind sie, nicht groß und sympathisch -, Jean-Marc, der Onkel, kräftig, in Jeans und Jacke.

45 Milchkühe haben die Girards. Sie gucken, die Kühe. Sie stehen nebeneinander da und fressen und gucken die Girards an mit ihren großen braunen Augen an. Und 45 Jungtiere. Bauern sind nicht sehr gesprächig in der Regel. Das ist auch in Hoch-Savoyen so. Zumal, wenn sie gleich zu dritt sind.

Jean Marc sieht seine beiden Neffen an, Nicolas steht manchmal etwas abseits, aber aufgeschlossen sind sie trotzdem. Aufgeschlossen und auskunftsbereit.

Aus der Milch wird der Käse. Ein Markenkäse. Mit Nussgeschmack. Er darf die Appelation d'Origine Controlée tragen, der Käse. Ein Bergkäse, der Berühmtheit erlangte, als die Abbaye d'Abondance, die Abtei von Abondance 1381 zum Lieferanten der Papstwahl auserkoren wurde und 15 Zentner des halbfesten Schnittkäses nach Avignon lieferte.
Abondance.

Jeder von ihnen, sagt Jean-Marc Girard, der Onkel, habe einen bestimmten Bereich.

Einer kümmert sich um die Kühe, einer um die Jungtiere, Damien macht den Käse. Den Rohmilchkäse - den Brüssel verbieten will. Die drei werden, wie die deutschen Bauern auch, aus Brüssel bezuschusst.

Klar kriegen sie Hilfe aus Europa, so Jean-Marc, selbstverständlich. Ja, natürlich, Hilfe aus Europa, bemessen auf den Hektar, 120 Euro pro Hektar. Geld, um den Betrieb aufrecht zu erhalten, was hier in den Bergen besonders schwierig ist.

In die Käserei. Hinter dem Stall. Ein kleiner, kühlerer Raum mit einem großen Bottich. Der Käse wird gerade gepresst.

Abondance.

Natürlich wissen die drei, wie die Stimmung unten im Dorf ist, nachdem der Skitourismus weniger geworden ist.

Sie hätten Angst, sagt Damien, dass die Touristen ganz wegblieben, schließlich seien die auch die Abnehmer ihres Käses. Vom Käse allein kann der Ort nicht leben. 50 Prozent ihrer Produktion von 3000 Käselaibern pro Jahr geht an die Gäste. Was soll man tun?

Schwer zu sagen, niemand hat eine Lösung, eigentlich kommen die Leute im Winter zum Ski fahren hierher - also muss man ihnen das bieten, damit die restlichen Wirtschaftszweige von Abondance auch profitieren. Für Jean-Marc Girard, den ältesten der drei Bauern, war die Entscheidung, die Skianlagen still zu legen, immerhin nachvollziehbar.

Es wird, sagt er, eine Kostenfrage gewesen sein, die Kosten sind explodiert, und da die Liftanlagen alt waren, ist es eben zu viel gewesen. Dass der neue Bürgermeister einen Investor sucht, um die verwaisten Anlagen wieder in Gang zu bringen, begrüßen sie. Doch genau das könnte für die Bauern zum Problem werden. Sollte Abondance jemals ausschließlich als Tourismusort anerkannt werden, würden sie ihre Berechtigung auf Bezuschussung aus Brüssel verlieren.

Das Problem kann es geben, so erst Damien und dann Jean-Marc Girard. Wenn es hier zu touristisch wird, zu industriell touristisch, könnte es einen Konflikt mit den Finanzen aus Europa für die Landwirtschaft geben. Deshalb müssen wir ein Gleichgewicht finden, ein Gleichgewicht zwischen der Landwirtschaft und dem Tourismus.

Der Schweizer Nationaldichter Charles Ferdinand Ramuz lebte auf der Nordseite des Genfer Sees und hatte die Berge Hoch-Savoyens fest im Blick. Ramuz ist Schweizer, und mit "Der Bursche aus Savoyen" setzte er den französischen Alpen ein Denkmal: Ramuz erzählt vom jungen Joseph, den schroffen Bergen, den tiefen Tälern und Josephs unerfüllter Liebe: "Der Bursche aus Savoyen" ist 1973 im Verlag Huber, Frauenfeld und Stuttgart erschienen.


