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StartseiteDie neue PlatteFranzösischer Wohlklang27.12.2020

Werke von Ravel und ChaussonFranzösischer Wohlklang

Kurz vor seinem tödlichen Fahrradunfall im Jahr 1899 mit nur 44 Jahren schrieb Ernest Chausson sein Klavierquartett in A-Dur. Jetzt hat das Trio Machiavelli es zusammen mit dem Bratschisten Adrien Boisseau und Ravels a-Moll-Trio von 1914 auf seinem Debüt-Album kombiniert. Eine sehr gelungene Aufnahme, wie unsere Kritikerin meint.

Am Mikrofon: Elisabeth Richter

Ein Mann mit Cello und zwei Frauen, die in der Mitte mit Violine in der Hand, sitzen vor einer verglasten Wand. (Moritz Küstner)
Die Wege der Musikerinnen und Musiker des Trio Machiavelli kreuzten sich beim ARD-Musikwettbewerb. (Moritz Küstner)
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(Deutschlandfunk, Die neue Platte, 16.06.2019)

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Musik: Chausson - Klavierquartett A-Dur Op. 30, 3. Simple et sans hâte

"Simple et sans hâte" – einfach und ohne Hast, so hat Ernest Chausson den dritten Satz seines Klavierquartetts überschrieben. Das ein wenig folkloristisch klingende Stück wirkt wie eine kleine Ruheinsel in dem sonst durchaus von romantisch-orchestraler Opulenz geprägten Quartett. Schlicht, zart, anmutig ist die Musik. 

Gut dosierte Energie

Das Trio Machiavelli und der Bratschist Adrien Boisseau durchleuchten die dialogische, manchmal auch recht verschlungene polyphone Struktur. Sie werfen sich die musikalischen Motive mit gut dosierter Energie zu. Feine Pizzicati kontrastieren melodische Linien. Immer respektieren die vier Musikerinnen und Musiker den zarten Charakter, wissen aber um die an- und abschwellende Dynamik.

Musik: Chausson - Klavierquartett A-Dur Op. 30, 3. Simple et sans hâte

Dass Ernest Chausson sich zu Beginn seiner kompositorischen Laufbahn auch von Richard Wagner inspirieren ließ – er hatte in Bayreuth den "Parsifal" gesehen –, hört man seinem Klavierquartett nicht mehr an. Allenfalls die Dichte der musikalischen Textur spräche dafür. Doch die findet man auch bei anderen französischen Komponisten der Zeit. Chausson, der zuerst Jurist und auch schriftstellerisch und zeichnerisch ambitioniert war, studierte u. a. bei Jules Massenet und dem Belgier César Franck. Stilistisch wirkt seine Musik wie eine Brücke von der französischen Romantik a la Franck hin zum Impressionismus, zu Debussy und Ravel. Der Anfang des Klaviertrios kommt rhythmisch munter und recht handfest daher, klanglich taucht man aber in eine impressionistische Welt ein.

Musik: Chausson - Klavierquartett A-Dur Op. 30, 1. Animé

Das Trio Machiavelli und der Bratschist Adrien Boisseau sorgen vor allem für Durchsichtigkeit, sie bändigen die opulenten, schwelgerischen Passagen, sie bauen die Höhepunkte zwingend auf. Ihre technische Souveränität wird nie Selbstzweck, Natürlichkeit steht im Vordergrund. Die analytische Klarheit tut der Musizierlust des Quartetts nicht den geringsten Abbruch.

Musik: Chausson - Klavierquartett A-Dur Op. 30, 1. Animé

Wild und dramatisch geht es am Schluss des "Animé" (bewegt, lebhaft) bezeichneten Kopfsatzes von Chaussons Klavierquartett zu. Einen starken Kontrast bildet dann die Wärme und Innigkeit des zweiten Satzes "Très calme". Die schlichte Melodie voller Intensität und Innigkeit wandert durch die Stimmen.

Musik: Chausson - Klavierquartett A-Dur Op. 30, 1. Animé

Von der Ruhe und Spannung, mit der sich das Trio Machiavelli und der Bratschist Adrien Boisseau Chaussons Klavierquartett nähern, lebt auch Maurice Ravels berühmtes, 1914 entstandenes a-Moll-Klaviertrio. Mehr noch als bei Chausson kristallisiert das Trio hier die Farbschichten des Werkes heraus und läßt sie diskret schillern. Geheimnisvoll, schwebend, wie aus einer anderen Welt klingt so der Anfang des Trios. Wunderbar zart gestaltet Claire Huangci die hohen Pianissimo-Lagen des Klaviers, sphärisch-entrückt mischen sich dazu die Geigerin Solenne Païdassi und der Cellist Tristan Cornut, bis die Musik nach einer Minute fließender wird.

