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StartseiteForschung aktuellWer rastet, der rostet14.03.2008

Wer rastet, der rostet

Warum ein Kohlebergwerk nicht stillstehen darf

Technik. – Seit rund einem Monat ruht der Bergbau an der Saar komplett. Ein unerwartet starker Bergschlag hatte oberirdisch für erhebliche Schäden an Gebäuden gesorgt und das Schicksal des Kohleabbaus im Saarland über Nacht in Frage gestellt. Seitdem läuft für die Zeche die Uhr, denn das Gerät untertage kann nicht lange ruhen, sonst wird es durch Druck und Korrosion zerstört.

Von Dagmar Röhrlich

Mehrere tausend Mitarbeiter der Deutsche Steinkohle AG nehmen auf dem Saarbrücker Messegelände an einer Personalversammlung teil, bei der die DSK über ihre Zukunftspläne informiert. (AP)
Mehrere tausend Mitarbeiter der Deutsche Steinkohle AG nehmen auf dem Saarbrücker Messegelände an einer Personalversammlung teil, bei der die DSK über ihre Zukunftspläne informiert. (AP)
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Längst holen die Kumpel die Kohle nicht mehr tief gebückt mit Spitzhacke und Schaufel aus dem Berg wie zu Zeiten von Emile Zolas "Germinal". Heute läuft der Abbau computergesteuert und weitgehend automatisiert, nur noch wenige Menschen werden vor Ort gebraucht:

"So einen Abbau unter Tage, den kann man sich vorstellen als eine 300 Meter lange tunnelartige Röhre. Diese tunnelartige Röhre wird geschützt durch sogenannten Schildausbau vor dem Einfallen von den herabbrechenden überlagernden Gesteinsschichten."

beschreibt Per Nicolai Martens, Professor für Bergbau an der RWTH Aachen. Die Bergleute arbeiten im sogenannten Streb: Vor sich haben sie eine Maschine, die die Kohle aus dem Berg schneidet und per Förderband aus dem Abbau schafft. Und wenn die Kumpel aufblicken oder sich umsehen, sind da die Stahlwände der hydraulischen Schilde, die mit dem Abbau vorrücken. Direkt hinter diesen Stahlwänden bricht der Hohlraum wieder zusammen.

"In Deutschland wird hier - wie auch in der ganzen Welt sonst - im Steinkohlebergbau ein so genannter Bruchbau gebaut, das heißt, man lässt geplant das Gestein über dem abgebauten Kohleflöz zu Bruch gehen."

Axel Preuße, Professor für Markscheidewesen von der RWTH Aachen. Eine Faustregel besagt: Baut man heute in 1000 Metern Tiefe ein zweieinhalb Meter mächtiges Kohleflöz ab, prägt sich das im Lauf von fünf Jahren bis an die Oberfläche durch, und der Boden sinkt um zwei Meter. An der Ruhr beispielsweise merkt man davon nicht viel, weil weiche Gesteine über der Kohle die Bewegungen dämpfen. Preuße:

"Wenn halt ein Gebirge über der Kohle ansteht, was gut überträgt, wie sie an der Saar vorhanden ist, dann äußert sich das in höheren Schwinggeschwindigkeiten."

Aber an der Saar liegt über dem Flöz eine mächtige, starre Sandsteinschicht, die die Spannungen speichert, bis sie eines Tages wie ein Knäckebrot bricht – und die Bodenbewegungen, die bei dem Beben vor drei Wochen gemessen worden sind, waren mit bis zu 93 Millimetern schon rekordverdächtig. Schwere Gebäudeschäden traten auf. Seitdem ruht an der Saar der Bergbau – vorläufig, bis eine politische Entscheidung über die Zukunft des Saarbergbaus fällt. Allerdings könnten schon sehr schnell Tatsachen geschaffen werden. Martens:

"Sie können einen solchen Maschinenpark über eine gewisse Zeit durch Instandhaltungsmaßnahmen, sprich, also abschmieren, bewegen auch, durchaus eine Weile konservieren. Das Schlimmste wäre, wenn nicht mehr instandgehalten würde, dann würde also binnen kürzester Zeit dieser ganze Maschinenpark unnütz und vor allen Dingen auch unwiederbringlich nicht mehr zum Einsatz zur Verfügung stehen."

Abschmieren und das stark salzige, aggressive tiefe Grundwasser abpumpen machen die Bergleute. Aber eines können sie nicht – dem Gebirgsdruck etwas entgegensetzen. Preuße:

"Da lastet ein gewaltiger Gebirgsdruck auf dem Abbau, der jetzt noch in den Streben steht. Und das Gebirge hat ja das Bestreben, sich zusammen zu drücken, lastet auf dem Aufbau auf."

Die 80 Millionen Euro teuren Fördermaschinen drohen schlicht eingeklemmt zu werden. Schließlich lasten 1400 Metern Gestein auf den Schilden und den Abbaumaschinen, und die drücken den Hohlraum zusammen. Martens:

"Für diese Instandhaltung müssen die Maschinen bewegt werden und muss auch sicherlich der Ausbau in kleinen Schritten bewegt werden, damit der der Rest einfach nicht fest eingekeilt wird durch den Gebirgsdruck. Um den Ausbau zu bewegen, müssten Sie auch wiederum ein klein bisschen Kohle hereingewinnen, damit Sie wieder neuen Hohlraum schaffen, in den sich der Ausbau dann hinein bewegen kann."

Erfahrungswerten zufolge dauert es ein bis zwei Monate, ehe nichts mehr zu machen ist. Die Uhr läuft also.

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