Zwei bis drei Wochen Skitourismus bringen soviel Geld wie ein ganzer Sommer auf der Alm. Vorausgesetzt es liegt Schnee, wenn nicht, dann ändern sich die Koordinaten dramatisch. In den letzten Jahren verschlang der Unterhalt des Skigebiets in Abondance rund 50% des Gemeindebudgets - in dem schneelosen Winter vor zwei Jahren waren es sogar 80%. Die Ausgaben stiegen und die Aussichten auf weiße Winter fielen. Bisher hat sich die bodennahe Luftschicht im Zuge des Klimawandels um knapp ein Grad Celsius im Jahresdurchschnitt erwärmt. Die Folgen der Erdwärmung sind in den Gebirgsregionen besonders stark ausgeprägt, deutlich sichtbar am Rückgang der Gletscher. Wo früher meterdicke Eiszungen bis in die Täler leckten ist jetzt nur noch Geröll. Mit jedem Grad, um das sich die Erdatmosphäre erwärmt, steigt die Schneefallgrenze um ca. 150 Meter. Die Untersuchen der Klimaexperten ergaben, dass der Niederschlag in den Alpen im Sommer zurückgeht im Winter dagegen zunehmen, allerdings fällt er dann immer seltener als Schnee und immer häufiger als Regen. Zumindest in Regionen unter 1750 Metern. Das Skigebiet Abondance liegt zum überwiegenden Teil darunter. Und deshalb beschloss der alte Bürgermeister 2006, die Liftanlage still zu legen.

Der alte hat sie abgestellt, der neue will sie wieder anstellen. Paul Girard-Despraulex ist seit 2008 im Amt und versucht mit Hilfe ausländischer Investoren, die Liftanlage wieder in Schwung zu bringen, wie ist noch unklar.



Der neue Bürgermeister mit den alten Ideen

Das Amt des Bürgermeisters liegt im Südtrakt des einstigen Klosters. Und es liegt an der Hauptstraße, an der Durchgangsstraße Richtung Chatel.

Der Herr Bürgermeister kommt gleich. Selbst in dem kleinsten Dorf wird der Bürgermeister mit Monsieur le Mere, mit Herr Bürgermeister angesprochen. Der Bürgermeister bittet in einen anderen Raum. Einen langen Gang entlang, in ein Besprechungszimmer - die ehemalige Klosterküche. Nebenan das einstige Refektorium der Mönche.

Paul Girard-Despraulex. Bürgermeister seit März 2008, 46 Jahre alt.

Verheiratet, zwei Kinder, 12 und 13, in Abondance geboren, in Abondance zur Schule gegangen, dann in Thonon am Genfer See gearbeitet und aktuell in Evian - beim gleichnamigen Mineralwasserabfüller. Natürlich fährt Monsieur le Mere Ski. Natürlich, wie alle, die in den Alpen leben. Kurzes schwarzes dichtes Haare, Ski-Jacke, Jeans. Gewählt für sechs Jahre, ehrenamtlicher Bürgermeister, parteilos.

Die Sorge um die Gemeinde war seine Motivation, sich als Bürgermeister aufstellen zu lassen.

Ausgelöst durch den im Jahr 2006 gefassten Beschluss seines Vorgängers, des alten Bürgermeisters Serge Cettour-Meunier, die Skilifte abzustellen. Girard-Despraulex gewann die Wahl, angetreten gegen Cettour-Meunier, mit 80 Prozent. 2006 hatte es keinen Schnee gegeben.

"Im Winter 2006 hat es keinen Schnee gegeben. Aber nicht nur in Abondance, sondern überall. Normalerweise werden die Lifte hier in der Gegend am 20.Dezember, mit den Weihnachtsferien geöffnet. Da die anderen Skiorte auch keinen Schnee hatten, haben die ihr Personal, was sie für die Liftanlagen brauchten, erst gar nicht eingestellt. Sie verschoben den Einstellungstermin. Lediglich der ehemalige Bürgermeister von Abondance hat seine sechzig Leute unter Vertrag genommen. Sie mussten, obwohl nichts zu tun war, bezahlt werden. In der Gemeindekasse entstand ein Defizit, ein weiteres Defizit. Die jetzige Situation in Abondance entstand nicht etwa auf Grund eines angenommenen Klimawandels, sondern durch verfehlte Haushaltspolitik."