Musik: Ravel - Klaviertrio a-Moll, 1. Modéré

Man spürt, wie intensiv sich das Trio Machiavelli mit der musikalischen Stilistik von Maurice Ravel auseinandergesetzt hat. Die Mischung der Instrumente ist wohl balanciert, die irreale, so zerbrechlich-vage Klangwelt fein erfühlt, die Farben mit ungeheurer Sensibilität gemischt. Dass die Stimmung blitzschnell in verschattete, auch wahnhaft wilde Ausbrüche umschlagen und ebenso rasch wieder in Melancholie zurückkehren kann, vermittelt das Trio Machiavelli mit großer Eindringlichkeit.

Musikalische Reife

Das alles ist perfekt aufeinander abgestimmt. Manchmal vielleicht sogar ein bisschen zu perfekt. Man könnte sich die Not des Abgründigen noch brennender vorstellen. Ravels Trio spiegelt auch in den harschen Wechseln, den unruhig, zerfasert jagenden Passagen, den apathischen, fahlen Ruhestrecken die bedrohliche äußere politische Situation der Zeit. Während Ravel an seinem Trio schrieb, begann der erste Weltkrieg.

Musik: Ravel - Klaviertrio a-Moll, 4. Final. Animé

Das Trio Machiavelli arbeitet seit 2013 zusammen. Alle drei - die amerikanisch-chinesische Pianistin Claire Huangci, die französische Geigerin Solenne Païdassi und der französische Cellist Tristan Cornut - haben renommierte Wettbewerbe und Preise gewonnen, sie konzertieren auch solistisch. Solenne Païdassi und Tristan Cornut sind Konzertmeister in renommierten Orchestern. Die drei Trio-Mitglieder kennen sich schon seit Studium. Die Vertrautheit und vor allem die Erfahrung, die sie mitbringen, erklären die Reife, mit der das Trio Machiavelli Ravels musikalisch und intellektuell anspruchsvolles Trio angeht.

Musik: Ravel - Klaviertrio a-Moll, 2. Pantoum. Assez vif

Eine Besonderheit hat sich Ravel für den zweiten Satz seines Trios ausgedacht. Der Titel "Pantoum" bezieht sich auf eine Versform aus Malaysia. Hier erscheinen die zweite und vierte Verszeile einer Gedichtstrophe in der folgenden Strophe als erste und dritte Verszeile. Französische Poeten wie Victor Hugo oder Charles Baudelaire haben dieses Prinzip in ihre Dichtung übernommen.

Eindrückliches Debüt

Auch Ravel versucht es in seinem "Assez vif" (Ziemlich schnell) bezeichneten Satz zu übernehmen. Ständig kommt neues musikalisches Material hinzu. Möglicherweise sind dieses Prinzip und die drei, kontrapunktisch und harmonisch komplexen Themen in "Pantoum" auch Ausdruck der instabilen äußeren politischen Situation? Dazu gehört auch, dass Ravel Klangfarben und Metrik permanent wandelt.

Musik: Ravel - Klaviertrio a-Moll, 2. Pantoum. Assez vif

Bezieht sich Ravel mit "Pantoum" auf eine asiatische Kunstform, so basiert der dritte Satz "Passacaglia" auf der alten europäischen Tanz- und Variationenform des Barock über einer Basslinie. Das Archaische des Satzes, die nachdenkliche, tragische Stimmung vermittelt das Trio Machiavelli einmal mehr mit einer tragenden Ruhe. Die dynamischen Kulminationspunkte wurden sehr genau aufgebaut, Farbwirkungen überlegt gemischt.

Musik: Ravel - Klaviertrio a-Moll, 3. Passaicaille. Très large

Dem Trio Machiavelli empfiehlt sich mit einer eindrücklichen Debüt-CD. Komplexen kompositorischen Strukturen und Rhythmen fehlen nie der nötige poetische Zauber und der Hauch von Rätselhaftigkeit.

Musik: Ravel - Klaviertrio a-Moll, 4. Final. Animé

Maurice Ravel: Klaviertrio a-Moll (1914), Ernest Chausson: Klavierquartett A-Dur Op. 30
Trio Machiavelli
Adrien Boisseau, Viola
Label: Berlin Classics

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