Dass der Schnee immer öfter ausbleibt, darüber geht er hinweg. Momentan sehen sie sich so gut wie gar nicht, der alte und der neue Bürgermeister. Der alte hat sich zurück gezogen. Leider, meint der neue.

Denn da er jetzt Einblick in die Konten und Finanzen habe, würde Girard-Despraulex gerne wissen, was Cettour-Meunier zu der damaligen Entscheidung getrieben hat. Der Unterhalt der Gondel, des Sessellifts, der sechs Schlepplifte und der 20 Kilometer Pisten auf 1000 bis 17000 Metern Höhe kostete die Gemeinde 600.000 Euro. Pro Jahr. Ein TÜV-Test der Seilbahnen - 175.000 Euro. Mehr als die Hälfte der Gesamtkosten seien noch 2006 von einem Kredit gedeckt worden, nämlich 340.000 Euro. Im Mai 2009 ist der Kredit abbezahlt und die Gemeinde mit ihrem jährlichen Etat von 2,2 Millionen, sagt Girard-Despraulex, sei schuldenfrei.

Liftanlagen allerdings werden nicht pro Saison disponiert, sondern auf zehn bis fünfzehn Jahre. Zehn, fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit, Cettour-Meunier, der alte Bürgermeister, war der Ansicht, die Lifte und die Gondel fräßen die Gemeinde auf.
Die Gondel steht noch, die Lifte ebenfalls. Girard-Despraulex setzt auf den Winter und steht in Gesprächen mit einem privaten Investor aus den USA.
2006 kein Schnee. Die Saison fiel aus. 2007 und 2008 war Abondance ohne Lifte.

"Wir haben letztens die Konten aufgerechnet und gesehen, dass wir im Jahr 2007 38% unserer Gäste und Kunden verloren haben. 2008/2009 werden es wahrscheinlich noch mehr sein, denn 2007 wussten noch nicht alle, dass wir ohne Lifte sind. Durch ihr Kommen wurde ihnen klar: Sie müssen mit dem Auto in die Nachbargemeinden, um Ski zu laufen. Das hat sie dann daran gehindert, in diesem Jahr wieder nach Abondance zu kommen. Wir können das an der Kurtaxe statistisch fest halten. Wir befinden uns in einer diffizilen Lage."

Eine diffizile Lage. Zwei Geschäfte haben inzwischen zu gemacht. Ohne die Wintersaison sei Abondance so gut wie tot.

"Wir möchten versuchen, mit einem privaten Investor, der sehr interessiert ist, es gibt gute Chancen, dieses Projekt zu realisieren, wir möchten also versuchen, unser Skigebiet wieder aufzumachen. Ein Ort wie Abondance, kulturell vielseitig, landwirtschaftlich geprägt, auf halber Höhe in den Bergen gelegen, muss ein Skiort sein. Denn das anziehende für Wintersportferien ist immer noch das Ski fahren. Natürlich konzentrieren sich die Touristen während ihres Aufenthaltes auch auf den Skilanglauf, auf das Schlittschuh fahren, aufs Ski wandern, aber die eigentliche Attraktion ist Abfahrt. Und der kleine Anfänger-Skipark, der uns aktuell geblieben ist, böte mit dem alten Skigebiet für die unterschiedlichste Klientel die Möglichkeit, die Skiabfahrt zu betreiben und alles andere, was Abondance sonst noch hat, mitzunehmen - ohne lange Wege. Das soll unsere Attraktivität werden, das wollen wir unseren Kunden bieten. Wie gesagt: Das zentrale Thema eines Bergortes ist der Skilauf."



1400 Einwohner, ein Dorf, ein paar Hotels, aber keine Bettenburgen. 1400 Einwohner hat Abondance, die meisten von ihnen halten die Entscheidung des alten Bürgermeisters für falsch, auch den Klimawandel halten viele nur für ein Gerücht. Seit 1964 ist das Dorf ein Skiort. Die Touristen haben Abondance einst reich gemacht. Damals, als die französische Regierung ihren "plan neige", den Schneeplan umsetzte und immer mehr Retortenstädte ins Gebirge gebaut wurden. Die Franzosen wurden zu Skifahrern und die Alpen ihr Ziel.

Als auch Abondance zum Skiort wurde, blieb die Dorfstruktur erhalten, die Hotels, im Chalet-Stil, sind der Landschaft angepasst, ein Vorteil gegenüber den anderen Skiorten der Umgebung. Doch Abondance hat eine kritische Größe und eine ebensolche Lage - zu klein, um genügend Gewinne für die notwendige Modernisierung der Liftanlage zu erwirtschaften, und zu niedrig, um schneearme Winter zu überstehen.



Der alte Bürgermeister auf der Flucht

Der Schnee: Heilig und unter Vorbehalt. Auf dem Weg zum alten Bürgermeister, auf dem Weg zu Serge Cettour-Meunier. Sein Heim, eng zwischen zwei breiten Doppel-Bauernhäusern, ist in Richebourg, östlicher Ortsteil von Abondance. Seit 2001 war Serge Cettour-Meunier Bürgermeister gewesen, bis 2008. "Die Bergbahn ist wie eine Zigarette: Alles aus Rauch", hatte er fest gestellt. Und er hatte auch fest gestellt, dass diese Bergbahn, die Lifte und die Gondel, 15 Jahre lang Schulden angehäuft hatte.

Sowohl 2007 wie 2008 war er im nahen Avoriaz, einem konzipierten Touristenort ohne alten Dorfkern, 39 Skilifte, 49 Pisten, zum Internationalen Forum "Wintersport-Resorts für eine bessere Welt" eingeladen gewesen - neben Wissenschaftlern aus aller Welt. Er referierte über den Widerspruch zwischen Schneelage und Schutz der Umwelt.

Serge Cettour-Meunier ist momentan nicht da, sagt seine Frau.

"Aber kommen Sie herein. Setzen Sie sich."

"Was kann ich für Sie tun? Womit kann ich Ihnen helfen? Nein, ich weiß nicht, wann mein Mann wieder kommt, ich sage ihm Bescheid, möglicherweise meldet er sich."

Serge Cettour-Meunier meldet sich nicht. Am nächsten Vormittag noch ein Versuch. Das Haus steht leer. Auch Nachmittags ist niemand da. Cettour-Meunier wird sich nicht melden. Jean-Marie Benand und seine Frau Naima, sie macht in der offenen Küche gerade das Abendessen, Lamm-Curry. Jean-Marie Benand und seine Frau Naima leben in Abondance oberhalb der Klosterkirche.

Am Kamin. Ein Gläschen Weißwein vielleicht? Der Weißwein aus Hoch-Savoyen sei der beste der Welt. Keinen Weißwein. Einen Kaffee gerne. Mit Zucker. Ja. Warum meldet sich der alte Bürgermeister nicht?

"Vielleicht weil er die letzten Wahlen so hoch verloren hat mit seinem Programm und, wie soll ich sagen, es ist schwierig für ihn, Auskunft zu geben."

Und deshalb kein Zusammentreffen?

"Wahrscheinlich ja."

Benand kennt ihn gut.

Er kennt sie alle. Jean-Marie Benand, 63, aus einer der ältesten Familien von Abondance, war bis vor drei Jahren Professor für Biochemie, Fachgebiet Genetik, an der Universität von Rabat, Marokko, und in Saint-Étienne. Naima, seine Frau, ist Marokkanerin. Sie sind zurückgekehrt in seine Heimat.

Und er hat in all den Jahren stets Kontakt gehalten zu Abondance. Zwei Bauernhöfe besitzt er neben dem neuen Haus, in dem sie seit einem Jahr wohnen.

"Die politische Situation hier im Augenblick ist sehr kompliziert, sehr komplex, in solch einem Bergdorf, die Interessen spielen gegeneinander und sind für einen außen stehenden eventuell schwierig zu verstehen."

Kann Benand die schwierige Situation dennoch erklären?
"Der alte Bürgermeister hat in der Tat bemerkt, dass die Liftanlagen Abondance immer mehr verschulden und ungefähr 600.000 Euro pro Jahr kosten. Nach ein paar Jahren war der ort überschuldet, sie haben damals im Gemeinderat abgestimmt und der Gemeinderat beschloss, die Lifte still zu legen, mit einem Projekt im Conceil Generale, der Regionalregierung, Abondance neu zu strukturieren und anders zu entwickeln. Dann kam es im März 2008 zu den Wahlen mit der Gegenliste des neuen Bürgermeisters. Der, mit diesem Projekt nicht einverstanden, versuchte, das Konzept rückgängig zu machen."

Das Projekt? Die Weiterentwicklung des Ortes im Allgemeinen. Zudem hätte die Regionalregierung einen Teil der Schulden, die die Lifte verursacht hatten, übernommen. Daraus ist nichts geworden.

"Nein. Aus diesem Projekt ist natürlich nichts geworden bzw. es hat sich nicht weiter entwickelt, weil der Gemeinderat gewechselt hat und der neue Bürgermeister zusammen mit dem Gemeinderat die alten Ski-Anlagen mit einem Investor aus den USA wieder instand setzen und in Betrieb nehmen möchte."

Im Grunde, so Benand, habe sich Abondance seit seiner Kindheit kaum verändert. Ländlich und bäuerlich geprägt, ohne dass sich der Tourismus weiter entwickelt hat, im Gegensatz zu anderen Orten, die sich ihm anpassten. Baulich und auch sonst.

"Wie hat mein Großvater schon dauernd gesagt: Abondance wird seine Bauern immer brauchen."

Obendrein: Der Tourismus? Pft, der sei nichts. Und das Klima?

"Ich weiß es nicht, ich bin zwar Wissenschaftler, aber ob wir eine Erderwärmung erleben?, ich weiß es nicht. Sich kann ich sagen, dass sich das Klima verändert hat, als ich 20 war, lag hier der Schnee meterhoch. Wir machten und als Jugendliche den Spaß, nach ein paar Schnaps vom Balkon aus in den Schnee zu springen - wer am weitesten kam, hatte gewonnen. Das ist heute nicht mehr möglich, es sei denn, man möchte sich ein Bein brechen. Es hat sich etwas verändert, doch nur Gott allein weiß, ob das von Dauer sein wird."


In die Abgeschiedenheit der Berge haben sich seit jeher Glaubensgemeinschaften zurückgezogen, so auch in Abondance. Augustiner errichteten im 11. Jahrhundert die Abtei, die im Laufe der Jahrhunderte zu einer stattlichen Anlage wuchs. Die Bedeutung des Klosters reichte in die Normandie. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts war die Abtei von Mönchen bewohnt, zuletzt von Zisterziensern. Ihr Einfluss hörte nicht hinter der Klostermauer auf, auch wenn sie zurückgezogen lebten, prägten sie Abondance sozial und kulturell, ihr Glaube und ihre Arbeit waren fester Bestandteil des Dorflebens. Sie richteten Schulen ein und beschäftigen die benachbarten Bürger in ihren Gärten.

Die Mönche sind weg, die Abtei ist geblieben. Nur ihre Funktion ist inzwischen eine andere, unter den Fresken des Kreuzgangs wandeln inzwischen nicht mehr die Mönche, sondern schlendern die Touristen. Diese Kulturtouristen sollen die Skifahrer ersetzen.


Die Abtei

Im Kloster, neben der zum Kloster gehörenden Kirche. Mit andächtigen Schritten durch den Klosterrundgang, damals den Mönchen vorbehalten, die sich hier Zeit zum Spazieren gehen, zum Denken und zum Beten nahmen.

Auf dem Weg ins Kloster-Museum. Vorbei an Schaukästen und Schautafeln. Ein paar Besucher. Über die schmale Schwelle ins Museum. Das Musée de l'Art Religieus, im ersten Stockwerk der Abtei.

Kelche, Schmuck, Kleidung - Reliquien. Karine Follié, Museumsführerin, seit neun Jahren. Blond, zart, in einen dicken langen Mantel mit Kunstfellkragen gehüllt. Und ihr Alter?

Nein, das ist nicht indiskret.

37 Jahre alt.

Verheiratet mit jemandem von hier, zwei Kinder.

Karine Follié kommt aus der Gegend von Paris und kam vor 15 Jahren nach Abondance. Weil sie mit ihren Eltern im Tal Ferien gemacht hatte und dann wegen der Liebe.

Das Leben in Paris wird ein anderes gewesen sein als das Leben in den Bergen.

"Das stimmt, ja. das Leben in der Großstadt ist ausgefüllt und etwas ganz anderes als das Leben in solch einem kleinen Dorf, in einer Bergregion, in der die Uhren langsamer gehen, das Leben ruhiger ist und einen ganz anderen Rhythmus hat. Eine Gegend allerdings, die Wunderbar ist, wo sich Natur und Kultur verbinden lassen. Zwar sind die Wege weiter, wenn etwas zu erledigen ist, aber grundsätzlich ist es hier viel angenehmer als in einer großen Stadt wie Paris."

Sie hat immer das Gefühl, sie sei in Urlaub.

Seit 15 Jahren in Urlaub.

Sie weiß um die Probleme von Abondance.

Natürlich. Die Schließung der Liftanlagen. Natürlich.

Da auch sie für die Gäste da sein möchte, ist sie zwar nicht unmittelbar, jedoch mittelbar betroffen.

Seit einigen Monaten versucht man in Abondance, die kulturellen Aspekte des Ortes in den Vordergrund zu stellen - insbesondere die Abtei. Um so die fehlenden Wintergäste auszugleichen. Überall um den Ort herum: Hinweisschilder mit der Aufforderung: Besuchen Sie die Abtei in Abondance. Ein anderes Konzept. Karine Follié:

"Nun, Abondance hat einen großen Pluspunkt hier im Tal, weil es die Abtei hat - und die Abtei ist ein historisches Monument, das als solches klassifiziert worden ist. Das ist eine Chance, die Abondance nutzen sollte, um Touristen etwas anderes bieten zu können als nur den Schnee. Der Schnee ist wichtig und lässt das Dorf leben, und neben der Kultur sind alle anderen Natur-Aktivitäten auszubauen: Schneewandern, Schlittenhundfahrten und was es alles gibt neben der Kultur."

Die Schließung der Liftanlagen sei dramatisch gewesen, ein Schock. Und selbst wenn die Wiedereröffnung dieser Liftanlagen schwierig werden sollte, so Karine Follié, habe Abondance anderes, was präsentiert werden könne.

Die Abtei, das Kloster, die Kirche.

Beides kann ganzjährlich besucht werden.

"Ja. Und die Abtei wird übers Jahr von circa 13.000 Menschen besucht. Natürlich kommen im Sommer mehr als im Winter, es ist angenehmer, wenn es warm ist. Gerade heute, bei dieser Kälte, sind wenige Gäste da, es ist unangenehm, die Außenanlagen zu besichtigen. Wir versuchen, die anderen Orte des Tals mit ein zu beziehen, denn jeder Ort hat mit der Geschichte der Abtei zu tun. Die Abtei ist ein zentraler Punkt in der Kultur des Tales, die man nutzen muss."

13.000 Besucher pro Jahr, bei zwei Euro Eintritt.

Unterhalt des Klosters und der Kirche kosten.

Er wird die Summe, die sich durch diese Einnahmen für die Gemeinde ergeben, trotz des neuen Konzeptes dennoch übersteigen.

Zumal die Kirche renoviert wurde und die Abtei stetig renoviert werden muss.

Wie soll es weiter gehen.

Ich weiß es nicht.

Der Staat schießt zu, der Gebäudekomplex wird, z.B. durch das Bürgermeisteramt, das mit seinen Räumen in einem Teil des Klosters sitzt, mehrfach genutzt, und die Kirche ist Glaubensmittelpunkt des katholischen Landstrichs.

Eine der vielen Fresken, die die langen, hohen Wände des Wandelgangs schon vor hunderten von Jahren geschmückt haben, will Karine Follié noch zeigen. Eine ungewöhnliche Szene:

" Eine Wandmalerei, die auf der einen Seite eine biblische Szene dar stellt: Die Flucht nach Ägypten. Maria und Josefs Flucht mit dem Kind nach Ägypten. Und auf der anderen Seite ist diese Szene eingebettet in die hiesige Landschaft, in Hoch-Savoyen. Der Genfer See, Sie sehen den Flussverlauf der Rhone durch den See, ein Bauer, der seinen Käse trägt, eine Jagdszene, das Schloss der Herren von Savoyen in Thonon, und natürlich die Berglandschaft rundherum. Unsere Landschaft ist mit einer biblischen Szene verbunden worden. "

Ungefähr 1430 entstanden, eine Malerei in zwei Zeiten: Links Josef, der vom Engel erfährt, dass seine Familie in Gefahr ist und auf der rechten Seite Josefs, Marias und Jesu Flucht nach Ägypten. Darüber hinaus die erste bildliche Darstellung des Genfer Sees.

In der Abteikirche von Abondance sind mehr Besucher als vorhin im Kloster. Eine helle Kirche.

"Eine große, imposante Kirche, 18 Meter hoch, im 13.Jahrhundert erbaut, im gotischen Stil, mit einem Kreuzgang rund um den Altar. Sie hatte Bedeutung, diese Kirche, im Mittelalter. Sie lag auf dem Pilgerweg zum Großen St.-Berhnard-Pass nach St. Moritz im Rhonetal."

Was glaubt Karine Follié, wie wird es mit Abondance ausgehen?

A tout les niveaux. In allen Belangen.

"Ich sehe die Zukunft von Abondance eigentlich positiv. Ich denke, dass es hier sehr viel gibt, was man den Touristen bieten kann. Man muss Abondance im Zusammenhang mit dem ganzen Tal sehen. Das Problem ist, dass man heute Geld für alles braucht. Man muss Investoren finden und Leute, die an Abondance glauben und Geld geben, damit der Ort weiter leben kann. In Abondance selbst gibt es genug Menschen, die an diese Zukunft glauben, und sie sind dynamisch genug, dafür etwas tun zu wollen. Von daher: Sie werden's schaffen."


Ein kleiner Skipark ist Abondance geblieben. Am Rande des Ortes, neben der Dranse, dem Bach, der durch das Dorf fließt. Oberhalb des Spielparks rostet die alte Gondel. Die Anlage selbst ist übersichtlich: 150 Meter lang 200 Meter breit, ein abschüssiges Feld mit einer Rodelstrecke, einem kurzen Schlepplift und eine Art Rollmatte, die den Skianfänger 70 Meter nach oben bringt.

Ein Idiotenhügel und ein Rodelberg, das ist von dem einstigen Skigebiet geblieben. Hier lernt und fährt der Anfänger, hier fahren Kinder, Fortgeschrittene müssen ins benachbarte Skigebiet fahren.



Der Skipark

Ab auf die Rollmatte und dann noch ein paar Schritte im Schnee.

Es ist windig, wer empfindlich ist, geht lieber wieder zu Fuß nach unten in eine beheizte Jurte mit einer Tür ohne Glas im Fenster...

"Ja, das soll eine mongolische Jurte sein und die ist immer ohne Glas im Fenster. Die mongolische Jurte ist ein Zelt zum Aufwärmen."

Richtig. Für die Kinder, für die Familien zum Picknick, und Freitags werden hier Geschichten für die Kinder vorgelesen.


Wir sitzen auf einer einfachen Holzbank.

Wie gesagt: Es ist windig heute.

Frédéric Lancean:

"Die Biese, wie man hier sagt, der Wind aus dem Norden. Er weht heftig. Es ist allerdings nicht so kalt wie gestern. Gestern waren es minus 16 Grad."

"Auf dem Thermometer nicht, nein, doch durch den Wind empfinden wir es fast so kalt, wenn nicht noch kälter - bei minus zwei Grad.
Morgen werden es plus zwei sein. Dann wird der Schnee tatsächlich zu Regen."

Frédéric Lancean ist in der zweiten Saison verantwortlich für den Skipark.

Frédéric Lancean, kräftig und in fester blauer Skikleidung mit Signalweste inklusive Wollmütze, wohnt in Essert-Roman, im Nachbartal, 20, 25 Kilometer von Abondance entfernt. Eine gute Stunde Fahrzeit im Winter über die Serpentinen. Zumal zur Zeit wegen eines Erdrutsches auch noch ein Tunnel geschlossen ist. Lancean, 32, ist ein Kind der Berge.

Mit Leib und Seele. In Hoch-Savoyen geboren und an diesem Arbeitsplatz, weil genau das ihm gefällt. Die Berge Hoch-Savoyens.

Das Funkgerät. Zu fünft oder sechst arbeiten sie hier, früher waren sie zehn Mal so viel.

Dazu möchte er nichts sagen, nicht seine Aufgabe, nicht seine Rolle.

Und die Diskussion um den Klimawandel, den ausbleibenden Schnee?

Er wisse bescheid, aber eine Äußerung sei für seine Arbeit nicht sinnvoll.

Ich kenne niemanden, sagt Lancean, der mit dem Entschluss, die Lifte zu schließen, einverstanden gewesen sei. Wahrscheinlich gibt es sie, aber sie werden nicht viel sagen.

Mitte November hatten sie 2008 den ersten Schnee, die Saison beginnt traditionell am 20.Dezember zu den Weihnachtsferien und endet am 30.März. Liegt dann noch Schnee und sind noch Gäste da, zieht sie sich bis in den April.

Ein kleines Mädchen kommt in die Jurte. Aus der nahen Schweiz. Sie hat ein kleines Stofftier in der Hand.

Einen Leoparden.

Vielen Dank.

Das Skigebiet von Abondance ist isoliert auf seinen 1800 Metern und hat keinen Anschluss an die anderen Skigebiete. Keinen Anschluss an "Les Portes du Soleil", an die 650 Kilometer Pisten, die das westliche Wallis und das nordöstliche Hoch-Savoyen zusammen binden - obwohl Abondance Teil von "Les Portes du Soleil" ist, einem der größten Skigebiete Europas.

Im schneelosen Jahr 2006 war Lancean, der Verantwortliche für den Skipark in Abondance, nicht hier. Nein. Er war in Kanada. Da lag Schnee.

Frédéric Lancean sagte gerade, er sei eigentlich Klimatologe.

"Einen Klimawechsel, so Lancean, empfinden wir in unserer Gegend mit Sicherheit nicht. Wir messen ja unser Klima erst seit 30 Jahren - eine viel zu kurze Periode, um zu sagen, es habe sich tatsächlich gewandelt. Man kann aber heute sagen, dass es extremere Temperatur-Schwankungen gibt. Es gibt kalte Wochen, eine Woche ist es kalt, und dann wird es plötzlich milder, das hatten wir, es schneit eine Woche, und in der nächsten Woche regnet es plötzlich. Das passiert, und zwar in schnellerem Wechsel. Doch dass wir einen richtigen Klimawandel haben... das ist hier noch nicht zu spüren und wird vorerst auf diesen Höhen auch nicht zu spüren sein. Das spürt man am Nordpol und in den tropischen Gegenden, da wird es deutlicher sichtbar. Der Beweis: Wir haben viel Schnee, und in den letzten 30 Jahren hat es immer mal bessere, mal schlechtere Winter gegeben. Die Schwankung war allerdings nie so extrem, als dass man von Klimawandel reden könnte."

Die Widersprüche seiner Diagnose kann er nicht auflösen - die Widersprüche zwischen dem, was er weiß und dem, was er sehen will. Heute Nachmittag widmet sich Lancean erst mal wieder seiner Arbeit.

Heute Nachmittag kommen die Rodler wieder, die Kinder, die Schlitten fahren, dann die Skikurse, und gegen fünf machen wir einen Schlittenwettbewerb, mit Musik, Illumination und einem kleinen Buffet, die Spezialitäten Hoch-Savoyens, mit einem Glas Wein. Sie sind herzlich eingeladen.



Literatur:

"Der Bursche aus Savoyen" Verlag Huber, Frauenfeld und Stuttgart 1973,
aus dem Französischen von Hanno Helbling

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